Satire statt Strafe

Der gecoachte Gott hat seine Zornesfalten geglättet
Die Graffities in Paris entstanden nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo". Der Prophet wird zum Performer. Fotos: dpa/ Marechal Aurore
Die Graffities in Paris entstanden nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo". Der Prophet wird zum Performer. Fotos: dpa/ Marechal Aurore
Was wurde aus dem Gott, dessen jugendlicher Zorn den Menschen die strafende Sintflut brachte? Er schulte um und setzte auf Satire. Nach der Ermordung der Journalisten von Charlie Hebdo blickt Klaas Huizing, Schriftsteller und Professor für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen an der Universität Würzburg, aus ungewohnter Perspektive auf Gott und seine Propheten.

Als schlecht gelüftet wird innerhalb der systematisch-theologischen Wissenschaftsgemeinschaft jeder Versuch abgetan, Gott das abgelegte Prädikat des Zorns wieder zuzuschanzen. Hat doch der von Eberhard Jüngel vorgeschlagene und willig von allen Theologen von Rang befolgte Vorschlag, anhand des Begriffs der Liebe alle traditionellen Eigenschaftsprädikate Gottes von der Allmacht bis zur Allgegenwart zu reformulieren, dazu geführt, Gott zu einem altväterlichen Kumpel umzubauen, mit dem der Buddy Jesus aus Palästina eindeutige Verwandtschaftsgrade aufweist. Gott hat offenbar erfolgreich ein Coaching durchlaufen, sein psychischer Apparat wurde durch ein nachhaltiges Sentiment-Management behutsam angepasst, jede Schwarzweißzeichnung weichgezeichnet und der göttliche Habitus hört nicht mehr auf ein Reiz-Reaktionsschema. Und die Zornesfalten auf seiner Stirn wurden im Photoshop entfernt.

Dramaturgisch agiert dieser Gott durch das angepasste Liebesvokabular seitdem leider sehr langweilig, die herrlichen Affektskulpturen des noch unverbrauchten, oft zornig strafenden jungen Gottes werden mit einer lässigen sprachspielerischen Geste als "vorsintflutlich" verabschiedet und im theologischen Souterrain abgestellt. Allenfalls am Rande, und dann nahezu ausschließlich in der Philosophie, begegnen Autoren dem semantischen Reifegrad des Liebesbegriffs mit einer frisch renovierten Ehrenrettung des Zorns. So etwa der Meister der phänomenologischen Gefühlslehre, Hermann Schmitz und der Anhänger der religiösen Verdachtskultur, Peter Sloterdijk. Zu einem theologischen Franchising haben diese Versuche bisher nicht geführt, der Zorn bleibt für eine Theologie, die sich aufs Kuscheln verlegt hat, offenbar höchst unattraktiv.

Gibt es eine glückliche Mitte zwischen dem archaischen, zornigen, inzwischen ins Lehrbuch emeritierten Gewaltgott und dem spätmodernen Kuschelgott? Lassen sich dem Begriff Zorn neue Seiten abgewinnen?

Ich möchte einen biblischen Zivilisationsprozess Gottes skizzieren, der vor dem Hintergrund der politischen Zeitgeschichte, den Morden am 7. Januar in Paris auf die Redaktion von Charlie Hebdo, eine neue Selbstwahrnehmung der Theologie erlaubt. Gott, das notieren seine biblischen Biographen sehr pedantisch, kann sich auch nachsintflutlich bei seinen Gläubigen kaum verständlich machen, seine Drohungen, Sätze wie Knallfrösche, verhallen ungehört, und deshalb schult Gott um, wird der erste Medientheoretiker und setzt auf die Kunst: Gott lässt Straßentheater spielen, das seine engagierten Mitspieler, die Propheten, selbst oft zornige Männer, aufführen. Dieses Straßentheater - die Wissenschaft spricht von Zeichenhandlungen - entbehrt durchaus nicht der Satire. Kunst, auch satirische Kunst, wird zum Kommunikationsmittel. Satire, so die Pointe, ist die urbanisierte oder zivilisierte Form des strafenden Zorns, weil der Zorn nicht länger als physische Gewalt, sondern als reine, geistige Gewalt inszeniert wird. Gott reagiert nicht als zornig strafender, ehrverletzter Übervater, sondern transformiert den Zorn, damit die Gotteskinder eine neue Chance bekommen, sich zu ändern. Karl Kraus, der feinsinnige österreichische Satiriker, schärfte zu Recht ein: "Die Satire ist fern von aller Feindseligkeit und bedeutet Wohlwollen für eine ideale Gesamtheit." Satire bekommt also einen positiven Zweck. Wenn Gott aber selbst auf die Kunst und auch auf die Satire setzt, dann verlieren die Warnungen vor Blasphemie (Ex 20,4-7; 22,27; Lev 24,16), die das Alte Testament auch kennt, ihre Bedeutung.

Mir geht es also darum zu zeigen, wie die biblischen Texte Gewalt transformieren und einen Gott präsentieren, der auch auf die Satire setzt. Die Stücke des inszenierten Straßentheaters verlangen allerdings von den Protagonisten, den Propheten, einen Akt der Selbstentsockelung, Selbstverleugnung und Selbstdemütigung, damit unterstreichen sie das Wohlwollen dieser satirischen Aktionen, die nicht auftrumpfen. Zorn, dieser Aggressionsaffekt, der lodernd und schnaubend ausbricht, und der, wie Hermann Schmitz sagt, mit der Scham zu den "rechtlich-moralischen Grundgefühlen" zählt, wird zu einem erzieherischen Mittel zivilisiert. Bekanntlich bindet sich Gott nach der Sintflut an sein Versprechen, künftig den Zorn unter Kontrolle zu halten. Mit diesem Versprechen beginnt der Prozess der Zivilisation. Zorn als moderiertes Wohlwollen ist der Motor dieses Prozesses.

Zu einem großen Anteil sind die Schriftsteller des Alten oder Ersten Testaments Phonographen des Elends, denn auch bei den Menschen kommt der Zivilisationsprozess nicht sprunghaft voran, aus Schandproppen werden nicht mit einem Klacks Heilige. Deshalb greift Gott quasi zum letzten Mittel und lässt Theater spielen. Zwei Aktionen möchte ich Revue passieren lassen.

Der Prophet Jesaja geht auf die Anweisung des himmlischen Regisseurs hin drei Jahre lang nackt durch Jerusalem (Jes 20,1-20,6). Drei Jahre trägt der Mann Jesaja seine Haut im wahrsten Sinn des Wortes zu Markte, fordert seine Landsleute heraus, verweigert Auskünfte, ist einfach nur aufregend und beschämend nackt. Er wird gleichermaßen Spott und Zorn auf sich versammelt haben. Offenbar verrückt geworden bei verknoteter Zunge. Ungefährlich. Aber ein stummer Zeuge der eigenen Verwirrung. Tausend Tage das gleiche Stück spielend, immer in einer leichten Variation, damit die Aufmerksamkeit der Bevölkerung weiterhin geweckt bleibt, das fordert die Leidensfähigkeit auf Seiten Jesajas heraus. Er selbst setzt sich der Beschämung und des Zorns aus, wird ausgelacht und wahrscheinlich angepöbelt.

Freischämen und Besinnen

Erst nach drei Jahren darf er das prophetische Deutewort sagen, das die Aktion eindeutig macht. Erst nach drei Jahren wird das Stück von Gott vom Spielplan abgesetzt. Das zumindest insinuiert der Erzähler. Jetzt, nach dem Deutewort, herrscht Klarheit und wird die satirische Grundierung sichtbar: Die Zeichenhandlung betrifft keine vergangene, sondern ist vielmehr Zeichen für eine nahende Katastrophe. Noch können die Judäer aus dem Schicksal der philistäischen Stadt Aschdod, die sich in einer Krisensituation fälschlich an die Ägypter um Hilfe gewandt hatten und zur Beschämung und Demütigung von den Siegern nackt deportiert wurden, eine Lehre ziehen. Noch können sie sich freischämen und sich auf Jahwe rückbesinnen. Nur wer Jahwe vertraut und auf ihn setzt, darf hoffen, dass ihm ein vergleichbares Schicksal erspart bleibt. Diese Selbstentblößung hat Gott durch seinen Stellvertreter bereits durchlitten. Längst vor dem Deutewort haben die Leserinnen und Leser der Texte die satirischen Elemente des Straßentheaters verstanden: Wer nicht auf Gott vertraut, steht beschämend nackt da.

Noch verstörender in ihrer satirischen Hitze, dabei lustvoll gegen den guten Geschmack verstoßend, ist eine andere Zeichenhandlung. Der große, aber offenbar nun extrem exzentrische Regisseur überredet den Propheten Hosea (Hos 1,1-1,9) zu einer Ehe mit einer Frau, die der biblische Text als 'hurisch' beschreibt! Und die in der Ehe gezeugten Kinder, über deren Vaterschaft ein tiefer Schatten fällt (pater semper incertus), werden durch satirische Namen stigmatisiert. Eine öffentliche Ehe ohne Privatsphäre! Ein Familiendrama, das ganz öffentlich, in vollständiger Transparenz Jahrtausende vor der Erfindung des Privatfernsehens zur Aufführung kommt. Gott ermutigt Hosea, öffentlich die Untreue seiner Frau Gomer (eine Hure oder Tempelhure) zu ertragen. Hosea wird damit in personam zum Gleichnis für Gott, der die Untreue seines Volkes, das anderen Göttern nachsteigt, aushält. Durchaus vergleichbar mit heutiger Aktionskunst, setzt sich der Prophet als Performer und Stellvertreter Gottes extremer körperlicher und physischer Belastbarkeit aus. Das eigene Volk als eine Clique von Hurenböcken und Huren bloßzustellen, wählt beißenden Spott, der gleichwohl von Wohlwollen geprägt ist. An dieser Szene wird exemplarisch verständlich, warum die Alttestamentler Jeremias und Wälchli Zorn als Modus von Liebe und Gerechtigkeit deuten.

Erinnern will ich an die Zeichenhandlung, die Jesus durch den Akt der Fußwaschung (Joh 13,1-17) vollzogen hat, eine Geste der Selbstentsocklung, die ihr satirisches Potential erst durch die Jahrhunderte der Kirchengeschichte offenbarte, weil diese Selbstentsockelung, die alle hochtrabenden Karriere-Träume seiner Jünger erden sollte, als Satire auf die Eitelkeit gelesen werden kann. Nicht umsonst hat der neue Papst Franziskus diese Zeichenhandlung wiederholt und mit einer Klartext-Rede über die offenbar verlotterten Zustände der Kurie nachgelegt. Die versteinerten Gesichter seiner Zuhörer sprachen Bände. Die Karikaturen von Charlie Hebdo, die bekanntlich auch den katholischen Klerikalismus immer wieder heftig angegriffen haben und deren Künstler knapp dreißig Mal dafür angezeigt wurden, legten den Finger präzise in diese Wunde. Allenfalls über den Geschmack der Karikaturen lässt sich streiten.

Häufig übersehen wurde die satirische Grundierung der Minidramen, die Jesus erzählt. Jesu Gleichnisse sind große literarische Kunst, die nicht mit satirischen Seitenhieben auf die Adressaten dieser engagierten Kunst sparen, wird doch etwa ein Schriftgelehrter aufgefordert, sich spielerisch mit dem Überfallenen im Gleichnis vom Barmherzigen Samariter zu identifizieren, der nicht von Vertretern der eigenen Kultklasse, sondern von einem Samaritaner gerettet wird, der als religiös verwildert gilt. Leicht lässt sich ausmalen, wie die Adressaten mit einer Melange von Scham und Zorn auf diese satirischen Seitenhiebe reagierten. Die Folgen sind bekannt. Statt Scham wurde der strafende Zorn in seiner archaischen Gewalt reaktiviert.

Bewusst oder nicht zehren die vielfältigen reformatorischen Performances vom satirischen Potential dieser Zeichenhandlungen: Predigtstörungen, demonstratives Fastenbrechen, inszenierte Priester- und Mönchsheiraten, burleske Flugblattaktionen, öffentliche Entweihungen von Reliquien, karnevaleske Inszenierungen. 1520 etwa zogen Wittenberger Studenten, in Tierkostümen verkleidet, auf einem bäuerlichen Frachtwagen durch die Stadt, der symbolisch von einer vier Ellen langen Ablassbulle als Segel angetrieben wurde, dazu sangen die Studenten satirisch-frivole Lieder und warfen wertlose Holzstücke ins Publikum, um die Nichtigkeit der römischen Gaben zu symbolisieren. "Das 'handelnde Bild', das die Wittenberger Studenten, lautstark durch die Stadt ziehend, inszenierten, verhöhnte das 'Schiff' der vom Ablaß 'angetriebenen' Papstkirche", notiert der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann. Selbstredend: Diesen satirischen Aktionen und den Karikaturen, die eindeutig jenseits des guten Geschmacks angesiedelt sind, fehlt das Element der Selbstdemütigung, das den biblischen Aktionen eigen ist.

Satire hat, darüber kann kein Streit sein, als Akt der Beschämung und teilweise auch der Demütigung, Anteile an Gewalt, sie kann nur dadurch gerechtfertigt werden, wenn diese Gewalt als reine Gewalt auftritt, die, nochmals mit Karl Kraus argumentierend, auf Wohlwollen zielt. Walter Benjamin hat in seinem Essay "Zur Kritik der Gewalt" nach Spuren einer Gewalt gesucht, die weder wie in der Rechtsordnung im Schema von "Zweck und Mittel" beheimatet ist, noch wie im mythischen Denken als Darstellung grausamer, nackter Gewalt auftritt. Als göttliche oder reine Gewalt gilt für Benjamin jene Gewalt, die Menschen als Zweck an sich in den Blick bringt. Fündig wird Benjamin an überraschendem Ort: "Diese göttliche Gewalt bezeugt sich nicht durch die religiöse Überlieferung allein, vielmehr findet sie mindestens in einer geheiligten Manifestation sich auch im gegenwärtigen Leben vor. Was als erzieherische Gewalt in ihrer vollendeten Form außerhalb des Rechts steht, ist eine ihrer Erscheinungsformen." Ich gestehe diese erzieherische, vergeistigte Gewalt, sofern sie denn vom Wohlwollen geleitet wird, auch allen Karikaturisten zu, sofern sie gegen alle Verzweckung den Menschen als Zweck an sich in den Blick bringen.

Judentum und Christentum, und nur darüber kann ich kompetent urteilen, haben bereits in ihren biblischen Texten einen Zivilisationsprozess vorgeschlagen, der den Zorn unter anderem als Satire urbanisiert, die Ausdruck von Wohlwollen ist. Bis sich diese Einsicht in alle Milieus hinein sedimentiert, dauert es bekanntlich lange. Noch Paulus muss seine verfolgten Anhänger vor der vorsintflutlichen Rache warnen: "Rächt euch nicht, Ihr Liebsten, sondern gebt Raum dem Zorn (Gottes)." (Röm 12,19) Ob Paulus, der Erfinder des Christentums, immer ironiefähig und sogar satirefähig war, darf man gerne bezweifeln, die großen Texte des Ersten und Zweiten Testaments lassen eine Deutung zu, die in den Texten bereits Satire entdeckt. Die erzieherisch-satirischen Elemente biblischer Denkkultur und die satirischen Aktionen und Karikaturen während der Reformation erinnert man als Leser oft erst wieder in Krisensituationen wie zum Beispiel nach dem Anschlag in Paris. Die jüdisch-christliche Religion hält Satire nicht nur aus, sie ist selbst eine Quelle erzieherischer, wohlwollender, auf eine ideale Gesamtheit zielende Satire.

Literatur

Hermann Schmitz: Der unerschöpfliche Gegenstand. Grundzüge der Philosophie. Bonn 1990.

Peter Sloterdijk: Zorn und Zeit. Frankfurt am Main 2008.

Jörg Jeremias: Der Zorn Gottes im Alten Testament. Das biblische Israel zwischen Verwerfung und Erwählung. Neukirchen-Vluyn 2009.

Stefan Wälchli: Zorn (AT), WiBiLex 2014.

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Klaas Huizing

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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