Politik und Meditation

Die Kirchen ergänzen die Kasseler Documenta erneut mit eigenen Beiträgen
Im August zeigt Sonja Meller ihre Installation „Honighimmel“ in der evangelischen Karlskirche in Kassel.
Foto: Norbert Artner
Im August zeigt Sonja Meller ihre Installation „Honighimmel“ in der evangelischen Karlskirche in Kassel.

Eine Stadt im Zeichen der Kunst und des Streits darüber: Noch bis 25. September ist Kassel Schauplatz der Documenta. Die 15. Ausgabe hat das indonesische Künstlerkollektiv Ruangrupa kuratiert, dessen Werkauswahl bereits ein politisches Nachspiel hatte, nachdem eine Arbeit mit antisemitischem Inhalt an einem exponierten Ort unmittelbar vor der Eröffnung aufgestellt und nach heftigen Protesten wieder abgehängt worden war. Der Anteil westeuropäischer und nordamerikanischer Arbeiten dürfte so niedrig wie nie zuvor liegen. Der asiatische und afrikanische Part markiert das Gegenteil. Hoch ist auch der Anteil jener Werke, die ihren Fokus auf Natur und umfassende Gerechtigkeit richten, sowie derjenige künstlerischer Kollektive. Und wie gewohnt beteiligen sich auch die Kirchen am Gesamtprogramm der Kunstschau.

Die Gruppe Ruangrupa setzt dem westlichen Leistungsprinzip die Idee der Solidarität entgegen. Das zentrale Fridericianum wurde zum Raum der Begegnung, mit Werkstätten, in denen Kunstschaffende zum Gespräch und Mitmachen einladen. Man möchte die Idee einer friedlichen Weltgemeinschaft illustrieren, die niemanden aufgrund von Hautfarbe, Klasse oder geografischer Herkunft benachteiligt – ein Anliegen, das sich mit kirchlichen Prinzipien klarerweise berührt, dem aber nicht jede Arbeit hier entspricht, erst recht nicht natürlich die erwähnte, massiv kritisierte.

In den nicht weit vom Fridericianum gelegenen Gotteshäusern sind Kunst­installationen aufgebaut, die zur Besinnung einladen und so für willkommene Abwechslung im Documenta-Trubel sorgen. Das raumgreifende „Poem for Pearls“ der Künstlerin Birthe Blauth in der hellen katholischen St.-Elisabeth-Kirche weckt paradiesische Assoziationen: Im Zentrum einer Kunstrasenfläche steht eine große Schale mit vielen glänzenden Perlen. So lange der Vorrat reicht, können sich Besucher eine davon mitnehmen, um die beeindruckende Arbeit aktiv in Erinnerung zu behalten. Im Gegensatz zu so vielem, was diese Documenta zeigt, wird hier weniger auf politische Wirkung gesetzt. Es geht darum, zur Ruhe zu kommen und die Gedanken auf etwas zu richten, was alle Politik übersteigt: die Dimension der Ewigkeit.

Abstrakt-konstruktiv ist auch die Bildsprache jener Werke, die in der evangelischen Karlskirche zu sehen sind. Unter dem Motto „drei in eins“ werden auch Musik- und Wortbeiträge sowie Themengottesdienste geboten. Fünf Künstlerinnen präsentieren ihre bemerkenswerten Installationen nacheinander für jeweils ein bis zwei Wochen. Im August zeigt zuerst Sonja Meller ihre Installation „Honighimmel“; dabei fließt Honig in einem dünnen Faden von der Decke, sammelt sich in einer goldenen Schale an und weckt Assoziationen zum biblischen Land, in dem Milch und Honig fließen. Danach lässt Anna Myga Kasten „Fliegende Dinge wie Schiffe“ aus lichtem Papier über den Köpfen der Betrachter schweben. Den Kunstreigen beschließt dann ab 12. September Kristin Lohrmanns Installation „Grasstücke“, bei der mehr als 8000 Bleistifte für die Halme stehen. Erneut das große Ganze: Es geht um Natur, die Welt und darum, welchen Platz sie in unseren Gedanken und der Gesamtheit der Kultur haben. An den Hauptorten der Documenta hätte man sich mehr Informationen zu den gezeigten Arbeiten gewünscht, um nicht den Eindruck purer Beliebigkeit entstehen zu lassen, einer Beliebigkeit der Auswahl und der Kunstzuschreibung. So ließen sich einige Missverständnisse vermeiden. In den zwei Kirchen kann von Beliebigkeit keine Rede sein. Hier ist Stimmigkeit das leitende Prinzip. 

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