In Stein gemeißelte Erotik

Warum die Tempel von Khajuraho einst abgerissen werden sollten
Lakshmana-Tempel
Foto: Nick Reimer

Die Reliefs der Tempelstadt von Khajuraho aus dem 10. bis 12. Jahrhundert im zentralen indischen Bundesstaat Madhya Pradesh zeigen Sex in allen möglichen Varianten. Warum, das ist unklar. Ein spirituell-religiöser Hintergrund ist jedenfalls wahrscheinlich.

Eine Frau sitzt, die Beine weit gespreizt, rittlinks auf einem Mann, offensichtlich ist das Paar im Geschlechtsverkehr vereint. Zwei andere Frauen liegen ihnen zur Seite, und liebkosen einander, der Mann fasst beiden in den Schritt.

Ist das jetzt heilig? Oder Kunst? Blasphemie? Oder Pornografie? Jedenfalls ist es Sandstein. Und mindestens eintausend Jahre alt. Wir befinden uns in der Tempelstadt von Khajuraho im zentralen indischen Bundesstaat Madhya Pradesh. Eigentlich ist die verschlafene Kleinstadt keine Reise wert – wären da nicht diese heiligen Bauwerke. Es gibt eine Tempelgruppe im Westen, die dem Hinduismus geweiht ist. Es gibt eine Ostgruppe, deren Bauwerke zu großen Teilen den hierzulande wenig bekannten Glauben des Jainismus huldigen. Die Jainisten, weltweit etwa 4,4 Millionen Menschen, treten für die Nichtverletzung von beseelten Existenzen ein, also beispielsweise von Tieren. Und es gibt eine Südgruppe sowie eine Vielzahl von Einzeltempeln, die darauf schließen lassen, dass die Tempelstadt aus dem 10. bis 12. Jahrhundert einst viel größer war, als die Überreste heute noch belegen.

Nicht jedes Ornament zeigt Details einer ekstatischen Sexorgie. Manchmal sind Drachen dargestellt, Elefanten, Krieger oder mit Flügeln behaftete Fabelwesen und auch Alltagsszenen. Nur etwa ein Zehntel der Plastiken befasst sich mit erotischen Handlungen. Aber der Sex steht häufig im Zentrum der Bilder.
Foto: Nick Reimer

Nur etwa ein Zehntel der Plastiken befasst sich mit erotischen Handlungen. Aber der Sex steht häufig im Zentrum der Bilder.

 

Was die Tempel alle eint: Sie sind mit derart explizit sexuellen Darstellungen verziert, dass man meinen könnte, das Kamasutra, der indische „Leitfaden zur Liebeskunst“, sei hier ursprünglich bebildert worden. Dargestellt werden vollbusige Frauen, die kokett ihre Arme in die Hüfte stemmen, kniende Frauen, die Penisse von stehenden Männern bespielen, gebückte Frauen, hinter denen ein Mann am Werke ist – etliche der Skulpturen sind so fein aus Stein gemeißelt, dass sie auch nach eintausend Jahren noch lebendig wirken.

Nicht nur Sex

Freilich zeigt nicht jedes Ornament Details einer ekstatischen Sexorgie. Manchmal sind Drachen dargestellt, Elefanten, Krieger oder mit Flügeln behaftete Fabelwesen. Es gibt auch Alltagsszenen, nur etwa ein Zehntel der Plastiken befasst sich mit erotischen Handlungen. Die scheinen aber an den Außenmauern der Tempel immer im Zentrum zu stehen. Und sie scheinen in ihren Darstellungen das nur Denkbarste in Sachen Geschlechtsverkehr ausreizen zu wollen – bis hin zur Sodomie, also dem Sex mit Tieren.

Tempel
Foto: Nick Reimer

Fragt sich, wer heiligt hier wen? Und warum? „So ganz genau wissen wir das nicht“, sagt Rajendra Dwivedi. Der 34-Jährige betreibt in Khajuraho einen Antiquitätenladen, auch in seinem Sortiment gibt es üppige Tänzerinnen aus Bronze, „original aus den Tempelanlagen ausgegraben“, wie der Händler beschwört. Allerdings findet sich im Sortiment des Ladens nichts, was auch nur annähernd so anzüglich wäre wie die Sandsteinplastiken an den Tempelwänden. „Was wir wissen ist: Die Tempel wurden von der Herrscherdynastie der Chandelas angelegt“, sagt Rajendra Dwivedi.

Göttliche Körper

Die Chandelas beherrschte Nordindien zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert. „Es wird vermutet, dass sie den Tantrismus pflegten“, also eine esoterische Form des Hinduismus. Der Antiquitätenhändler sagt: „Innerhalb dieses Glaubens wurde der weibliche Körper als eine göttliche Erscheinung verehrt.“ Aber dazu kam dann wohl auch noch, dass sich die Herrscher der Chandelas selbst für vollkommen, ergo für anbetungswürdig gehalten haben, weshalb sie diese steingewordene „Erotik zum Staunen“ ganz bewusst gefördert haben: „Das hat wohl auch dem eigenen Machterhalt gedient.“ Und sollte vermutlich zugleich dafür sorgen, dass für die vielen Feldzüge jederzeit genügend Soldaten zur Verfügung stehen. Das ist die eine Theorie. Andererseits könnte „Mithuna“ eine Erklärung für die Sandsteinerotik liefern: das „Himmlische Liebespaar“. In ganz Nordindien war die Darstellungen „Mithunas“ weit verbreitet, es gibt Plastiken, deren Ursprung auf die Zeit weit vor Christi Geburt datiert sind. Das Liebespaar symbolisiert die Vereinigung von gegensätzlichen Prinzipien, als die Mann und Frau damals angesehen wurden. Erst durch ihre Durchdringung wird ein Zustand überirdischer Harmonie erreicht, weshalb es einen weit verbreiteten Kult um dieses „Himmlische Liebespaar“ gab – bis hin zu „Mithuna-Rituale“, in denen sich Frauen und Männer kollektiv zu vereinigten suchten. Heute würde man so etwas wohl als Gruppensex bezeichnen.

In Sanskrit, einem der ältesten Sprachen der Welt, sieht die Beschreibung des „Himmlischen Liebespaares“ so aus:
Übersetzen kann man dies sowohl als „Paar“, „Vereinigung“ oder „Geschlechtsverkehr“. Die Sandsteinbildhauer in Khajuraho hatten also einen gewissen Interpretationsspielraum. Zudem schufen sie mit ihren Arbeiten auch eine Besonderheit in der indischen Kultur des Mittelalters, denn sie zeigen Surasundaris, auf Sanskrit , 
was mit „Himmlische Schönheit“ zu übersetzen ist. Abgesehen von Göttinnen wurden Frauengestalten bis dahin nie einzeln, sondern nur in Begleitung von Männern abgebildet. So gesehen, emanzipierten sich die Frauen an den Tempelwänden in Khajuraho aus dieser Begleiterrolle, hier präsentieren sie sich als „Schöne Mädchen“, die in verschiedenen Posen ihre körperlichen Reize zur Schau stellen, auf dass der Betrachter diesen huldigen möge.

Manchmal sind Drachen dargestellt, Elefanten, Krieger oder mit Flügeln behaftete Fabelwesen und auch Alltagsszenen. Nur etwa ein Zehntel der Plastiken befasst sich mit erotischen Handlungen. Aber der Sex steht häufig im Zentrum der Bilder.
Foto: Nick Reimer

Nicht jedes Ornament zeigt Details einer ekstatischen Sexorgie. Manchmal sind Drachen dargestellt, Elefanten, Krieger oder mit Flügelnbehaftete Fabelwesen und auch Alltagsszenen.

 

Andere Fragen der Tempelstadt sind bis heute noch weniger beantwortet – und werden es womöglich auch bleiben. Beispielsweise: Wo kam der Sandstein her? Rings um Khajuraho gibt es Basalt, Granit und vulkanisches Gestein. Frage Nummer zwei: Woher kamen die vielen Bildhauer, die in der Lage waren, derart fein zu formen? Vergleichbare Handwerkskunst sucht man in Indien vergebens.

Der Lakshmana-Tempel, etwa 950 fertig gestellt, besteht beispielsweise aus fünf großen Einzelbauten und war für viele Jahrhunderte das größte dem Gott Vishnu geweihte Bauwerk. Lakshmi ist im Hinduismus die weiblich gedachte Seite des Göttlichen, hier hält beispielsweise eine Frau das erigierte Glied eines Mannes in der Hand, während sich ihr ein anderer von hinten nähert. Der um 1 000 erbaute Vishvanatha-Tempel besteht wiederum aus mehreren hintereinander gestaffelten Hallen – und verehrt unter anderem Parvati, eine hinduistische Muttergöttin. Allein diese beiden Tempel sind mit abertausenden Skulpturen verziert. Neben der Urheberschaft der vielen filigranen, handwerklichen Arbeiten ist auch diese Frage ungeklärt: Warum entstand die Tempelstadt ausgerechnet hier?

Wobei die fehlende Antwort auf diese Frage vielleicht ein Glücksumstand ist: Ab dem 13. Jahrhundert eroberten Moslems Indien. Das „Sultanat von Delhi“ breitete sich immer weiter aus, was vielerorts auch zum Glaubenskrieg führte und schließlich zur Zerstörung von Abbildern des „Himmlisches Liebespaares“. Auch die Dynastie der Chandelas geriet unter Druck, was sie offensichtlich bewog, die Tempelstadt von Khajoraho aufzugeben. Der Urwald überwucherte sie bald, und weil hier nie eine Handelsroute vorbeiführte, gerieten die Bauten in Vergessenheit.

Prüde Gesellschaft

Was empfindet Rajendra Dwivedi, wenn er solche Plastiken betrachtet? Der 34-Jährige druckst ein bisschen herum, dann sagt er: „Die indische Gesellschaft ist heutzutage sehr prüde.“ Er selbst hat 15 Mal eine von seinen Eltern arrangierte Hochzeit abgelehnt, „beim 16. Mal habe ich eingewilligt, auch der Großmutter wegen, die mittlerweile sehr alt ist und den Enkel unter der Haube wissen wollte“. Rajendra Dwivedi hat heute einen vierjährigen Sohn. „Meine Frau ist schön“, sagt er, fügt aber an, dass Schönheit nicht das Wichtigste sei, für eine erfolgreiche Ehe. Sein Vater ist hinduistischer Priester, weshalb die Familie zur ersten Kaste gehört. Ausgesucht werden konnte seine Frau auch nur in dieser Kaste. „Die Kasten entsprangen Purusha, dem Urmenschen“, sagt Rajendra Dwivedi. Aus dessen Kopf entstand demnach die erste Kaste: Priester und Gelehrte. Die zweite Kaste, die Krieger, Fürsten und Beamten, sind aus dem Körper Purushas hervorgegangen, die dritte Kaste aus den Armen: „Das sind die Händler, Geldverleiher und Bauern“, sagt Rajendra. Aus den Beinen schließlich entsprangen die Arbeiter und Knechte. Eine Chance, die Kaste zu wechseln, gibt es nur durch die Wiedergeburt, und auch nur falls das Karma dafür ausreicht, weshalb die Gläubigen versuchen, viele gute Taten anzuhäufen.

Antiquitätenhändler Rajendra Dwivedi verkauft Tänzerinnen aus Bronze.
Foto: Nick Reimer

Antiquitätenhändler Rajendra Dwivedi verkauft Tänzerinnen aus Bronze.

 

Wieso betätigt er sich als Antiquitätenhändler, wenn er erste und nicht dritte Kaste ist? „Ich stehe ja nicht selbst im Laden“, sagt Rajendra, dafür hat er einen Angestellten. Er bietet zum Beispiel auch Stadtrundgänge an. Im Viertel der vierten Kaste – Kastenmitglieder leben in eigenen Stadtteilen unter sich – gibt es ebenso wohlhabende Häuser, wie in seinem eigenen Viertel der ersten Kaste ärmliche Behausungen zu finden sind. „Es ist nicht so, dass die vierte Kaste die Armen sind, auch in der vierten Kaste kann man es zu etwas bringen!“ Freilich ist das schwieriger als etwa für ihn, der in Delhi studiert hat und deutsch mittlerweile so perfekt beherrscht, dass er manchmal für die deutsche Botschaft als Übersetzer arbeitet.

In Khajuraho haben die Frauen vor den Haustüren den Boden mit Kuh-Urin bestrichen, das soll die Moskitos abhalten, aus dem Dung der Kühe haben sie Figuren geknetet und mit Blumen verziert, um die Götter gnädig zu stimmen. Gewaschen wird sich in den Kastenvierteln in „Gemeinschaftsbädern“ – geflieste Gevierte mit Wasseranschluss. Frauen ziehen sich dabei nicht aus, sie tragen weiter ihren Sari, jenes traditionelle indische Frauengewandt, das aus dichtem Stoff genäht ist. Zudem tragen sie beim Waschen ein Glöckchen mit sich, damit Männer Bescheid wissen. Mehrmals am Tag wird sich gewaschen, aber so pragmatisch, dass hier wirklich weit und breit kein Platz für Erotik ist.

Debatte in London

Welche Rolle die amourösen Tempelwände in seinem Alltag spielen? „Immerhin leben wir ja davon“, sagt Rajendra Dwivedi. Khajuraho mit seinen gerade einmal 25 000 Einwohnern ist die kleinste Stadt in Indien, die über einen Flughafen verfügt. Auch die Zuganbindung zur Hauptstadt Delhi, nach Agra mit seinem Taj Mahal oder der heiligen Hindu-Stadt Varanasi ist gut. „Zu mancher Jahreszeit gibt es bei uns mehr Touristen als Einwohner.“ Schon seit 1986 zählt die Tempelstadt zum Weltkulturerbe der UNESCO, heute gehört sie zu den am meisten besuchten Sehenswürdigkeiten Indiens.

Lakshma
Foto. Nick Reimer

Von wohl einst etwa 80 Tempeln sind heute nur 25 zu besichtigen.

 

Dabei wäre sie beinahe abgerissen worden. Es war ein britischer Landvermesser, der 1833 die Tempel im tiefen Dschungel wiederentdeckte. Nach seinem detaillierten Bericht an den britischen König William IV. – Indien war damals Kolonie – entbrannte am Londoner Hofe eine ernsthafte Diskussion darüber, ob man diese Tempel nicht besser abreißen sollte. Die drastischen sexuellen Darstellungen wurden als „ausgesprochen obszön“ bewertet – und eben nicht als „schutzwürdig“.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde begonnen, die Tempel zu restaurieren, 25 von ehemals schätzungsweise 80 Anlagen sind heute zu besichtigen. Aber in Khajoraho gibt es neben den geheiligten Hallen eben auch zu sehen, wie die indische Gesellschaft mit ihren tradierten Vorstellungen im 21. Jahrhundert kämpft. „This man has a very fresh banana“, erklärt ein Fremdenführer seiner Gruppe, und nutzt einen Spiegel, um mit dem reflektierenden Sonnenlicht die Aufmerksamkeit tatsächlich auf das entsprechende Fries mit der erotischen Szene am Devi-Jagadambi-Tempel zu lenken.

Es gibt Gekichere, eine junge Frau hält sich erschrocken die Hand vor den Mund. Dann allerdings zückt sie doch ihr Handy, um ein Foto von der „frischen Banane“ zu schießen. Vermutlich würden ihre Freundinnen ihr sonst das Gesehene nicht glauben. 

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Foto: Matthias Rietschel

Nick Reimer

Nick Reimer ist Journalist und Autor zahlreicher Veröffentlichungen zum Thema Umwelt- und Klimaschutz. Er lebt in Berlin.


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