Essiggurken im Fruchtsalat

Singles können glücklich sein. Ehrlich!
Foto: privat

Päpste sind ja von Amts wegen vom Katholizismus begeistert. So natürlich auch Papst a.D. Benedikt, der sogar vorher wusste, dass Menschen, die nie vom katholischen Glauben gehört hatten, von ihm begeistert sein würden. 2007 behauptete er, die Indigenen Südamerikas hätten vor Ankunft der Kolonisatoren den Katholizismus „still herbeigesehnt“. Möglicherweise waren die Indigenen mit ihrer eigenen Religion ganz zufrieden, aber etwas in ihnen, das eben sehr still war, sagte ihnen, dass da etwas Besseres kommen müsse.

Heute leben 16,8 Millionen Menschen in Deutschland, die oft gar nicht wissen, wie schlecht es ihnen geht. Vielen von ihnen meinen vielleicht, es ginge ihnen gut, manche sind so richtig glücklich – wenn da nicht diese Stimme wäre, die still darauf beharrt, dass das nicht sein kann. Ich spreche von Singles. Ganz gleich, was sie über sich selbst sagen – Nicht-Singles wissen, was Singles still herbeisehnen: die Zweierbeziehung. „Offenbar ist eine alleinstehende Frau für viele noch immer das Schlimmste, ein vollkommen inakzeptabler Zustand. Man kann geschieden sein, zum vierten Mal verheiratet, man kann schwul, lesbisch, irgendwas sein, aber alleinstehend, das geht nicht, da ist was faul.“ sagt die bayerische Politikerin Ilse Aigner.

Ist es wahr, dass die gesellschaftliche Akzeptanz verschiedener Lebensformen am Singlesein ihr Ende findet? Ja und nein. Nein, wenn die betroffene Person glaubhaft an ihrer Lebensform leidet und an deren Abschaffung arbeitet, indem sie zum Beispiel bei Tinder oder Parship unterwegs ist. Dann wird sie von Nicht-Singles unterstützt und angefeuert: „Halte durch! Jeder Topf findet seinen Deckel!“ Und ja, wenn die betroffene Person den zwingenden Zusammenhang von Glück und Zweierbeziehung bestreitet, wenn sie fröhlich und frei durchs Leben geht. Dann ist etwas „faul“, sagt Frau Aigner. Recht hat sie.

Ich habe viele Jahre meines Lebens als Single verbracht, glückliche Jahre, wären da nicht die permanenten Unterstellungen gewesen, diese Bemerkungen, die ich als verletzend empfinde: „Du ein Single? Dabei siehst du doch ganz gut aus.“ – „Warum gehst du nicht mal in die Bar X? Ich habe da meinen Mann kennen gelernt.“ – „Guck mal, eine Gruppenreise, wäre das nicht was für dich?“ Mein Protest verhallte ungehört. Denn mein Umfeld wusste von meiner vermeintlich stillen Sehnsucht nach einer Zweierbeziehung, die ich nur „verdrängte“. Es sei an der Zeit, mich dem zu stellen, damit ich dann endlich in der Paarbeziehung mein Glück fände. Die Idealisierung der Zweierbeziehung machte aus mir eine „Essiggurke im Fruchtsalat“ (Wendy Widder).

In dieser Zeit hätte ich meine Kirche gebraucht, die krachend mit der Faust auf den Tisch haut und „Erster Korinther sieben sieben!“ brüllt. Die laut und deutlich von Jesus, dem Single, spricht und vom Cheftheologen Paulus erzählt, der als Single lebte und das Singlesein seinen Gemeindemitgliedern dringend anempfahl. Diese Kirche hätte von den Schätzen geschwärmt, die Singles mitbringen, von ihrer Kreativität und Kontaktfreudigkeit. Und sie hätte betont, dass vor Gott kein Stand zählt und niemand aufgrund der Lebensform benachteiligt oder bevorzugt wird. Schließlich hätte sie vielleicht sogar eine Theologie der Freundschaft entworfen, in der Begriffe wie „Intimität“ und „Dauerhaftigkeit“ ihren Platz finden.

Die verfasste evangelische Kirche hält sich dagegen an das „Leitbild Ehe“ – wohl auch, weil Martin Luther bekanntlich ein großer Fan der Ehe war. Dabei gibt es auch den anderen Luther, der zufriedene Singles kannte. Es gäbe nicht viele von ihnen, sagte der Reformator, aber eines seien sie gewiss: „Gottes besondere Wunderwerke“.

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