Allen Teufeln Trutz

Tenorpreziosen dank Corona

Wir erinnern uns: Von einem Tag auf den anderen ging im März 2020 die Kirchenmusik in Deutschland in die Knie. Die Pandemie machte für Monate „Live-Formate“ unmöglich, und als es dann ab Frühsommer wieder bescheiden anfing (Maske, Abstand et cetera) mussten die Kantoreien weiterschweigen und auch (Ausnahme: Sachsen!) der Gemeindegesang. Aus dieser Not machte man vielerorts eine Tugend, indem anstelle des Gemeindegesangs mit Solisten und kleineren Ensembles musiziert wurde, denn die waren vom infektiologischen Verbot ausgenommen.

In der Frankfurter Dreikönigskirche konzipierten in dieser Zeit der Tenor Georg Poplutz und der Kirchenmusiker Andreas Köhs eine Gottesdienstreihe mit Solokantaten und kleinen instrumentalen Besetzungen. Das kam bei der zum Klangschweigen verurteilten Gemeinde bestens an und rief eine „anhaltende Begeisterung“ für die weithin unbekannten Kompositionen hervor, wie dem Beiheft der CD zu entnehmen ist. Und in der Tat: Diese Begeisterung kann man verstehen. Es ist, aller Telemann-Renaissance zum Trotz, das Schicksal der weit über eintausend Kantaten Georg Philipp Telemanns, dass sie unbekannt sind. Auf dieser CD wird mit dem berührenden „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“ ein solcher Schatz gehoben. Und im zweiten Rezitativ dieses Werkes findet sich dann der Satz, der als heimliches Motto der ganzen Aktion gelten kann: „So biet’ ich allen Teufeln Trutz! Mein Held, mein Jesus, ist mein Schutz.“ Ein weiterer Höhepunkt ist ohne Frage die großangelegte virtuose Kantate „Jauchzet dem Herren alle Welt“ von Nicolaus Bruhns (1665 – 1697), jenem genialen, leider schon mit Anfang Dreißig verstorbenen Musiker, der als Organist zu Husum wirkte und der neben großartigen Orgelwerken zumindest zwei Handvoll herausragende Kantatenkompositionen hinterlassen hat.

Der Tenor Georg Poplutz, seit vielen Jahren führender Sänger der deutschen Alte-Musik-Szene, macht diese Werke zu einem absoluten Hörgenuss. Sein kräftiger Tenor mit unverwechselbarem, flexiblem Timbre, seine großartige Textbehandlung und klug-innige Textdurchdringung verleihen diesen Preziosen des Barock die Deutung, die sie zum Glänzen bringen. Besonders liebevoll ist auch die durchdachte Anlage der ganzen CD, beginnend mit einem Dialog zwischen drei Schemelli-Liedern von Johann Sebastian Bach mit dem geistlichen Konzert „Aus der Tiefen ruf ich, Herr, zu Dir“ des Heinrich-Schütz-Schülers Christoph Bernhard (1628 – 1692), den man als „Kyrie“-Teil interpretieren könnte, bevor es mit der Telemann-Kantate dann in die Gefilde des Dankes, des Lobes, kurz des Glorias, geht. Insofern gilt: Diese CD ist auch als Gesamtkunstwerk eine Preziose und nachdrücklich zu empfehlen.

PS: Corona mag wenig Gutes gebracht haben. Solche kirchenmusikalischen Entdeckungen und Aktionen, der Not geschuldet, mögen aber dazugehören.


 

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