Liturgisches Drachensteigen

Das Werk Maarten t’ Harts spiegelt die religiöse Situation der Niederlande
Dorf in Nordholland. Foto: dpa/ Ton Koene
Dorf in Nordholland. Foto: dpa/ Ton Koene
Maarten t’Hart, der in einer streng altreformierten Kirchengemeinde aufwuchs, ist ein Atheist, der die Bibel und die Musik Johann Sebastian Bachs schätzt. Den Schriftsteller und sein Werk skizziert die Theologin Christina Bickel. An der Universität Marburg promoviert sie über „Religiöse Kommunikation im Werk von Maarten t’Hart“ .

Flandern und die Niederlande sind Ehrengäste der Frankfurter Buchmesse, die am 16. Oktober beginnt. Unter dem Motto „Dies ist, was wir teilen“ werden unter anderem Werke des niederländischen Autors Maarten t’Hart ein Thema sein. Seit der Buchmesse 1993 ist sein Werk einer breiten deutschen Lesergemeinde bekannt geworden. Der leidenschaftliche Daheimbleiber, der das Rampenlicht der Öffentlichkeit scheut und nicht nach Frankfurt am Main kommen wird, ist aus der Literaturszene der Niederlande nicht wegzudenken.

T’Harts Erzählliteratur entführt den Leser in die fremde Welt des orthodoxen Calvinismus der Fünfzigerjahre – einer Welt mit Predigten, die eine Stunde oder das Lutschen von sechs Pfefferminzbonbons dauern und das Hören von klassischer Musik als Sünde gilt. Unabhängige Geister werden vom Abendmahl ausgeschlossen, und Gemeindegruppen streiten darüber, wie die Tiere den weiten Weg bis zur Arche zurückgelegt haben. In diese Welt, in der eine strenge Sozialkontrolle herrschte, die aber auch Geborgenheit bot, wurde t’Hart am 25. November 1944 hinein geboren. Er wuchs in der südholländischen Kleinstadt Maasluis in einem altreformierten Arbeitermilieu auf. Während seiner Schulzeit arbeitete er in der altreformierten Evangelisationsbibliothek, was seine calvinistische Prägung noch vertiefte.

Diese findet sich in vielen seiner Bücher wieder und ist insbesondere in seinen Kindheitserinnerungen, wie „Das Paradies liegt hinter mir“ und „Gott fährt Fahrrad“, zu erkennen. Während t’Hart in Leiden Biologie studiert, bekennt er sich zum Atheismus. Diesen Schritt begründet er mit Kritik an der reformierten Prädestinationslehre. Es will ihm nicht einleuchten, wie Gott selbst den größten Sünder erwählt und ihm einen Platz im Himmel eröffnet, während andere verworfen werden. T’Hart fühlt sich von Gott im Stich gelassen. Und dazu kommt, dass sich der Vielleser intensiv mit religionskritischen Schriften beschäftigt.

Mittlerweile meint er aber, dass er sich nicht so gequält hätte, hätte er früher von der Lehre der Allversöhnung erfahren. 1997 bezeichnete sich der Schriftsteller in einem Spiegelinterview als Atheist, der mit Kirche nichts zu tun hat. Und der Atheismus zeigt sich auch im neuesten Roman Magdalena, der von seiner Mutter handelt. Am Ende zertrümmert er durch logische und historisch-kritische Argumente sowohl das Glaubensbekenntnis als auch das Vaterunser. Für t’Hart ist die klassische Musik an die Stelle des Glaubens getreten. Sie bietet ihm Trost, Schönheit und Ewigkeit. Der Orgelklang habe den Glauben an Gott und den Gottessohn beiseite gewischt, wie es in „Das Paradies liegt hinter mir“ heißt. Der altreformierte Glaube wird somit durch Musik ersetzt, die bei Figuren des Schriftstellers öfter zu mystischen Einheitserlebnissen führt. Das geschieht in „Bach und ich“ nicht beim reformierten Psalmengesang, sondern beim Hören von Bachs Kantate „Vergnügte Seelenlust“: „Meine dritte Kantate trug die Nummer 170. In der Auslage eines Schallplattengeschäfts sah ich eine verbilligte Archiv-Aufnahme. Ich hatte kein Geld bei mir, ging aber trotzdem in den Laden und fragte, ob ich ein Stück daraus anhören könne. In einer klaustrophobisch engen Kabine hörte ich aus den kleinen Lautsprechern, die an die Decke montiert waren, die Eingangstakte der Kantate ‚Vergnügte Ruh, beliebte Seelenluste‘ (bwv 170). Ich werde es nie vergessen. Als käme die Musik geradewegs vom Himmel herab. Bis ins Innere aufgewühlt, trat ich aus der Kabine. Ich konnte kaum sprechen und murmelte, schwer schluckend: ‚Ich würde die Aufnahme schrecklich gern kaufen, aber ich habe leider kein Geld.‘ Der Ladenbesitzer sah mich forschend an und sagte: ‚Nimm sie nur mit.’"

Bachs Musik trägt den Erzähler auf ihren Schwingen hinaus aus der engen Kabine des Plattenladens. Eine unerwartete, ungewöhnliche Erfahrung, die ihm wie der Schlüssel zur Himmelspforte erscheint. Der Erzähler wird diesen Moment nie vergessen. Das Erlebte wirkt nach und äußert sich im Überschwang der Gefühle so sehr, dass ihm der Verkäufer die Platte schenkt.

Aber nicht nur durch Musik begegnet Religion im Werk von Maarten t’Hart, sondern auch anhand von Themen wie Schuld, Sünde und Prädestination. Das lässt sich zum einen damit erklären, dass t’?Hart noch immer mit dem religiösen Erbe des Vaters ringt, aber auch Sehnsucht nach der Geborgenheit seiner Jugend verspürt. Zum anderen hat es wohl auch damit zu tun, dass er zwar Atheist ist, aber dennoch die Bibel als Schatz begreift. Er schlägt eine säkulare Lesart der Texte vor, die vom Leser auch religiös verstanden werden und entsprechende Gefühle hervorrufen können.

Die im Werk von Maarten t’Hart zur Darstellung gebrachte Entwicklung vom traditionellen Glauben zu einer modernen Alltagsreligiosität stellt eine deutliche Parallele zur gesellschaftlichen Entwicklung der Niederlande dar. Denn die Gesellschaft war vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Sechzigerjahre konfessionell und weltanschaulich gegliedert. Es gab so genannte „Säulen“, Lebensbereiche, in denen sich das Leben von orthodoxen und liberalen Protestanten, römischen Katholiken und Sozialisten abspielte. So besuchten Protestanten „christliche“, sprich: evangelische Schulen, lasen eine evangelische Tageszeitung, hörten ein – orthodoxes oder liberales – evangelisches Radioprogramm, wählten evangelische Parteien und gehörten einer evangelischen Gewerkschaft an.

Unter dem Einfluss von Pluralisierung und Individualisierung löste sich die „Versäulung“ der niederländischen Gesellschaft schließlich auf. Und immer mehr Leute wandten sich von der institutionalisierten Religion ab. Dies bedeutete aber keine grundsätzliche Abkehr von Glaubensfragen, sondern eine Verlagerung religiöser Lebensdeutung von der Institution auf das Individuum und ins Private, wobei sich die individuelle Religiosität noch in hohem Maße aus christlich-kirchlichen Traditionen speist. Ein Beispiel des phantasievollen, kreativen und auch provozierenden Umgangs mit der Gebetsthematik stellt das Motiv des Lenkdrachens in t’?Harts Roman „Der Flieger“ dar, den die Figur des Vaters als direkten Draht zu Gott versteht: „Wenn er [Anm. der Autorin: der Drachen] sich fast regungslos vom tiefblauen Himmel abhob, kam der Moment, in dem mein Vater ihm an der Leine entlang Nachrichten hinaufschicken wollte. […] Auf die Rückseiten von gebrauchten Briefumschlägen schrieb er seine Schnurgebete. Anschließend hängte er die Umschläge an die Schnur, gab ihnen einen Schubs und sah, meist erst nach mehreren erfolglosen Versuchen, vergnügt zu, wie der Umschlag zaghaft und zögernd die Schnur hinaufknisterte. ‚Gib, dass ich meinen Bruder Klaas beim Damespiel schlage’, schrieb er auf einen. […] Wenn man den Drachen einholte, stellte sich oft heraus, dass die Nachrichten unterwegs gestrandet waren. Auf halber Strecke hingen sie an einem Knoten in der Schnur. Manchmal waren sie auch ganz verschwunden, oder man fand nur noch ein Stück des Umschlags. Nur selten waren sie tatsächlich an einer Kielschnur des Drachens angekommen. Wenn dem allerdings so war, vollführte mein Vater einen Freudentanz, denn dann hatte er das Gefühl, dass seine Bitte erhört werden würde.“

Bemerkenswert ist, dass der Vater, Drachenbauer und kauzig-humorvoller Totengräber, einer altreformierten Gemeinde angehört, die einen Freund des Vaters aufgrund dogmatischer Zwistigkeiten in Hinblick auf das Vaterunser vom Abendmahl ausschließt. Gleichzeitig jedoch pflegt der Vater einen eigenen unorthodoxen Gottesglauben, der im Kontrast zur Tradition und dem Vaterunser steht. Dazu hat er seinen Ritus entwickelt und seinen individuellen Draht zu Gott gefunden. Das Drachensteigenlassen ist quasi ein liturgisches Gebet für den Vater.

Der Flieger steht auch symbolisch für die gesamte Literatur Maarten t’Harts und dessen Spiel mit der christlichen Tradition. Durch dieses bekommt die Darstellung der Religion eine neue Dynamik, die den Leser anregen und verwandeln kann – und sei es auch nur für die Zeit des Lesens.

Christina Bickel

Online Abonnement

Sie erhalten Zugang zur gesamten Website und zur kompletten Monatsausgabe als Web-App.

57,60 €

jährlich

Monatlich kündbar.

Einzelartikel

Sie erhalten Lesezugriff für diesen Artikel.

2,00 €

einmalig

Kein Abo.

Haben Sie bereits ein Online- oder Print-Abo?
* Ihre Kundennummer finden Sie auf Ihrer Rechnung. Ein einmaliges Freischalten reicht aus; Sie erhalten damit zukünftig automatisch Zugang zu allen Artikeln.

Ihre Meinung


Weitere Beiträge zu "Kultur"