Kaum zu fassen

Warum und wie der dreieinige Gott in der Bildkunst erscheint
Der Gnadenstuhl. Holzstich von Albrecht Dürer. Foto: akg-images
Der Gnadenstuhl. Holzstich von Albrecht Dürer. Foto: akg-images
Kann man den dreieinigen Gott zeigen? Und wenn ja, wie sieht er dann aus? Was verbindet Bildkunst und Trinitätstheologie? Malte Dominik Krüger, Professor für Systematische Theologie und Religionsphilosophie in Marburg, geht diesen Fragen – auch anhand von Bildbeispielen – nach.

Ein Strand am Meer. Ein Theologe, der ein Buch über den dreieinigen Gott schreiben möchte. Auf einmal ist ein Kind da. Es hat in den Sand eine Grube gegraben und gießt Wasser mit einer Muschel hinein. „Was machst Du da?“, fragt der Theologe. „Ich schöpfe das Meer aus“, antwortet das Kind. Da lacht der Theologe: „Mein Kind, das ist unmöglich.“ Antwortet das Kind: „Meinst Du? Jedenfalls ist es leichter, als ein Buch über den dreieinigen Gott zu schreiben.“ Der Theologe bekommt einen Schrecken. Das Kind kann eigentlich nichts davon wissen. Doch bevor er nachfragen kann, ist das Kind verschwunden. Beschämt fragt sich der Theologe, ob sein Vorhaben nicht vermessen ist, und betet eindringlich, bevor er sein Werk über den dreieinigen Gott verfasst. Der Theologe ist kein Geringerer als Augustinus, der spätere Kirchenvater. Ein hervorragender Theologe der Spätantike, der über den Augustinermönch Martin Luther auch noch den evangelischen Glauben beeinflusst. Doch eigentlich tut der Name hier nur bedingt etwas zur Sache. Denn die überlieferte Erzählung realisiert etwas, was der christlichen Theologie grundsätzlich vertraut ist.

Es gibt einen Unterschied zwischen Gott und unserem Wissen über ihn. Das macht die tradierte Geschichte deutlich. Dennoch schreibt Augustinus über Gott, über die Trinität ein bahnbrechendes Werk. Auf den ersten Blick passt das nicht zusammen. Einerseits gilt das Reden und Denken über Gott hier als nicht ausreichend. Andererseits muss der christliche Glauben offenbar von seiner Gotteserfahrung reden und darüber nachdenken. Genau diese Spannung, dass wir Gott in unseren Worten und im Denken nie ganz erfassen und ihn zugleich verkündigen und bedenken, findet sich in der Lehre vom dreieinigen Gott. Ja, mehr noch: In der Trinitätslehre wird diese Spannung gleichsam auf den Begriff gebracht. Man versucht, in Begriffen zu erfassen, was letztlich unser Begreifen übersteigt.

Dass der dreieinige Gott ein Wesen in drei Personen ist, bedeutet – überspitzt gesagt – nicht, dass die Theologie nicht von eins bis drei zählen kann. Vielmehr zerspringt mit dem Bekenntnis zu dem gekreuzigten Jesus als dem auferstandenen Herrn ein Bild, das Gott nur als unterschiedslose Einheit kennt. An seine Stelle tritt ein Gott, der mit dem Tod das Gegenteil von sich selbst in sich aufnimmt. In seiner vibrierenden Lebensdynamik durchkreuzt dieser Gott buchstäblich die gewohnten Unterschiede von Leben und Tod, Unsichtbarkeit und Sichtbarkeit. Kein Wunder, dass das damit verbundene Selbstverhältnis und Weltverhältnis Gottes auch theologische Begriffe überschreitet. Gottes Einheit kann in ihrer Bewegtheit nicht direkt festgemacht werden. Sie besteht nur im wechselseitigen Bezug der drei Personen aufeinander – und ist insofern an sich gar nicht zu erfassen. Das heißt gerade nicht, dass die drei Personen keine Rolle spielen. Nur durch sie und in ihnen lässt sich ihre lebendige Einheit erfassen. Letztere lässt sich aber selbst nicht darstellen. Die Augen der drei Personen, ihre schwarzen Pupillen, können wir uns sichtbar vorstellen. Doch ihr sich darin zeigender Blickkontakt, der ihr Miteinander ausmacht, bleibt unsichtbar. Trinitätslehre ist so etwas wie ein Denk-Bild, also die gedankliche Anschauung für die Einsicht: Wir können Gott nur in seiner Unbegreiflichkeit begreifen. Das lenkt die Aufmerksamkeit auf das Bildliche.

Wenn man von Gott reden möchte, dann ist das am ehesten in Bildern möglich. Es ist das Bildliche, in dem das Geheimnis des dreieinigen Gottes aufscheint, so dass seine ungeheure Lebensdynamik anschaulich wird. Augustinus und andere bekannte Theologen haben das ausdrücklich so verstanden. Sicher: Sie haben dabei zugleich immer auch die letzte Unvergleichbarkeit Gottes betont. Doch irgendwie muss man sich Gott vorstellen, wenn er in Jesus erschienen ist. Und das ist, wie nicht nur Martin Luther herausstreicht, ohne Bilder und Einbildung nicht möglich. Für die Trinität ist etwa das Bild der Liebe zwischen zwei Menschen beliebt, die in ihrer Liebe so eins sind, dass sie untrennbar erscheinen. Und auch hinter der anfangs geschilderten Geschichte von Augustinus steht ein Bild. Das ist die Szene vom Strand: Nicht nur die Trinitätslehre ist ein Denk-Bild, vielmehr scheint sogar noch das Reden darüber manchmal am besten bildlich möglich.

Warum kann man hier das Eigentliche „nur“ bildlich ausdrücken? Das Besondere von denkerischen, sprachlichen und äußeren Bildern besteht darin, dass sie etwas darstellen können, was nicht eins zu eins im sprachlichen, logischen Begreifen aufgeht, sondern dem zugrunde liegt. Bilder sind im Kern analog und nicht digital, auch wenn man sie inzwischen digital wiedergeben kann. Bilder, besonders Bilder in der Kunst, können Nuancen unseres Lebens und kreative Eigenheiten ausdrücken, die jedem Ja-Nein-Sagen und gedanklichem Entweder-Oder zuvorkommen. Unser Sprechen und Denken sind viel zu komplex, um die auch auf uns angelegte Wirklichkeit ursprünglich und einfach zu verstehen.

Damit haben die christliche Religion und Bildkunst zu tun: Beiden geht es um eine letzte Unschärfe unseres Lebens, die höher ist als unser Begreifen – und die man dennoch indirekt darstellen kann. Auf dieser ursprünglichen Lebendigkeit baut dann unser Begreifen auf – mit allen Nachteilen, aber auch immensen Vorteilen, die mit einer solchen Zuspitzung verknüpft sind. Christliche Religion und menschliche Kunst bahnen sich auf je eigene Weise einen Zugang zur ursprünglichen Wirklichkeit. In künstlerischen Bildern des dreieinigen Gottes verdoppelt sich so der Zugang zur Unschärfe lebendiger Wirklichkeit. Die Grenzüberschreitung des menschlichen Begreifens, wie sie dem christlichen Glauben vertraut ist, wird durch die Bildkunst nochmals gesteigert. Doch: Was passiert dann? Und: Was zeigt sich dabei?

Darstellungen des dreieinigen Gottes sind uralt. Manche muten uns seltsam an – etwa, wenn im Mittelalter die Trinität mit einem Kopf und drei Gesichtern gezeigt wird. Doch meist wird in der Tradition der dreieinige Gott nicht so gemalt. Sehr alt ist die Darstellung von drei gleichgebildeten Personen. So wird die Dreiheit vor der Einheit in Gott betont. Das ist nicht selbstverständlich. Bevor man zur Trinität kommt, so die alte Dogmatik, wird der eine Gott zunächst selbst erklärt. Indem die Kunst den einen Gott sogleich in drei einander zugeordneten Personen darstellt, nimmt sie eine Einsicht vorweg, zu der sich die Theologie endgültig auf breiter Linie erst im 20. Jahrhundert durchgerungen hat: Die Gottheit existiert nur in ihrem personalen Beziehungsgeflecht! Vor dem theologischen Nachdenken stößt die Bildkunst auf diese Einsicht. Und: Es ist die alttestamentliche Geschichte von Abrahams Gastfreundschaft, welche die Bildkunst dazu inspiriert. So berichtet das erste Buch der Bibel: Abraham wird von drei fremden Männern besucht, die er bewirtet und die ihm und seiner Frau Sarah überraschend noch Nachkommenschaft verheißen. Darin hat man eine Vor-Abbildung des dreieinigen Gottes und seiner Lebensverheißung entdeckt.

Nahezu überwältigend und farbenprächtig wird das in einem Mosaik in San Vitale in Ravenna aus dem 6. Jahrhundert dargestellt: In der linken Bildhälfte ist zu sehen, wie Sarah und Abraham sich um Essen kümmern und es den drei Männern serviert wird, die ins Gespräch miteinander vertieft sind. Worauf dies hinausläuft, deutet die rechte Bildhälfte mit der „Opferung“ Isaaks an, bei der Abraham anstelle seines Sohnes einen Widder opfert. So wird der dreieinige Gott in der Person des Sohnes selbst zum „Lamm“ werden, das die mit Gott im Widerstreit liegende Welt versöhnt (siehe Bild oben, Mitte).

Wird im Osten die Darstellung der drei gleichgebildeten Männer zu dem entscheidenden Bildtyp, so wird für den abendländischen Westen der sogenannte „Gnadenstuhl“ zu dem Bild der Trinität. „Gnadenstuhl“ – dieser Name geht auf die Luther-Übersetzung zurück und meint den Deckel der Bundeslade, in der nach der Überlieferung die Zehn Gebote liegen. Für die Bibel ist diese Deckplatte auch ein Ort, an dem Gott geheimnisvoll gegenwärtig ist. Am jüdischen Versöhnungstag („Jom Kippur“) wird diese Deckplatte mit dem Blut von Opfertieren besprengt, so dass Gott und Mensch miteinander Frieden haben. Nach dem Neuen Testament wird dieses Opfer vom Kreuzestod Jesu ein für allemal abgelöst. Das möchte die als „Gnadenstuhl“ bezeichnete Darstellung der Dreieinigkeit verdeutlichen, wie Albrecht Dürers Holzschnitt von 1511 vor Augen stellt: Gott der Vater sitzt auf dem Thron und hält in und mit seinen Armen den gekreuzigten Jesus, mit dem der Vater verbunden ist und mitleidet. Dabei sind beide durch den Geist eins, der als Taube abgebildet ist (siehe Bild oben links).

Interessant ist hier einiges: nicht nur, dass der Geist als Taube und damit Gott auch als ein Tier dargestellt wird. In Zeiten des Veggie-Booms dürfte auch dies provokativ oder anspornend sein. Noch mehr sticht das Gefälle in Gott hervor: Vater, Sohn und Geist sitzen nicht in freundlichem Desinteresse nebeneinander, wie es dies auch in manchen Trinitätsbildern gibt. Vielmehr zeigt dieser „Gnadenstuhl“: In Gott gibt es gewaltige Dynamiken und Turbulenzen, die ihn selbst mitnehmen. So leidet der Vater mit dem Sohn, geht innerlich mit dem Sohn mit und wird ins Leiden gezogen. Eine Einsicht, vor der die Theologie bis ins 20. Jahrhundert immer wieder zurückschreckt, weil sie Angst um Gottes Allmacht hat. Dass letztere nur so zu verstehen ist, dass der Tod selbst zum Gottesphänomen wird, erkennt die Bildkunst vor der traditionellen Lehrmeinung. Die unerforschlichen Tiefen der Gottheit scheinen hier der Anschauung besser zugänglich als dem Denken.

Aus der Welt gefallen

Dietrich Bonhoeffer hat einen Satz geprägt, der widersprüchlich erscheint – und dennoch zeigt, wie gerade Bilder von Gott das biblische Bilderverbot erfüllen können. Bonhoeffers Aussage „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“ macht deutlich: Wenn Gott existiert, dann ist Gott kein Gegenstand der Welt. Gott fällt aus unserer Welt von Personen und Dingen heraus. Von ihr ist er nochmals unterschieden. Darum geht es auch dem Bilderverbot: Gott ist unverfügbar, frei und darf nicht mit der Welt oder Momenten von ihr gleichgesetzt werden. Für Kunstbilder der Trinität ist das eine Herausforderung. Zwar setzen auch traditionelle Trinitätsbilder die Gottheit nicht mit Farben und Strichen gleich, sondern dem sich daraus entspinnenden, nur indirekt darstellbaren Zusammenspiel dreier Personen. Doch: Personen erscheinen hier als ein Gegenüber, so dass man auf ein eindimensionales, gegenständliches Gottesbild kommen kann.

Darum geht der Künstler Frederick D. Bunsen in seinem Bild „Trinität“ aus dem Jahr 1986 einen Schritt weiter. Sein Bild ist abstrakt, auch wenn Stacheldraht angedeutet sein mag. Es gibt darauf ein Blau am Himmel, blutiges Rot und viel Weiß, das an eine Taube erinnern mag. Doch wirklich gegenständlich ist hier nichts (siehe Bild oben rechts und Seite 34). Dass wir mit der Dreieinigkeit uns in einer Dimension bewegen, die alle Gegenstände übersteigt und aller Gestaltwerdung zuvorkommt, wird hier ernst genommen. Überhaupt handelt die abstrakte Kunst seit Wassily Kandinskys Schrift „Über das Geistige in der Kunst“ von einer Dimension, die sich nicht gegenständlich abbilden lässt. Es geht letztlich um das, was zwischen den Dingen ist und ihnen erst Raum schenkt. Dieses lebendige „Zwischen“, dieses Unsichtbare im Sichtbaren – das treibt die abstrakte Kunst um. In dem Fall ist allerdings die Theologie vor der Bildkunst auf dem Plan. So entwirft die christliche Mystik seit jeher immer wieder Vergleiche dafür, dass das Geschöpf vor seinem Schöpfer gleichsam blind ist und nichts Gegenständliches erkennt. Ein bekanntes Bild dafür ist die Nachteule vor der Sonne, mithin der endliche Mensch vor dem unendlichen Lichtglanz Gottes. Ein Bild, das sich gleichsam selbst durchstreicht: Eine gegenständliche Darstellung, die besagt, dass die letzte Wirklichkeit ungegenständlich ist.

So erging es auch Augustinus in unserer Geschichte. So wenig wie das Kind das Meer nicht auszuschöpfen vermag, so wenig kann er die Dreieinigkeit am Ende ganz begreifen. Und dennoch versucht er sich theologisch daran. Zu Recht: Gerade das Indirekte, das Anschauliche der Trinitätslehre wird zum Weg in das Geheimnis Gottes. Hier trifft sich die Theologie mit der Bildkunst. Denn auch Kunst kann für die Nuancen des Wirklichen und den kreativen Eigensinn des Ursprünglichen sensibel machen, wofür Wort und Gedanke schon immer zu vielschichtig sind und zu spät kommen. In Trinitätsbildern können sich Kunst und Theologie so wechselseitig inspirieren. Und: Sie können uns wieder für den ersten geheimnisvollen Augenblick empfänglich machen, in dem unsere Sinne religiös wach wurden.

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Malte Dominik Krüger

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