Klare Position

Soziotheologische Erkundungen

In den Krisen der christlichen Kirchen unserer Zeit ragt eine als besonders bedrohlich hervor: der Relevanzverlust der Glaubensinhalte. Während mangelnde Finanzen, schlechte Strukturen oder der Missbrauchsskandal mit unterschiedlichen Maßnahmen wirksam bearbeitet werden könn(t)en, ist eine Arbeit an den Inhalten des Glaubens angesichts des Verlustes seiner Relevanz eine besondere Herausforderung.

Seit vielen Jahren greift der evangelische Theologe Gerhard Wegner in die Debatten um diese Krise ein, empirisch informiert und theologisch pointiert. Seine veröffentlichten soziotheologischen Erkundungen sind viel mehr als Erkundungen, sondern eine Elaboration seines Denkansatzes im Wechselschritt von theoretisch-theologischen Analysen und praktisch-empirischen Bezügen. Substanzielles Christentum wird für ihn zur Programmformel eines Denkens, das den Anspruch erhebt, christliche Theologie mit der Soziologie zu einer gemeinsamen Sache zu verbinden und damit – ja, und hier wird es dann ambivalent: die Sache Gottes in der Welt überzeugbar zu machen.

Im viele Jahre dominierenden Streit zwischen funktionalen und substanziellen Religionsdefinitionen verortet sich Wegner bereits mit der Überschrift eindeutig: Auf die Inhalte kommt es an! In Aufnahme der kirchen- und religionssoziologischen Erkenntnisse der vergangenen Jahre und insbesondere noch einmal aufgrund der Erfahrungen von Kirche in der Corona-Zeit stellt er fest: „Die vielen gern gepflegten Funktionalisierungen von Religion und Kirche verblassen in ihrer Nützlichkeit für die Gestaltung einer Zukunft des Christentums.“ Seine Denkbewegung führt ihn auf die Suche nach der Substanz des christlichen Glaubens, die er in der Kooperation von Theologie und Soziologie als „Soziotheologie“ elaboriert. Insbesondere in seinen Begegnungen mit den Ansätzen der 1960er-Jahre tritt Wegner einmal mehr als profunder Kenner dieser Szene hervor. An zwei Aspekten vertieft er seinen Ansatz: In der (aus seiner Sicht bis dato mangelhaften) Auseinandersetzung der deutschsprachigen Theologie mit Armut zum einen und in der Fokussierung auf „Ergriffenheiten“ als Erfassungsterminologie „substanzieller geistlicher Transformationserfahrungen“ zum anderen. Am Ende stehen Überlegungen über „Freilaufende Pfarrerinnen“ im Sozialraum, mit denen sich seine organisatorischen Zukunftsüberlegungen der evangelischen Kirche verbinden. Und ganz am Ende steht ein Plädoyer für eine neue Theologie, die Gott von der Natalität her denkt.

So wie diese Position am Schluss regen viele Gedanken und Schlussfolgerungen des Buches sehr zur Auseinandersetzung an. Und neben vielen Zustimmungen – etwa zum Plädoyer für die Sozialraumorientierung – rufen sie auch zu Widersprüchen auf: Sind etwa soziale Aktivitäten heutigen Gemeindelebens immer so klar von religiösen Erfahrungen zu trennen, wie es Wegner nahelegt? Wie kann denn Sozialraumorientierung gelingen ohne soziale Aktivitäten? Und zeigen Ansätze wie der von Tobias Braune-Krickau über religiöse Erfahrungen in der Diakonie nicht auch etwas Anderes, gerade wenn Gott substanziell als Liebe verstanden wird? Eines verblüfft mich besonders – und ich könnte es als Ausdruck des Defizits dessen lesen, was auch den Problemzusammenhang rund um die Relevanz von Kirche und ihren Verlust skizziert: das stetige Kreisen um sich selbst. Wegner stellt am Ende der soziotheologischen Programmatik fest, dass der Positivismusstreit in der Soziologie gepaart mit den Fragen der Religion in Deutschland zu wenig geführt wurde. Und es lassen sich Anmerkungen dazu finden, dass eine eher im englischen oder auch im niederländischen Raum auffindbare Position auch ihm sympathisch ist, die durchaus versuchen würde, Gott auch mit der empirischen Soziologie zu begründen. Warum werden diese Diskurse hier nicht eingebracht? Vielleicht liegt es daran, dass diese Positionen dort am Ende auch nur begrenzt mit Erfolg verbunden sind …?

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