Das große Schnaufen

Begegnung mit dem Komponisten und Pfarrer Dieter Schnebel
Dieter Schnebel im Januar 2015 in Benrath bei Düsseldorf. Foto: Alexander Basta
Dieter Schnebel im Januar 2015 in Benrath bei Düsseldorf. Foto: Alexander Basta
Dieter Schnebel ist ein wichtiger Grenzgänger zwischen Theologie und Musik, obwohl er zuerst die beiden Bereiche strikt trennen wollte. Gerade im Raum der Kirche stieß der Komponist, der auch Pfarrer ist, mit seinem avantgardistischen Stil häufig auf Unverständnis. Der Journalist Georg Beck ist dem Künstler begegnet, der am 14. März 85 Jahre alt wird.

Dieter Schnebel lacht. Neulich, das sei schon komisch gewesen. Erst sei er bei der Zeitungslektüre in den Todesanzeigen hängen geblieben und dann auch noch auf einen Namen gestoßen, der ihm etwas sagte. Nur, was ihn berührt habe, sei weniger dieser Name als der Umstand gewesen, dass der Verstorbene sein Jahrgang war, 1930. Da sei ihm erst so richtig zu Bewusstsein gekommen, dass er ja auch bald davor steht - nämlich fünfund-achtzig zu werden.

Eine dieser Alltagsgeschichten. Dieter Schnebel kann beides: Sie erzählen und über sie lachen. Dann steht er auf. Noch schnell einen Kaffee, den eine alte Freundin extra mitgebracht und in der Hotel-Lobby liebevoll serviert hat. Es ist Zeit. Drüben, im noblen Schloss Benrath im Süden Düsseldorfs wartet man auf ihn. Er soll ausgerechnet an diesem trüben Januartag einen Vortrag über "Schönheit in der Musik" halten. Im Moment, da der Referent den Saal betritt, ist er auch schon umringt von der musikalischen Jugend, Teilnehmer einer "Winterakademie", die locker als Schnebels Enkel durchgehen könnten. Der prominente Gast schickt ein Lächeln in die Runde, und schon geht's los in dem ihm eigenen singenden Tonfall, der den gebürtigen Badener verrät. "Oh wie schön! Manchmal bricht es aus uns heraus."

Ein kleiner Weisheits-Parcours, der in der folgenden Stunde absolviert wird - mit einem überraschenden Ende, das eigentlich ein Anfang, genauer: ein großes Anfangen ist. Die Stationen, ein Weg vom "sinnlichen Erscheinen" übers "Wohl-Gefallen" schnurstracks zu auf die "Sehnsucht", dem anderen Wort für "Liebe". Wird es jetzt pastoral? Das mochte sich da mancher gefragt haben unter den Youngstern, denen vielleicht gar nicht so klar war, dass in diesem Komponisten tatsächlich auch ein leibhaftiger Pastor schlummert, ein studierter Theologe, der als Religionslehrer und als Pfarrer tätig war und der noch heute gelegentlich predigt. Was nun doch diese eine Frage provoziert: Wie geht das zusammen mit der Musik, mit dem Komponieren, das Dieter Schnebel betreibt, und zwar, soviel muss man wissen, in durchaus avantgardistischer Absicht, wie man das früher gesagt hätte, als das Wort noch im Schwange war? Anders gefragt: Wo liegt der Schlüssel für diese Doppelexistenz Komponist und Theologe?

Für die Antwort muss man kaum allzu weit ausholen. Ausschlaggebend ist das im badischen Lahr stehende musikliebende Elternhaus, in das Dieter Schnebel am 14. März 1930 hineingeboren wird. Der Vater ein Opern- und Operettenliebhaber, die Mutter mit einem Faible für die Klassik und Kirchenmusik. Für die beiden Kinder wird ein Klavier angeschafft. Der Unterricht beginnt für den zehnjährigen Dieter allerdings mit einem Reinfall, hegt die erste Lehrerin doch einen allzu zeitkonformen Hang zu Militär- und Marschmusik. Erst mit dem Freiburger Wilhelm Siebler gelangt dann tatsächlich ein freier, vor allem antinazistischer Geist ins Haus. Einmal in der Woche kommt der Musiker nach Lahr, um dort zu unterrichten. Auch den kleinen Schnebel, der schnell Feuer fängt und das nicht bloß technische, vielmehr umfassend kulturelle Bildungsangebot förmlich in sich aufsaugt. Es ist Siebler, der die große Musik und das an ihr hängende humanistisch-philosophische Erbe in Dieter Schnebel verankert. Noch viele Jahre später preist der schon berühmt gewordene Komponist diese erste Musikerpersönlichkeit seines Lebens als Glücksfall. Unterricht, der nicht allein die Grundlagen legt für ein späteres Musikstudium, sondern mit dem eine geistige Alternative etabliert ist gegen die Gehirnwäsche der Nazis.

Hellsichtiger Unterricht

Und schließlich - es ist die andere Quelle für den Werdegang des Dieter Schnebel - ist da tatsächlich noch so ein (pädagogischer) Glücksfall. Einer, der in sein Leben tritt, als die Familie bei Kriegsende ins Schwarzwald-Städtchen Villingen evakuiert wird, dessen Gymnasium für Dieter Schnebel in der Oberstufe eine ungeahnte Faszination bereithält: den hellsichtigen Religionsunterricht Pfarrer Metzgers. Keine Indoktrination, kein Formalismus, keine Übungen in Wie-gewinne-ich-mein-Seelenheil. Stattdessen Information einerseits, Horizontöffnung andererseits. Zum ersten Mal begegnet Dieter Schnebel der modernen Theologie. Und der empathische Religionspädagoge schafft noch etwas anderes. Es gelingt ihm, den Blick seiner Schüler zu weiten für die religiöse Dimension der Kunst und der modernen Literatur. Kafka taucht auf. Und Hesse wird verschlungen. Auch Dieter Schnebel partizipiert am großen Nachholbedarf, der von praktisch allen Angehörigen seiner Generation so eindringlich bezeugt wird.

Allerdings, Schnebel hat damit zunächst ein kleines Problem, wenn auch ein durchaus komfortables: "1949 habe ich Abitur gemacht, und da war ein großes Schwanken. Was jetzt eigentlich anfangen? Zweierlei Dinge standen zur Debatte: Entweder eine theologisch-philosophische Richtung, also Philosophie studieren mit Theologie oder umgekehrt. Oder aber Musik."

Mit der Musik fängt er an: Noch 1949 besteht der Neunzehnjährige die Aufnahmeprüfung der Freiburger Musikhochschule, Studiengang Schulmusik. Doch die Neugierde treibt ihn schon bald weiter. Bereits 1950 besucht er die ersten Kurse für zeitgenössische Musik, die in Darmstadt angeboten werden. Das Komponieren der Zeit schlägt eine neue Richtung ein. Schnebel ist dabei und beginnt, sich an diesem großen Experimentieren zu beteiligen. Nicht zuletzt die Darmstadt-Erfahrungen bewirken, dass er den Wechsel vollzieht von der Schulmusik, wo ihm das vermaledeite Wandervogel-Repertoire wiederbegegnet, in Richtung Privatmusiklehrerexamen. Fast zeitgleich, es ist die zweite wegweisende Entscheidung dieser Jahre, beginnt er ein Theologiestudium in Tübingen, mit dem Ziel, in die Gemeinde zu gehen. "Ist was Gescheiteres, als Musik zu unterrichten", sagt er sich.

Zwei Lehrer also, die Grundlagen legen letztlich für die zwei Naturen dieser Künstler- und Theologen-Biographie. Zum einen der Komponist, der nun beharrlich seinen Werkkatalog erweitert, der sich mit Eifer an den Diskussionen der Zeit um eine neue Musik beteiligt - und zugleich der liberale Theologe, der den "gescheiteren" Weg in die Gemeinde geht, später dann doch noch in die Schule, viel später sogar an die Hochschule und der Anteil nimmt an den gesellschaftspolitischen Pulsschlägen der Zeit: Ostermarsch, Antiwiederbewaffnungsbewegung, Proteste gegen Notstandsgesetze. Dieter Schnebel ist dabei. Er lernt: Alles, was wir tun, hat eine (das Wort wird damals in den Fünfzigerjahren gerade erst erfunden) gesellschaftliche Funktion - auch die Kunst also. Sie ist kein Turm aus Elfenbein, auch wenn die Zirkel der Neuen Musik mit ihrem Korpsgeist dahin tendierten. Frei von Widersprüchen ist auch diese Biographie gewiss nicht.

Hinzukommt, dass Schnebel in all den Jahren auf getrennte Rechnung beharrt. Weitgehend außen vor bleiben die eigentlich spannenden Fragen, wie die zwei Naturen denn nun konkret zusammengehen? Ob die eine von der anderen weiß? Wer bei wem lernt, gegebenenfalls abschreibt? Wer wem wie wann ins Wort fällt? - all dies bleibt lange eigentümlich ausgeblendet. Theologen sprechen mit Theologen, Komponisten mit Komponisten. Unter sich ist es doch am gemütlichsten. Gewiss liegt es in Schnebels eigenem Interesse, wenn beide Seiten nichts voneinander wissen oder zumindest so tun als ob. Irgendwie ist das wie bei Jean Paul, der in den Flegeljahren zwischen den Schreibtischen der Zwillingsbrüder Vult und Walt ja auch eine Scheidewand errichtet, in Wahrheit eine Kulissenarchitektur zum Drüber-weg-Gucken.

Existiert die Wand für Dieter Schnebel heute noch? "Nein, eigentlich nicht mehr", verrät er beiläufig auf dem Weg zum Vortragssaal. "Das lässt nach." Früher, ja, da sei die Befürchtung groß gewesen, dass er mit seinem zweigeteilten Ich auch sein zweigeteiltes Publikum irritiert habe, wenn Vult da auf einmal dem Walt über die Schulter schaut und umgekehrt.

Was er aber nun doch unterschlägt, dass derselbe Dieter Schnebel im Prinzip schon die betreffenden Punkte markiert hat, wo sich die Schreibtische der Herren Vult und Walt berühren. Siehe die erkennbar biblisch konnotierten Werktitel im kompositorischen Oeuvre: "dt 31, 6", "amn", "Choralvorspiele", "Missa", "glossolalie".

Letztere übrigens war tatsächlich einmal für eine der befürchteten Irritationen gut. Eine der schönsten Schnebel-Anekdoten handelt davon. Wobei es ihm sichtliches Vergnügen bereitet, zu erzählen, wie das war. Da wurde er eines Tages als Vikar vom Herrn Superintendenten ins Gebet genommen. "Lieber Bruder Schnebel, Sie sind doch ein ordentlicher Mensch! Einer, der seinen Dienst tadellos verrichtet und der sich auch sonst nichts zu Schulden kommen lässt - und dann dies!" Auf die Rückfrage, was gemeint sei mit "dies", wird dem angehenden Pfarrer eröffnet, es habe sich in der Vikarsgruppe herumgesprochen, dass eine gewisse Komposition eines gewissen Dieter Schnebel im Radio gesendet werden würde. Auch er als Superintendent habe sich da natürlich verpflichtet gefühlt (und sei auch neugierig gewesen), sich das anzuhören. Danach allerdings habe er eine ziemlich schlaflose Nacht verbracht. "Mein Gott, Schnebel, musste das sein?!"

Eine Anekdote, die den Grad des (mehr oder minder anhaltenden) "Kannitverstan" ins Bild setzt, insofern der Superintendent in "Glossolalie für Sprecher und Instrumentalisten" allein das Trennende hat sehen und heraushören können. Wäre er dran geblieben, hätte er doch ganz gewiss den Ausgangs- und Fluchtpunkt pfingstlicher Zungenrede erfasst wie sie in Apostelgeschichte Kapitel 2, Vers 3 und an anderen Stellen vorgeführt wird. "Und es erschienen ihnen Zungen zerteilt, wie von Feuer". Werkkommentar des Komponisten dazu: "Melodien fremder Sprachen, Polyphonien erregter Diskussion, hochtrabende, auch nichtssagende instrumentale Phrasen. Derartiges soll sich begegnen, ineinander geraten, sich abstoßen. Dann ereignete sich Zungenreden, Glossolalie."

So betrachtet, doch eine recht stabil konstruierte Brücke. Mit Verweis auf sein Schlüsselwort vom "sinnlichen Erscheinen" hat sie Schnebel jetzt noch im Benrather Vortrag vor den jugendlichen Winterakademisten zum Betreten frei gegeben. Ganz unspektakulär, wenn er im Schlusskapitel bei der "schwingenden Luft" ankommt und damit beim "Atem", dem "körperlichen Pendant" dieser "luftigen Kunst", der Musik. Von dort schließlich eine Drehung, eine Ruck-Zuck-Modulation, und wir treten mit dem Atem direkt ins Buch der Bücher. Mit dem beiläufigen Bemerken "Hierzu noch ein Bibelzitat" zitiert Schnebel die ersten Verse des ersten Buches Mose, eben die, in denen vom "Ruach", vom "Atem Jahwes" die Rede ist, in der Schnebel'schen Diktion, ein "gewaltiges Schnaufen über dem urweltlichen Chaos".

Mit letzterem, mit dem Schnaufen, hatte Schnebel nun allerdings schon in der Vergangenheit gewisse Erfahrungen gemacht. Zusammengefasst unter der Überschrift "Maulwerke für Artikulationsorgane und Reproduktionsgeräte" findet sich im Werkkatalog des Jubilars eine Vokalkomposition, die dieses große Schnaufen nachstellt. Ein Stück Geräusch-Musik, mit der Schnebel zur Uraufführung 1971 Aufsehen erregt. Allerdings, es sind gerade die "Atemzüge" des Komponisten, die zu der Sorte von Werken gehören, die uns leicht erscheinen und die doch so schwer hervorzubringen sind, manchmal (seine Interpreten bezeugen es bis heute) nur unter Schmerzen, manchmal mit schlaflosen Nächten. Eben wie, wenn zwei distinkte Naturen aufeinandertreffen sollen. Aber das wussten Vult und Walt ja auch schon.

Georg Beck

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