Lange eine fremde Religion

Das Christentum fasste schwer Fuß in China - auch aus Unwissenheit und Arroganz
Protestantische Missionarinnen aus England in China Anfang des 20. Jahrhunderts. Foto: akg-images?
Protestantische Missionarinnen aus England in China Anfang des 20. Jahrhunderts. Foto: akg-images?
Es gab lange Phasen der fruchtbaren Begegnung christlicher Missionare mit der chinesischen Welt - und Zeiten brutaler Christenverfolgung. Über die lange und wechselvolle Geschichte des Christentums in China berichtet der Kirchenhistoriker Karl Josef Rivinius von den Steyler Missionaren.

Die Geschichte des Christentums in China ist alt - aber sie ist gespickt mit gut gemeinten Fehlern, tragischen Niederlagen und unerklärlichen Dummheiten, und das von Anfang an: Wir wissen, dass die ersten Christen, wohl Missionare, spätestens um 635 kamen. Im Jahr 638 wurde die erste Kirche in der damaligen Hauptstadt des chinesischen Kaiserreichs, Chang’an, geweiht. Im Jahr 781 wurde in Jinan (Xi’an) eine Stele errichtet, die noch heute erhalten ist und zweifelsfrei belegt, dass das Christentum sich in China schon damals ein wenig etabliert hatte.

Allerdings waren die ersten Christen im Reich der Mitte Anhänger des Nestorianismus. Diese Glaubenslehre geht zurück auf den Bischof Nestorius von Konstantinopel (gestorben 451), der die Einheit von göttlicher und menschlicher Natur in der Person Jesus Christus geleugnet hat. Nestorianische Missionare waren es demnach, die die christliche Lehre auf Handelswegen von Mesopotamien nach China gebracht hatten.

In den zwei Jahrhunderten nach 635 fand das Christentum in zehn Provinzen Verbreitung; in zahlreichen Städten gab es nestorianisch-christliche Kirchen. Doch diese frühe Phase des Christentums in China endete ziemlich abrupt: Im Gefolge der 845 gegen den Buddhismus gerichteten Verfolgung durch die chinesische Zentralregierung verschwanden auch die christliche Kirche und der Daoismus.

Es dauerte vier Jahrhunderte, bis das Christentum in China wieder auf einen fruchtbaren Boden fiel: Zur Zeit der toleranten mongolischen Yuan-Dynastie (1280-1367) kam 1292 Johannes de Monte Corvino (1247-1328), ein italienischer Franziskaner, nach China. Er übersetzte einen großen Teil des Neuen Testaments ins Mongolische. Die erste katholische Kirche dürfte 1300 in Khanbaliq, der Hauptstadt der Yuan-Dynastie, dem heutigen Beijing (Peking), errichtet worden sein. 1307 erhob Papst Klemens V. dieses zum Erzbistum mit dem untergeordneten (Suffragan-)Bistum Zaitun (Quanzhou). Aber dieser erneute Versuch der Verwurzelung des Christentums in China scheiterte rasch: Mit dem Ende der Mongolenherrschaft 1368 verschwand auch die katholische Kirche, da es keine chinesischen Christen gab. Das Christentum ist beide Male in der chinesischen Kultur nicht bodenständig geworden.

Das änderte sich erst im 16. Jahrhundert durch die Jesuiten, mit denen die neuzeitliche Missionsgeschichte Chinas beginnt. Sie lernten die klassische chinesische Sprache, machten sich mit der altehrwürdigen Überlieferung und Kultur vertraut, passten sich in der Kleidung der Gelehrtenschicht an und setzten sich mit den konfuzianischen Klassikern auseinander, übersetzten die Bibel ins Chinesische, publizierten philosophische und theologische Traktate in chinesischer Sprache, die ihnen als Basis für den Diskurs mit den chinesischen Gelehrten dienten. Kaiser Kangxi (1662-1722) erließ 1692 sein berühmtes Toleranzedikt zugunsten des Christentums, das ihm dieselben Rechte wie dem Daoismus und Buddhismus einräumte. Um 1700 gab es immerhin schon etwa 300.000 Christen in China.

Bei den vielfältigen Aktivitäten und der Missionsarbeit wurden die Jesuiten von christlichen Gelehrten am Kaiserhof und auf Lokalebene nachhaltig unterstützt. Eine andere für die Verbreitung des christlichen Glaubens bedeutsame Gruppe war die Elite christlicher Männer, die in unmittelbarem Kontakt mit den jeweiligen Christengemeinden standen. Eine weitere Unterstützergruppe bestand aus christlichen Witwen, später ebenso aus jungen christlichen Frauen. Diese wollten keinen Nichtchristen heiraten und sahen in der Ehelosigkeit eine religiöse Alternative. Sie kümmerten sich primär um die Frauen und Kinder, verrichteten pastorale Arbeit, sorgten im Rahmen ihrer Möglichkeiten für die Verbreitung des christlichen Glaubens, wirkten als Katechistinnen und Lehrerinnen.

Bei der Glaubensverkündigung befolgten die Jesuiten die Methode der „Akkommodation“, der Anpassung der christlichen Glaubensdoktrin an den chinesischen kulturellen Kontext. Diese war selbst innerhalb des Ordens umstritten, sie wurde jedoch vor allem von den Dominikanern und Franziskanern heftig angegriffen. Der päpstliche Gesandte Charles-Thomas Maillard de Tournon (1668-1710) veröffentlichte 1707 das Verbot der Riten zur Ahnenverehrung von 1704. Daraufhin verlangte Kaiser Kangxi von allen Missionaren das „biao“, eine Aufenthaltsgenehmigung. Um diese zu erhalten, mussten die Missionare versprechen, den Christen die Teilnahme an den Riten zu erlauben, anderenfalls wurden sie ausgewiesen.

Mit der Apostolischen Konstitution „Ex illa die“ von 1715 erfolgte das definitive Verbot der Riten: die offizielle Missionstätigkeit war damit unmöglich gemacht. Kaiser Yong-zheng (1723-1735) ließ alle Missionare außer den am chinesischen Kaiserhof tätigen nach Kanton und 1732 von dort in die portugiesische Enklave Macao ausweisen; dreihundert christliche Kirchen wurden konfisziert.

Gegenüber der von hohem Respekt und Weltoffenheit der Jesuiten gekennzeichneten Einstellung setzte um die Wende zum 19. Jahrhundert ein grundlegender Wandel ein. Die technologische und militärische Überlegenheit des Westens, die von Macht und Gewinnstreben geprägte imperialistische Mentalität sowie das Aufkommen eines übersteigerten Nationalismus ließen eine europazentrierte Geisteshaltung aufkommen, die den außereuropäischen Völkern mit Unverständnis und Superioritätsgefühlen begegnete. Speziell im Blick auf China ist anzumerken, dass die Geringschätzung seiner Kultur in der damaligen Gelehrtenwelt Europas, abfällige Berichterstattung in der Presse und in der populären Literatur China und seine Bewohner der Lächerlichkeit und grotesken Verzerrungen preisgaben. Das Resultat war ein reziprokes, mit negativen Vorurteilen besetztes Feindbild-Klischee.

Die gewaltsame Öffnung Chinas im ersten Opiumkrieg durch England und der dem Land aufgezwungene „ungleiche Vertrag“ von Nanjing vom 29. August 1842 empfanden die Chinesen als empörende Provokation und schockierende Demütigung. Unter dem Schutz der China von den westlichen Staaten aufgezwungenen Verträge setzte eine völlig anders geartete Periode der Evangelisierung ein mit der folgenschweren und unheilvollen Verquickung von weltlicher Macht und christlicher Religion. Die Missionare hielten entsprechend ihrer theologischen Ausbildung die Lehre des Konfuzius mit der christlichen Doktrin für nicht kompatibel. Pagoden und sonstige Kultstätten waren für sie Orte des Götzendienstes. Die Religionen der Chinesen und den Vollzug der religiösen Rituale verunglimpften sie als Aberglaube und Teufelswerk.

Wegen der engen Allianz der christlichen Missionen mit den auswärtigen Mächten wurde das Christentum insbesondere von der politischen, militärischen und gesellschaftlichen Elite Chinas als eine fremde Religion und ein westliches „Exportprodukt“ wahrgenommen und weitgehend abgelehnt, was sich im so genannten Boxeraufstand um 1900 gewaltsam entlud. Im Gefolge der kriegerischen Auseinandersetzungen wurden etwa 200 Missionare und rund 32.000 chinesische Christen von den Boxern getötet; etliche von ihnen waren brutal niedergemetzelt worden.

Nach der Konstituierung der Republik China 1912 und vor allem nach dem Bekanntwerden der Ergebnisse des Versailler Vertrags von 1919, der Chinas ureigene wie legitime Belange und Interessen nahezu gänzlich zum Vorteil Japans ignorierte, formierte sich eine von der revolutionären Intelligenz initiierte und getragene Protestbewegung, die „Vierte-Mai-Bewegung“ (Wusi yundong), die zu massiven ausländerfeindlichen und antichristlichen Kampagnen führte.

Die Einsicht, wie sehr die europäische Machtdiplomatie und die eurozentrierte Mentalität dem christlichen Ansehen in China geschadet hatten, führten bei den dort tätigen protestantischen und katholischen Missionsgesellschaften zu einer kritischen Selbstreflektion. Die Organisationsstrukturen wurden umgestaltet, die bisherige Missionsmethode grundlegend in Frage gestellt und reformiert. In Europa leitete auf katholischer Seite das Missionsrundschreiben „Maximum illud“ Benedikts XV. vom 30. November 1919 eine missionstheologische Wende ein.

Der Papst wünschte in diesem Schreiben insbesondere eine gründliche und umfassende Vorbereitung der Missionare auf ihren Einsatz, um der Eigenart, Mentalität, Denkweise und den Werten fremder Völker gerecht zu werden. Die These von der Inferiorität und Ungleichheit der Rassen wurde verworfen und für die „Missionskirchen“ das Recht auf Eigenständigkeit reklamiert. Das Dokument akzentuierte die sorgfältige Erziehung und qualifizierte Ausbildung der einheimischen Priester, damit sie eines Tages in der Lage seien, die Gemeinden eigenverantwortlich zu leiten und mit den Intellektuellen auf Augenhöhe zu kommunizieren.

Neue Sicht auf Konfuzius

Auf dem ersten chinesischen Nationalkonzil 1924 in Schanghai wurde der schrittweise Übergang der Missionsleitung in chinesische Hände proklamiert. Die Protestanten beschlossen 1922 auf der Konferenz in Schanghai, Leitungspositionen vermehrt mit einheimischem Personal zu besetzen. In der Berliner Missionsgesellschaft erörterte man eine Neufassung der preußischen Kirchenordnung für die Gemeinden. Diese sollte nach Art einer Volkskirche umgestaltet werden. In China warben ihre Entscheidungsträger für die Idee einer chinesischen Volkskirche und wünschten, sie als zeitgemäße genuine Kirchenform in den Gemeinden einzuführen.

In den späten Zwanziger- und frühen Dreißigerjahren korrigierten auch die deutschen protestantischen und katholischen Missionare angesichts der sich ungestüm ausbreitenden kommunistischen und materialistischen Ideologie wie auch neoliberaler Geistesströmungen ihre frühere herabwürdigende und ablehnende Einstellung zur Person des Konfuzius und seiner Lehre, wohl eher aus opportunistischen, taktischen und pragmatischen Erwägungen als aus innerer Überzeugung.

Die stetig voranschreitende Bemächtigung des Landes durch die Kommunisten in den Dreißiger- und Vierzigerjahren erschwerte beziehungsweise verhinderte die reguläre pastorale und missionarische Arbeit. Verheißungsvolle Vorhaben konnten nicht mehr realisiert werden. Zahlreiche Missionsstationen und ihre Infrastruktur wurden verwüstet, Missionare und chinesische Christen getötet oder gefangengesetzt, andere waren geflüchtet und irrten im Land umher. Die kommunistische Machtergreifung 1949 über ganz China konfrontierte das Christentum mit einer völlig neuen Situation. Die ausländischen Missionare mussten das Land verlassen, zahlreiche einheimische Priester und Laien wurden eingekerkert oder zu Zwangsarbeit verurteilt.

Unter dem Druck der kommunistischen Partei und in der Absicht, das Christentum in China am Leben zu erhalten, hatte sich 1951 die „Patriotische Drei-Selbst-Bewegung“ der chinesischen Protestanten gebildet. Aus der gleichen Erwägung hatten katholische Delegierte aus allen Diözesen Chinas 1957 in Peking die „Patriotische Vereinigung der Chinesischen Katholischen Kirche“ gegründet. Derzeit unterliegen beide der Aufsicht der Behörden. Parallel dazu existiert auf katholischer Seite die vom Staat nicht anerkannte so genannte Untergrundkirche, auf protestantischer Seite gibt es die illegalen Hauskirchen.

Fassen wir zusammen: Es gab viele Jahrhunderte lang Phasen der fruchtbaren Begegnung katholischer und protestantischer Missionare mit der chinesischen Geistes- und Kulturwelt. Sie waren geprägt von Offenheit, Verständnis, Empathie und Optimismus. Dabei wurden gemeinsame inhaltliche Schnittmengen und Übereinstimmungen ausgelotet und manche der gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis umgesetzt. Aber diese verheißungsvollen Entwicklungen scheiterten: einerseits am starren Dogmatismus der katholischen Amtskirche („Extra ecclesiam nulla salus“), andererseits an evangelikalen und fundamentalistischen Strömungen innerhalb des Protestantismus, schließlich vor allem jedoch an den politischen Zeitläuften. So bahnte sich zwar eine wohlverstandene Indigenisierung und „Sinifizierung“ des Christentums - protestantischer wie katholischer Prägung - an. Sie aber blieben in den Anfängen

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Karl Josef Rivinius

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