Fluide Erzählung

Christina Bickel untersucht das Werk des niederländischen Schriftstellers Maarten ’t Hart
Christina Bickel
Foto: Max Muselmann

An der Schnittstelle zwischen Theologie und Literaturwissenschaft verortet sich die Dissertation von Christina Bickel. Die 40-jährige Pfarrerin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck hat das Erzählwerk des Niederländers Maarten ’t Hart analysiert und beschreibt, wie man die daraus gewonnenen narratologischen Erkenntnisse auf Predigten übertragen kann.

Aufgrund meiner Leidenschaft für Romane, Erzählungen, Poesie und Sprache sowie meines Interesses an theologisch-philosophischen Fragestellungen entschloss ich mich, in Marburg Germanistik, Latinistik und Evangelische Theologie zu studieren. Bereits im Studium nahm ich gerne eine interdisziplinäre Perspektive auf Literaturwissenschaft und Theologie ein, beschäftigte mich beispielsweise mit Religion in Texten und Werken der Romantiker:innen. Zum ersten Mal mit Maarten ’t Hart in Verbindung gekommen bin ich im Vikariat in Kassel und Hofgeismar, als ich Romane von ihm zur Einstimmung auf eine ökumenische Studienreise nach Amsterdam las.

Der humorvolle und spielerische Umgang mit dem strengen Calvinismus, die bildreiche und originelle Darstellung von Glauben und Unglauben haben mich in ihren Bann gezogen. ’T Hart gießt sperrig erscheinende theologische Gehalte wie die Prädestinationslehre in neue Formen und überführt sie in neue Leichtigkeit. Damit erreicht er das Leser:innenpublikum einer pluralistischen Gesellschaft, das in unterschiedlichen Religiositäten Anknüpfungsmöglichkeiten und Verortungsräume findet.

Daraus stellte sich mir die Frage, welche Schlüsse sich für eine zeitgemäße Kommunikation der christlichen Tradition in der modernen Gesellschaft ergeben.

In meiner Dissertationsschrift „Religion im Werk von Maarten ’t Hart. Eine narratologische Analyse in praktisch-theologischer Perspektive“, die von Professor Thomas Erne in Marburg wissenschaftlich begleitet wurde, habe ich das Werk in zwei Horizonten wirkungsästhetisch analysiert, zum einen in dem der Literaturwissenschaft und zum anderen in dem der Religionsphilosophie. Besonders anregend war der zeitzeichen-Artikel von Klaas Huizing im September 2009, der die rhetorische Frage gestellt hat, wie anders als religiös man die Literatur ’t Harts nennen sollte.

Bereits im Studium der Neueren deutschen Literatur bei Professor Thomas Anz hatte ich mich intensiv mit Erzähltheorien beschäftigt. Während meiner Arbeit an der Dissertation habe ich dieses Wissen durch Beschäftigung mit dem französischen Strukturalismus, Semantik- und Intertextualitätstheorien vertieft und das erarbeitete Methoden- und Theorienrepertoire geordnet.

Nachdem ich mich durch den Großteil von Maarten ’t Harts Prosa gearbeitet hatte, legte ich beispielhaft den Fokus meiner Untersuchungen auf den Roman Das Wüten der ganzen Welt: ein Kriminalroman, in dem es um Krieg, Verfolgung, Missbrauch und Identität geht. Aus dem Nationaal Documentatiecentrum Maarten ’t Hart in Maassluis bekam ich zahlreiche Rezensionen, Zeitschriften- und Zeitungsartikel von den 1970er-Jahren bis zur Gegenwart ausgehändigt, so dass ich über die Rezeption der Werke einen weiten Einblick bekam – mitunter auch in die Travestie des Autors, die als Motiv und literarisches Verfahren in seinem Werk immer wieder eine Rolle spielt. Denn ’t Hart ist ein Meister darin, Schwebezustände zu erzeugen, und dies nicht nur in Hinblick auf Gender, sondern auch auf Religion. Eben darin dürfte seine Modernität gründen.

Um ’t Harts Œuvre genauer in seinen Besonderheiten zu erschließen und zu verstehen, habe ich die Romane weiterer niederländischer Autor:innen gelesen, in denen es um eine persönliche Auseinandersetzung mit dem Calvinismus geht. Durch den Vergleich mit Jan Siebelink, Jan Wolkers und Franca Treur konnte ich das, was Religion im Werk von ’t Hart ausmacht, genauer zu fassen bekommen: wie etwa in der Form des sich wiederholenden Motivs transzendenten Musikerlebens, insbesondere beim Hören von Mozart oder Bach. Oder die humorvollen Brechungen und sein origineller Umgang mit Religion – trotz Dunkelheit, Enge und Dogmatismen. Darin sehe ich die große Stärke seiner Literatur.

Maarten ’t Hart ist im streng calvinistischen Milieu aufgewachsen und hat sich im Laufe seines Lebens davon gelöst. Und trotzdem kann man sich des Eindrucks nicht erwehren und auch an Textstellen belegen, dass er noch immer damit ringt. Denn Religiosität bietet ihm Heimat und etwas Vertrautes. Er kommt Zeit seines Lebens nicht davon los, so zeigt es sich jedenfalls in der Figur des werkimmanenten Ich-Erzählers, Protagonisten oder fiktiven Autors. Und der empirische Autor ’t Hart selbst spielt nach wie vor bei Kasualien oder im Gottesdienst Orgel in Warmond bei Leiden. Der calvinistische Glaube einer Kindheit und Jugend hat sich in ästhetisches Transzendenzbewusstsein gewandelt.

Wie lässt sich das Changieren zwischen Glauben und Nicht-mehr-glauben-Können beschreiben? Um diese Fluidität darzustellen, verwendet ’t Hart Sprache im Als-ob-Modus. Daran können diverse Leser:innen anknüpfen. Solche, die das glauben, diejenigen, die indifferent sind, aber auch solche, die sich das partout nicht vorstellen können oder gar ablehnen. Wie kann das Changierende noch weiter religiös gefasst werden? Hier setzt Claus-Dieter Osthöveners Begriff der Religionsaffinität an, der ein lockeres Interesse an Religion bezeichnet, welches sich zwischen den Polen religiös und ästhetisch bewegt.

’T Harts Literatur zeichnet sich dadurch aus, dass sie von religiös-fluiden Formen durchwirkt ist und auf einladende Weise viele Lesarten und Anschlussmöglichkeiten anbietet. Dieser freiheitlich offene Wesenszug steht dem starren Calvinismus entgegen, führt in die Weite und lädt zur Diskussion ein.

Der Baseler Theologieprofessor Al-brecht Grözinger hat in seiner Homiletik den Begriff der „Anmutung“ eingeführt, mit dem er eine poetische Sprache bezeichnet, die ästhetisch von Gott redet. Diese „anmutende“ Sprache zeichnet sich durch cortesia, Gastfreundschaft, aus. Sie bietet Raum zur Verortung der Predigthörer:innen sowie einen Wirkungsraum für Gott. Die poetische Sprache beschreibt Grözinger in Anschluss an Johann Anderegg als „tentative Sprache“. Sie ist nicht indikativisch beschreibend und festschreibend, sondern konjunktivisch tastend und suchend. In ihr kann das Unbegreifliche, Unfassbare, Transzendente Raum gewinnen. Meine narratologischen Analysen können als poetologische Vertiefung dahingehend gelesen werden, mit welchen Erzähltechniken tentative Sprache ins Spiel der Predigt gebracht werden kann.

In meiner Arbeit als Pfarrerin in Oberkaufungen versuche ich, möglichst viel davon in meine Praxis einzubringen – ob im Literaturgottesdienst zu ’t Harts Der Flieger oder bei Orgelkonzerten mit Lesungen aus dem Bach- und Mozartbuch des niederländischen Autors. Die Dissertation hat meine kultur- und religionshermeneutische Kompetenz erweitert, meine Wahrnehmung im ästhetischen Bereich geschärft und mich sprachfähiger gemacht. 

 

Aufgezeichnet von Kathrin Jütte

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Kathrin Jütte

Kathrin Jütte ist Redakteurin der "zeitzeichen". Ihr besonderes Augenmerk gilt den sozial-diakonischen Themen und der Literatur.


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