Ein „Himmelfahrtskommando“

Podcast zum Attentat 1972 während der Olympischen Spiele in München
Die Gedenkstätte für die Opfer des Olympia-Attentates von 1972 wurde 1999 vom Bildhauer Hannes L. Götz im Auftrag des Landkreises Fürstenfeldbruck geschaffen.
Foto: picture-alliance/Catherina Hess
Die Gedenkstätte für die Opfer des Olympia-Attentates von 1972 wurde 1999 vom Bildhauer Hannes L. Götz im Auftrag des Landkreises Fürstenfeldbruck geschaffen.

Patrizia Schlosser (*1986), Autorin preisgekrönter Podcasts, hat einen persönlichen Zugang zum Thema des mörderischen Attentats 1972 auf die Olympischen Spiele in München. Ihr Vater Guido Schlosser war am 5. September 1972 als junger Polizist beteiligt an dem desaströsen Polizeieinsatz auf dem Militärflugplatz Fürstenfeldbruck. Nun bespricht sie mit ihrem Vater die bis heute verborgenen Aspekte dieser Katastrophe.

Der persönliche Zugang ist doppelt riskant: Zum einen kennt auch Patrizia Schlosser den Satz: „Der Zeitzeuge ist der Feind des Historikers.“ Zum anderen begleiten starke Gefühle des Vaters die Recherche: „War ich ein Feigling?“ Oder: „Bin ich mit schuld am Tod der israelischen Sportler?“ Und: „Was hätte sein können, wenn ich anders gehandelt hätte?“ Hier wird der Umgang mit existenziellen Erfahrungen am konkreten Beispiel durchdekliniert: Angst, Schuld, Verantwortlichkeit.

Patrizia Schlosser spricht die im Raum stehenden Emotionen an. Sie stellt unangenehme Fragen: behutsam, aber ohne Scheu. Sie lässt den zögernden Antworten ihres Vaters Zeit. Vor allem aber setzt sie dem familiären Zugang ein Gegengewicht entgegen: Durch alle Folgen spielt sie die bohrenden Einwände von Ankie Spitzer ein. Die 76-jährige Ankie ist die Witwe des ermordeten Olympia-Trainers Andrei Spitzer.

Die Katastrophe von München tritt dabei nicht nur als dilettantischer Polizeieinsatz zu Tage. Sie ist vielmehr ein bis heute schamvoll verschwiegener politischer Skandal. Vor und während der Geiselnahme unterlaufen den Verantwortlichen verhängnisvolle Fehler. Und hinterher agieren sie mit Ausflüchten und Lügen. Zwanzig Jahre lang haben Verantwortliche die Existenz von Ermittlungsakten geleugnet. Heute sind die Unterlagen bekannt und dokumentieren die Versäumnisse mit den verheerenden Folgen. Am Anfang steht der Verzicht auf ein ernstzunehmendes Sicherheitskonzept bei der „heiteren“ Olympiade. Nichts soll an die Hitler-Spiele von 1936 erinnern. Aber der Drahtzieher des Anschlags erhält im Vorfeld logistische Hilfe von deutschen Neonazis. Dann fehlt es dem Münchener Krisenstab elementar an Struktur und Übersicht. Die Unterrichtung der Öffentlichkeit geschieht sträflich unkoordiniert. Eine Verkehrslenkung um die Schauplätze der Geiselnahme fehlt; mit tausenden Schaulustigen können Fernsehkameras die unbeholfenen Polizeiaktionen live mitansehen. Schließlich gab es keine Bereitschaft, von den Erfahrungen Israels im Umgang mit Terroristen zu lernen. Erst nach München wird die GSG 9 aufgebaut – nach israelischem Vorbild.

Die Ignoranz, mit der nur wenige Wochen später die drei überlebenden Attentäter unter dem Druck einer Flugzeugentführung freigelassen wurden, macht heute nicht allein Vater und Tochter Schlosser fassungslos. Deutschland versuchte sich klammheimlich aus der Affäre zu ziehen. Sollten andere sich beim Kampf gegen den Terrorismus die Hände schmutzig machen und ihre Landsleute in Gefahr bringen. Diese Rechnung konnte nicht aufgehen.

Der Podcast komponiert Sequenzen des Gesprächs gekonnt mit historischen Tondokumenten und neuen Interviews. Eindringliche, aber nie aufdringliche Sounds von Dagmar Petrus rahmen die Bruchstücke und geben Raum, das Unerhörte abklingen zu lassen. In der letzten Folge erleben wir dann, wie der ehemalige Polizist und die Witwe des Sportlers einander begegnen, die Töchter Patrizia und Anouk an ihrer Seite. Ankie Spitzers Haltung berührt tief: Sie empfängt den Polizisten in ihrer Wohnung in Tel Aviv mit Herzlichkeit. Sie ist zur Versöhnung bereit. Aber sie besteht darauf: Die bittere Wahrheit gehört ausgesprochen.

 

Der achtteilige Podcast „Himmelfahrtskommando – Mein Vater und das Olympia-Attentat“ ist abrufbar über die ARD-Audio- und die BR-Mediathek.

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