Unter Spannung

Ökumene: Was eint die großen christlichen Kirchen noch bei ethisch-moralischen Themen?
Foto: epd-bild/Heike Lyding

Kurz vor der Sommerpause sorgte eine Ankündigung der Evangelischen Kirche in Deutschland für ökumenische Irritationen: Nach 30 Jahren will sie 2025 aus der „Woche für das Leben“ aussteigen. Die Initiative, die sich für den Schutz in allen Phasen des Lebens einsetzt, wurde 1991 als Aktionswoche von katholischen Laien und Bischöfen gegründet, 1994 kam der Rat der EKD dazu.

Der recht abrupte Ausstieg ist symptomatisch für das unter Spannung stehende Feld ökumenischer Zusammenarbeit bei ethisch-moralischen Themen. In dieser Legislaturperiode stehen heikle Themen auf der politischen Agenda, die den Lebensschutz betreffen: Die Neuregelung der Suzidbeihilfe, die Reform des Abtreibungsparagrafen und die Überlegungen zu Leihmutterschaft und Eizellenspende. Alles Themen, die auch in das Spektrum der traditionell im April stattfindenden Aktionswoche passen.

In katholischen Kreisen war die Empörung über den EKD-Beschluss groß. Als Grund für den Ausstieg gab ein Sprecher an, die Woche habe zuletzt „nur noch partiell und regional unterschiedlich“ öffentlich Wirkung gezeigt. Eine Haltung, die auch innerhalb der evangelischen Kirche, die für ihren Meinungspluralismus bekannt ist, auf Ablehnung stieß. So will etwa der württembergische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl das Format auf Landesebene fortsetzen.

Es hat sich etwas verändert im ökumenischen Balanceakt: Der Rat der EKD ist durch die zurückliegende Wahl 2021 jünger und weiblicher geworden. Das ist auch zu spüren, wenn manche Positionen überdacht und vorsichtig geöffnet werden – wie etwa die zur Sterbehilfe oder auch zum Thema Abtreibung.

Eindeutige ethische Positionierungen scheinen in der katholischen Kirche auf den ersten Blick zwar leichter, weil die Lehre etwa zu Suizid oder Schwangerschaftsabbruch strikt ist. Auf den zweiten Blick ist durch den derzeit laufenden Reformdialog jedoch zu erkennen, dass ein Großteil des katholischen Fußvolks liberaleren Positionen zustrebt. Die Bischöfe jedoch bleiben auch wegen ihres Richtungsstreits oft bei den alten Positionen – ob aus Überzeugung oder Strategie.

Offenbar wurden die ökumenischen Verschiebungen auch in der Debatte über die Suizidassistenz: Während sich der Rat der EKD hinter keinen der beiden Gesetzesvorschläge positionierte, sprachen sich Bischofskonferenz und die Laien im Zentralkomitee der Katholiken für den strengeren der beiden Gesetzesvorschläge aus. In diesem sollten eine Beratung und eine zusätzliche psychiatrische oder psychotherapeutische Begutachtung zur Bedingung für eine straffreie Abgabe todbringender Medikamente gemacht werden. Schließlich erreichte aber keiner der beiden Vorschläge die erforderliche Mehrheit.

Innerhalb der EKD gibt es seit 2020 eine Debatte über die Möglichkeit der Sterbehilfe in Einrichtungen der Diakonie, für die unter anderem der Diakonie-Präsident Ulrich Lilie, der hannoversche Landesbischof Ralf Meister und das EKD-Ratsmitglied Jacob Joussen argumentiert haben. Schon zu Beginn der Debatte hatte die katholische Kirche diese Möglichkeit für ihre Einrichtungen ausgeschlossen. Kongruent allerdings klangen die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus und der Vorsitzende der Bischofskonferenz Georg Bätzing in ihren Mahnungen, die Suizidassistenz dürfe in Deutschland für ältere und kranke Menschen nicht zum Normalfall werden, aus dem Leben zu scheiden.

Bei einem weiteren Thema zeichnet sich eine ökumenische Disbalance ab: Derzeit berät eine Kommission des Bundes über die Reform des Paragrafen 218 im Strafgesetzbuch, nach dem eine Abtreibung nur straffrei bleibt, wenn die Schwangere zuvor eine Beratung in Anspruch genommen hat. Während etwa die SPD-Politikerin Kerstin Griese, EKD-Ratsmitglied, die Auffassung vertritt, das Strafrecht sei nicht der richtige Ort, um Schwangerschaftskonflikte zu regeln, lehnt die Bischofskonferenz jegliche Änderung am Paragrafen ab.

In der Kommission ist die Institution Kirche nicht mal vertreten – und da liegt auch der Hase im Pfeffer. Mit der Medizinethikerin und früheren Ethikratsvorsitzenden Christiane Woopen berät immerhin eine prominente Vertreterin des Laienkatholizismus mit. Die EKD hatte öffentlich erklärt, man wolle in der Kommission gerne mitarbeiten. Dass dies nicht berücksichtigt wurde, spricht für den Relevanzverlust der kirchlichen Stimmen zu ethischen Themen. Nach den Regeln politischer Lobbyarbeit dürfte es wenig hilfreich sein, wenn die Kirchen sich auch nicht mehr auf eine Position einigen können, die sie in den öffentlichen Diskurs tragen.

Es scheint das Bild eines Bootes bei hohem Wellengang mit zwei Insassen auf: Wenn sich der eine zu weit hinauslehnt, muss der andere ausgleichen. Ungefährlich bleibt es nur, wenn beide in der Mitte des Bootes sitzen bleiben – übertragen auf die ethischen Debatten bedeutet das einen feinkalibrierten Balanceakt.

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