Triegel trifft Cranach

Das mittelalterliche Ensemble im Naumburger Dom hat Gesellschaft bekommen
Der Marienaltar im Naumburger Dom von Lucas Cranach dem Älteren mit dem vom Leipziger Künstler Michael Triegel (* 1968) neu geschaffenen Mittelteil.
Foto: epd
Der Marienaltar im Naumburger Dom von Lucas Cranach dem Älteren mit dem vom Leipziger Künstler Michael Triegel (* 1968) neu geschaffenen Mittelteil.

Zögerlich betritt der Besucher den frühgotischen Westchor des Naumburger Doms, denn er ist zunächst mit der beeindruckenden Darstellung der Passionsgeschichte am Lettner konfrontiert. Und muss dann an der erhabenen Gestalt des Gekreuzigten, der im Moment seines Todes dargestellt ist, vorbei, den Chor betreten. Dann sieht er die Stifterfiguren. Vor allem wegen dieser Figuren mit ihrer gro­ßen Wirklichkeitsnähe und Ausdruckskraft gehört der Dom seit 2018 zum Weltkulturerbe der UNESCO. Bislang stand in der Mitte des Westchors ein schlichter Altartisch. Seit Juli dieses Jahres aber blicken die Stifterfiguren auf ein großes Altarbild, das zentral Maria mit dem Jesuskind zeigt und das jetzt für Unruhe gesorgt hat.

Und das kam so: Ursprünglich stand in der Mitte ein dreiflügeliges Altarretabel von Lucas Cranach dem Älteren. Es wurde 1519 aufgestellt, aber gut zwanzig Jahre später wurde sein Mittelteil im Zuge der Religionsstreitigkeiten vom evangelischen Superintendenten Naumburgs entfernt und zerstört. Die Seitenflügel mit der Darstellung der Stifterbischöfe und verschiedener Heiliger blieben erhalten und wurden im Dommuseum gezeigt.

Im Einvernehmen mit der evangelischen Kirchengemeinde hatten nun die Vereinigten Domstifter, die Träger des Doms, die Idee, den zeitgenössischen Künstler Michael Triegel zu bitten, den verlorenen Mittelteil neu zu malen. Triegel, durch sein Por­trät Papst Benedikt XVI. und durch andere Bilder mit religiösen Motiven (darunter ein nackter auferstandener Christus) international bekannt geworden, malt auf meisterhaft genaue Weise figurativ-gegenständlich. Er ließ sich auf diese Idee ein und stellte in zwei Jahren Arbeit ein neues Altarretabel her. Die Vorderseite zeigt eine Sacra Conversazione, eine mit einem blauen Kopfumhang ummantelte Maria, die das Jesuskind präsentiert. Hinter Maria halten verschiedene Persönlichkeiten ein Ehrentuch. Es sind zum einen die einst im Westchor vertretenen Heiligen, zum Beispiel die heilige Agnes, erkennbar daran, dass sie ein Schaf im Arm hält, ergänzt um einen ‚modernen Heiligen‘, den von den Nazis ermordeten evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer. Die Gestalten können als gegenwärtige Menschen gesehen werden. Besonders ein Mann mit Vollbart und roter Kappe, ein Triegel bekannter Wohnungsloser. Triegel malt dabei auch Menschen aus seinem familiären Umfeld, zwei Kinder musizieren zu Füßen Marias.

Das Gemälde wirkt wie ein zeitgenössisches Gruppenfoto. Die meisten schauen den Betrachter an, andere blicken auf Maria und das Kind. Diese hat nicht den traurigen Gesichtsausdruck der meisten Marien, weil sie um das Schicksal ihres Sohns wissen. Man könnte einwenden, dass dem Bild die christliche Tiefe à la „Krippe und Kreuz gehören zusammen“ fehle. Aber heilt dieses Bild nicht auch eine Wunde der Konfessionsgeschichte? Auf der Rückseite der auferstandene Christus, in dem sich Triegel ein wenig selber porträtiert hat. Christus hält zwar die Auferstehungsfahne, wirkt aber nicht sieghaft, sondern gezeichnet von den ausgestandenen Leiden. Nun hat sich um dieses vieldiskutierte Gemälde eine Besorgnis entwickelt. Die zuständige Kommission der UNESCO ließ anklingen, die Aufstellung des Altarretabels beeinträchtige die Wirkung der Stiftergestalten. Zwei könnten beim Eintreten gar nicht mehr gesehen werden. Bis jetzt ist eine Aufstellung des Altarbildes nur bis zum 4. Dezember geplant. Die Besucher werden gefragt, ob sie für eine dauerhafte, eine auf drei Jahre oder auf einige Wochen begrenzte Aufstellung eintreten.

Als ich kürzlich morgens im Westchor war, fiel ein Sonnenstrahl auf die Uta, und mir schien es, als ob sie freundlich auf die Mariendarstellung blickte!

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Foto: privat

Hans-Jürgen Benedict

Hans-Jürgen Benedict war bis 2006 Professor für diakonische Theologie an der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit und Diakonie des Rauhen Hauses in Hamburg. Seit seiner Emeritierung ist er besonders aktiv im Bereich  der Literaturtheologie.


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