Was gewesen wäre, wenn...

Die famose "Luther-Kantate" von Rudolf Lutz
Foto: pixelio/Dietmar Meinert

Im Anlauf zum Reformationsjubiläum haben auch die Centenarfeiern aus der Vergangenheit der „Mutter aller Jubiläen“(Dorothea Wendebourg) reichlich Erwähnung gefunden, besonders diese beiden: Anno 1616, der erste Hunderter - das war die antikatholische Feier am Vorabend des dreißigjährigen Krieges, klar. Und Anno 1917 feierte man die 400-Jahrfeier im Ersten Weltkrieg als „Materialschlacht an der Heimatfront“ (siehe zz 3/2017) – wie furchtbar! Was war noch? Anno 1817, zum Dreihundertsten, hatte die Aufklärung das Bild gegenüber den konfessionalistischen Anfängen sehr geweitet. Der gefeierte Luther galt nun als „Schlüsselgestalt der Weltgeschichte“, es wurde gesungen: „Dein Licht ging auf, und aus dem Staube hub die zertret’ne Menschheit sich“, und erstmals 1817 trafen sich Studenten auf der Wartburg – damals noch, um gegen den reaktionären Geist der nachnapoleonischen Ära zu protestieren und nicht – wie heute – denselben zu repristinieren. Aber was war eigentlich Anno 1717?

Von der Zweihundertjahrfeier der Reformation war bisher kaum die Rede. Zwar ist bekannt, dass auch dies Jubiläum mancherorts als „Jahr 200 nach Offenbarwerden des Antichristen“, gemeint war der Papst, begangen wurde, aber es scheint kein Ereignis aus dem Umkreis dieses Jubiläums zu geben, das sich in unsere Zeiten transportiert hätte. Oder doch? Was wäre denn gewesen, wenn Bach, im Jahre 1717 im Alter von 32 Jahren, eine Kantate zum 200-jährigen Reformationsjubiläum geschrieben hätte?

Fein wäre das gewesen und warum nicht, sagte sich Rudolf Lutz, genialer Dirigent und Improvisator, der seit über zehn Jahren die Bach-Gesamtaufnahme der Bachstiftung St.Gallen leitet und via Internet (www.bachstiftung.ch) allmonatlich eine Bachkantate in höchster Qualität in alle Welt sendet (siehe zz 10/2016). Und so schrieb Lutz, der sich selbst als „in Bach mariniert“ bezeichnet, flugs eine Kantate, deren Text folgende Situation imaginiert: Salomon Franck (1659–1725), Librettist vieler Bachkantaten, zum Beispiel von „Komm, du süße Todesstunde“ (BWV 161), bekommt den fürstlichen Auftrag, für Weimar eine Jubiläumskantate zu schreiben, und Bach, der gerade, wie historisch verbürgt, daselbst wegen "Halsstarrigkeit" im Gefängnis sitzt, soll sie komponieren. Gesagt, getan.

Im Auftrag von Deutschlandfunk Kultur schrieb Lutz auf einen charmanten und galanten Text seines Pfarrer und St. Gallener Bach-Mitstreiters Karl Graf Musik, die sich zwar äußerlich als Stilkopie gibt, aber die für den, der Ohren hat zu hören, reichlich Individuelles à la Lutz beigibt, sowie überaus kunstvoll Themen Bachs und weitere Reminiszenzen an den großen Thomaskantor inflicht. Und das alles in exakt der Besetzung der wunderbaren realen Bachkantate zum Reformationstag 1725 „Gott der Herr ist Sonn und Schild“ (BWV 79) – also mit vier Singstimmen, zwei Hörnern, Oboen und Streichern. So war es eine wahre Lust, dieses teils virtuos-heitere, aber zugleich auch immer wieder wehmütig-tiefsinnige Werk zu erleben, zumal viel paraphrasierte und "echte" Lutherchoräle und -texte zu hören sind, so eine rasante Chorfuga über Luthers berühmten Doppelsatz "Ein Christenmensch ist eine freier Herr/dienstbarer Knecht" aus der "Freiheit eines Christenmenschen." Das Thema derselben enthält übrigens eine augenzwinkernden Reminiszenz an den Schlager „Am Anfang war das Wort“ aus Dieter Falks Luther-Poporatorium (siehe zz 6/2016).

Famos! Am Ende der Uraufführung im Saal auf der Wartburg zu Recht tosender Applaus: Bravo Ruedi Lutz, bravo Karl Graf!

Die Aufzeichnung des 384. Wartburgkonzertes u.a. mit der „Luther-Kantate“ von Rudolf Lutz steht bis 22. Juni in der Mediathek von Deutschlandfunk Kultur, Rubrik „Konzert zum Nachhören“. www.deutschlandfunkkultur.de

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Reinhard Mawick

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