Getrost Sturm und Wellen trotzen

Eindrücke vom Abschlusstag der EKD-Synode in Magdeburg
Gottesdeinstblatt der EKD-Synode 2022
Foto: Reinhard Mawick
Programm des Eröffnungsgottesdienstes der EKD-Synode am 6.11. 2022 im Magdeburger Dom.

Nach intensiven inhaltlichen Inputs und Beratungen ging die 3. Tagung der 13. Synode der EKD heute zuende. Impressionen vom letzten Tag in Magdeburg samt einem ersten Resümee von zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick.

Es ist die Stunde der Elke König. Mit stoischer Geduld und im Modus stiller Freude moderierte die erfahrene Vizepräses der EKD-Synode am letzten Vormittag die Abstimmung über die Gesetzesvorlagen: „Ich sehe keine Wortmeldungen – Wir stimmen ab - Alle sind dafür. Danke!“

Ein eher mechanisches oder gar Litanei- artiges Verfahren, denn anders als in politischen Parlamenten gibt es keine Regierungsfraktionen, die zu jeder Phase der Gesetzgebung dafür und keine Oppositionsfraktionen, die zu jeder Phase dagegen plädieren müssen. Alles ist einstimmig zunächst, Gesprächsbedarf gibt es nicht. Und bleibt mal eine Stimmkarte zu lange stehen, erklärt die Vizepräses freundlich: „Das war die morgendliche Verzögerung“, um am Ende des ersten Beratungsblockes zu konstatieren: „Das war doch eine wunderschöne Aufwärmung für alles, was da kommt“

Stichwort Aufwärmung: Endlich konnte die 13. Synode „in echt“ tagen. Die konstituierende Sitzung der 13. Synode im Mai 2021 und schon die Sitzungen im November 2020 und auch die im November 2021 hatten nur per Zoom stattfinden können. Die Freude, sich real im Fleische zu treffen, war bei allen Synodalen durchgängig zu spüren. Und auch mit den Inhalten können die Verantwortlichen zufrieden sein. Bemerkenswert, wie viel Applaus und Anerkennung die Ratsvorsitzende Annette Kurschus für ihren mündlichen Ratsbericht bekam. 

Fehlte was im Ratsbericht?

Am Rande war zu hören, dass manchen hochmögenden Kollegen aus dem Kreis der Leitenden Geistlichen politische und sozialethische Konkretionen im Bericht zu fehlen schienen, aber auf Nachfrage konnten sie nicht sagen, was denn nun genau gefehlt hätte. Vielleicht jene Konkretion, die der ehemalige Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm geliefert hatte, der am vergangenen Freitag auf der Generalsynode der VELKD die Aktionen der Klimaaktivisten der „Letzten Generation" für „komplett kontraproduktiv" erklärt hatte?

Wohl kaum, denn die Synode selbst legte mit einem inhaltlichen dichten Vormittag zum Thema Klimaschutz dar, wie ernst es ihr mit dem Klimaschutz ist und wie ernst es ihr auch ist, mit den sogenannten Klimarebellen aus Gruppen wie „Letzte Generation“ oder „Extinction Rebellion“ ins Gespräch zu kommen, deren Anliegen zu verstehen und sich mit ihnen solidarisch zu zeigen. Insofern ist der vielbeachtete Auftritt der Klimaaktivistin Aimée van Baalen vor dem Plenum der Synode als ein ziemlich klares politisches Statement zu werten, zumal in einer Zeit, in der ein Spitzenfunktionär der CSU vor der Entstehung einer „Klima-RAF“ warnt und in Bayern Mitglieder dieser Gruppen vorbeugend in eine Art Schutzhaft genommen werden, was aus den Reihen der Synode auf scharfen Widerspruch stieß.

So mustergültig auch die Synode über die Klimaherausforderungen informiert wurde und dann darüber leidenschaftlich diskutierte, so sehr wurde doch auch damit gerungen, wie man nun endlich auch in der Kirche selbst ins Handeln kommen könne. Denn als Institution steht die Kirche in Deutschland mit ihren Gebäuden, Flächen und Konsumgewohnheiten in Sachen Klimaschutz noch längst nicht an der Spitze der Gesellschaft. Und so verabschiedete die Synode eine Klimarichtlinie, die Klimaneutralität bis 2035 anmahnt.

Synode symbolisch weiter als Rat und Kiko

Damit ging die Synode zumindest symbolisch weiter als die zuvor von Rat und Kirchenkonferenz verabschiedeten Klimarichtlinie, in der die Zahl 2045 steht, aber verbindlich ist das alles nicht. Der Hinweis eines Synodalen, man setze darauf, dass sich die meisten Landeskirchen vom ambitionierteren Ziel 2035 anstacheln lassen würden, hatte den Beiklang eines frommen Wunsches. Die Verabschiedung eines bindenden Gesetzes wiederum aber hätte keine Aussicht auf Erfolg gehabt, denn der föderale Aufbau der EKD macht es notwendig, dass jede Landeskirche jedes EKD-Gesetz für sich hätte bestätigen müssen. Das wäre bei den einen daran gescheitert, dass sie bereits sehr ambitionierte eigene Klimaschutzgesetze haben und bei den anderen daran, dass aufgrund ihrer Disposition eine Klimaneutralität bis 2035 aus ihrer Perspektive nicht erreichbar scheint.

Aber zumindest in Sachen Tempolimit wollte die Synode klar Stellung beziehen und so verabschiedete sie einen Beschluss, der zum einen die Selbstverpflichtung enthält, dass im kirchlichen Kontext ein Tempolimit von 100 km/h auf Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen praktiziert werden soll und zum anderen, dass die EKD alle gesellschaftlichen Kräfte unterstützen will, die dies zur Grundlage einer allgemeinen Gesetzgebung in Deutschland machen wollen, wobei man da auch erstmal mit Tempo 120 zufrieden wäre. So bliebe noch etwas Luft nach oben für die "bessere Gerechtigkeit" von Kirchenleuten, wie man böse anmerken könnte.

Einen echten Fortschritt hingegen scheint es bei der Prävention und Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt zu geben. Annette Kurschus, die Ratsvorsitzende, hatte das Thema direkt nach ihrer Wahl  zur Chefinnensache erklärt, und in dem Jahr seitdem ist eine Menge passiert: Aus dem Betroffenenbeirat, der vor einem Jahr in Konflikten auseinanderging, ist ein Beteiligtenforum geworden, das sicherstellen soll, dass Betroffene an allen Vorhaben und Regelungen bezüglich des Themas der sexualisierten Gewalt in der evangelischen Kirche zwingend beteiligt werden. Die Debatte des Themas und die Statements der Betroffenen auf der Synode unterstrichen den Anspruch und die Ernsthaftigkeit seitens aller Beteiligten.

Interessant ist, inwieweit sich diese Standards auch auf der Ebene der Gliedkirchen durchsetzen werden. Außerdem ist zu erwarten, dass es Streit geben könnte, wenn sich die Hoffnung vieler Betroffener auf deutlich höhere Entschädigungszahlungen weiterhin nicht erfüllt. Auf den Stand im nächsten Jahr darf man also gespannt sein. Insgesamt aber, so war auch bei den Betroffenenvertretern herauszuhören, sei die EKD verglichen mit dem Vorjahr auf einem besseren Weg.

Ringen um Friedensethik

Am meisten Aufsehen erregte über den Binnenraum der Synode hinaus das Thema Frieden. Der EKD-Friedensbeauftragte, der mitteldeutsche Landesbischof Friedrich Kramer, vertritt eine sehr spezielle pazifistische Position, die zumindest deutsche Waffenlieferungen ausschließt. Das trug ihm auf der Synode geharnischte Kritik ein, unter anderem die des nationalen Isolationismus durch den Synodalen Arnd Henze. Und schon im Frühjahr, wenige Wochen nach Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine hatte der Leiter des kirchenrechtlichen Instituts der EKD, der Staatsrechtler Hans-Michael Heinig die Position Kramers als Ponyhof-Theologie eingeordnet. Die EKD tritt nun in einen internen Konsultationsprozess zur Friedensethik ein, in der die Friedensdenkschrift von 2007 sowie deren Zuspitzung in Richtung Gewaltfreiheit von 2019 auf den Prüfstand gestellt und eventuell durch neue Positionierungen ersetzt werden. Auch hier darf man auf nächstes Jahr gespannt sein – in der verwegenen christlichen Hoffnung, dass dann vielleicht in der Ukraine die Waffen schweigen.

Schließlich bedankte sich die EKD-Ratsvorsitzende Annette Kurschus in ihren Schlussworten herzlich bei den Synodalen für die Unterstützung, die sie bei dieser Tagung gespürt habe und die ihr und dem gesamten Rat sehr wichtig sei, sie und der Rat hätten gehört, das die Grundrichtung von der Synode „goutiert und gestützt“ werde. Kurschus lobte die „bemerkenswert konstruktive Atmosphäre“ und machte gar einen „Zauber“ aus, der jedem Anfang innewohne, wo man jetzt endlich auch begonnen habe „leiblich beieinander zu sein“.

Ganz am Ende der Synode fand die Ratsvorsitzende und westfälische Präses dann zu biblisch grundierten Worten, die aus ihrem Munde immer wieder große Kraft und Glaubwürdigkeit entfalten: „Nehmen Sie den Rückenwind dieser Synode mit und niemand vergesse, Jesus sitzt mit im Boot. Lassen Sie uns also getrost Sturm und Wellen trotzen in der Gewissheit, dass Er derjenige ist, der ihn antreibt." Dieser neue Ton, den Annette Kurschus kurz nach Ihrer Wahl vor einem Jahr angekündigt hatte, er hat auf dieser Synode immer wieder eindrucksvoll Gestalt gewonnen. Ein Merkmal, das so schnell nicht wieder verloren gehen sollte!

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