Neue Studie

Europa, Religion und Bildung
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Peter Schreiner hat ein grundlegendes Buch vorgelegt, das die Entwicklung und den gegenwärtigen Stand in dem Dreieck von Bildung, Religion und Europa mit akribischer Sorgfalt vermisst und aus dieser Analyse Kriterien und Impulse für künftiges Handeln gewinnt.

Immer noch herrscht in der bildungspolitisch interessierten Öffentlichkeit die Meinung vor, der europäische Horizont spiele für den Bereich der Bildung nur eine marginale Rolle. Nun hat Peter Schreiner ein grundlegendes Buch vorgelegt, das die Entwicklung und den gegenwärtigen Stand in dem Dreieck von Bildung, Religion und Europa mit akribischer Sorgfalt vermisst und aus dieser Analyse Kriterien und Impulse für künftiges Handeln gewinnt. Aus der politologischen Debatte greift er den Begriff der "Europäisierung" auf. Er markiert einen Paradigmenwechsel, mit dem eine Theorie gewonnen werden soll, um den zunehmenden Einfluss europäischer Politik auf nationale Bereiche und die Wechselwirkungen der unterschiedlichen Handlungsebenen differenzierter beschreiben zu können. In dieses Theoriekonzept zeichnet Schreiner nun die Rolle und den Stellenwert von Religion und Bildung ein und analysiert aus dieser Perspektive die Handlungsträger Europarat, Europäische Union und die Religionsgemeinschaften.

Er versteht seine Untersuchung als Beitrag, "anhand von politischen Dokumenten der europäischen Institutionen die darin enthaltenen konzeptionellen Vorstellungen zu Religion und Bildung näher zu bestimmen" und sie daraufhin zu untersuchen, "inwieweit sich die Diskussion um Religion und ihre Bedeutung auch in Prozessen einer Europäisierung von Bildung finden lässt". Er untersucht systematisch die wichtigsten Dokumente aus dem Bereich des Europarats, der Europäischen Union und der Kirchen. Dabei gelingt es, das Bildungsverständnis und das Verständnis von Religion in den Dokumenten so herauszuarbeiten, dass Entwicklungsprozesse sichtbar, Defizite aufgedeckt und Herausforderungen für den Fortgang der Problembearbeitung definiert werden.

Hier hat der Autor grundlegende Pionierarbeit geleistet, die für den weiteren Dialogprozess der Kirchen im Zuge der Europäisierung eine entscheidende Basis abgeben. Noch 2007 stellte die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) fest: "Kirchen, auch die evangelischen Kirchen, ziehen sich, entgegen ihrer eigenen theologisch begründeten und gewachsenen Bildungskompetenz, in Europa weitgehend aus der Bildungsverantwortung zurück."

Damit sich dies ändert, ist den dafür auf allen kirchlichen Ebenen Verantwortlichen die Lektüre der Studie von Peter Schreiner zur unumgänglichen Aufgabe zu machen. Dabei wird erkennbar, dass im Blick auf den Europarat in den zurückliegenden zehn Jahren ein beachtlicher Veränderungsprozess einer inhaltlichen Annäherung an die Religionsgemeinschaften zu beobachten ist. Von einer entschiedenen Distanz zu allen Religionsgemeinschaften, die von einem rigiden Laizismus und einer eher negativen Einschätzung der Rolle von Religion als gesellschaftlicher Instanz dominiert wurde, ist es zu einem differenzierten Religionsverständnis gekommen, das die Religionsgemeinschaften als wesentliche Partner eines zivilgesellschaftlichen Bildungsverständnisses positiv wahrnimmt. Parallel dazu hat das partnerschaftliche Verhältnis der Europäischen Union zu den Religionsgemeinschaften einen rechtsförmigen Ausdruck im Vertrag von Lissabon gefunden, der die Union zu einem "offenen, transparenten und regelmäßigen Dialog" verpflichtet. Gleichzeitig aber sind das Bildungsverständnis und das Verständnis von Religion hier wesentlich weniger präzise und eher kontrovers. Schreiner fasst zusammen: "Während im Kontext des Europarats eine Auseinandersetzung mit Religion stattfindet und Bildung lediglich genannt, aber nicht diskutiert wird, gibt es im Rahmen der EU eine intensive Auseinandersetzung mit Bildung, ohne dass Religion dabei explizit thematisiert wird." Besonders bemerkenswert erscheint in den Ergebnissen der Studie die Beobachtung, dass "sich eine veränderte Wahrnehmung von Religion in der Europäischen Gesellschaft" entwickle und dass den Religionsgemeinschaften "ein Potenzial zur Mitgestaltung europäischer Prozesse zugesprochen" werde, "das für demokratische Entwicklungen förderlich sein kann". Aus der Untersuchung wird deutlich, dass erst durch den Dialog mit den Religionsgemeinschaften - und hier sind an erster Stelle die in der Konferenz Europäischer Kirchen zusammengeschlossenen Kirchen und assoziierten Verbände zu nennen - in über einem Jahrzehnt ein Wandel und Lernprozess vor allem beim Europarat erfolgt ist, der eine differenzierte Sicht von Religion und Kirche in der Gesellschaft hervorgebracht hat, die weiterzuentwickeln ist. Daher ist die Folgerung Schreiners nach einer Intensivierung dieses Dialogs nur zu unterstützen. Weiter ist auf Grund der Studie zu konstatieren, wie entscheidend es auf der europäischen Ebene ist, dass sich auch die Kirchen und Religionsgemeinschaften aus ihrer nationalen Enge herausbewegen und kompetente Strukturen schaffen, die ein Gegenüber im Dialog mit den Einrichtungen des Europarats und der Europäischen Union sein können.

Die EKD ist gegenwärtig in der Gefahr, diese Aufgabe zu unterschätzen. Sie unterhält mit ihrem Büro in Brüssel eine wichtige Agentur und ist bemüht, die GEKE zu stärken. Dies darf aber nicht auf Kosten der Konferenz Europäischer Kirchen geschehen, die - und das zeigt die Studie von Peter Schreiner sehr eindrücklich - wichtige Beiträge zu dem Prozess der Differenzierung einer Sicht der Rolle der Religion in Europa geleistet hat. Nationale und konfessionelle Perspektiven reichen nicht mehr aus, um das Gespräch in der europäischen Zivilgesellschaft im Blick auf die Religion und Bildung weiter voranzubringen.

Peter Schreiner: Religion im Kontext einer Europäisierung von Bildung. Waxmann Verlag, Münster 2012, 402 Seiten, Euro 34,90.

Eckhart Marggraf

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