Bienchen, Blümchen, Bambi

Wiederentdeckte Klassiker und neue Literatur über Natur und Mensch
Maria Sibylla Merian: Grüner Leguan. Foto: dpa/Museum Rembrandthaus
Maria Sibylla Merian: Grüner Leguan. Foto: dpa/Museum Rembrandthaus
Bienen und Blumen kommen auch in der Reihe aktueller Bücher zu Ökologie und Natur vor. Doch auch zu den Dauerthemen Gentechnik und Nachhaltigkeit gibt es neuen Diskussionsstoff. Und immer wieder geht es um die Frage, in welcher Beziehung der Mensch zur Flora, Fauna und zu seinen Mitmenschen steht. Das zeigt der Journalist Martin Zähringer in seinem Überblick über die Neuerscheinungen zum Thema.

Man betrachte das "Neue Blumenbuch" von Maria Sibylla Merian, das so neu nicht ist, sondern wirklich alt, nämlich von 1680. Im aktuellen Nachwort steht: "Von seiner ausgewogenen Farben- und Formensprache vollendet schöner Kreatürlichkeit der Blumen und Schmetterlinge, der Vögel und Käfer geht eine heilende und froh machende Wirkung aus." Das ist so ornamental gesagt, wie Merian zeichnet. Wer noch in seiner Kindheit die Vielfalt einer Blumenwiese kennenlernte, wird sicher froh sein. Merians Ästhetik, die sensible Wahrnehmung der einzelnen Pflanzen, aber auch der Beziehungen zwischen den Natursubjekten, das ist durchschaute Ökologie dieser bunten Kindheit. Vielleicht zeichnet Merian auch die Kindheit einer Ökologie, eines ökologischen Denkens und Empfindens, das erwachsen werden will. Gereifte umweltbezogene Kunst und Gedankenarbeit findet sich heute hingegen auf dem Büchermarkt, mit Blick auf Pflanze, Tier und Mensch im ökologischen Kontext.

Merians mikroökologische Gesellschaften von Insekten und Pflanzen gemahnen an eine Vielfalt, die heute durch Monokulturen, Übernutzung und Genetik im Ganzen bedroht ist. Gleichzeitig lassen sie an eine zentrale Idee der Tiefenökologie des norwegischen Philosophen Arne Naess denken: "Die tiefenökologische Bewegung setzt sich dafür ein, das 'Mensch-in-Umwelt'-Konzept durch die Vorstellung eines 'Beziehungsfeldes' zu ersetzen, das eine Totalität bildet. Organismen sind demnach Knotenpunkte in einem Feld intrinsischer Beziehungen." Das heißt zum Beispiel, die Biene und die Hibiskusblüte gehören so sehr zusammen, dass es ohne diese Beziehung weder Biene noch Hibiskusblüte geben würde. Und auf den nächsten Stufen mitgedacht: Bienengesellschaften und Pflanzengesellschaften und Menschengesellschaften sind unlösbar miteinander verbunden. Albert Einstein: "Wenn die Biene ausstirbt, sterben vier Jahre später die Menschen aus."

Mensch und Bienen setzt auch Das Leben der Bienen des Großschriftstellers Maurice Maeterlinck in eine enge Beziehung. Die Bienenwissenschaft ist seit 1901 zwar um einiges weiter, und durch ihre bildgebenden Verfahren sowie hunderte Hobbyvideos von Imkern können wir heute alles viel besser sehen und genauer wissen. Maeterlincks Text über den geheimnisvollen Bienenstaat lehrt aber eines: Das Lesen, der Weg der subjektiven Imagination, bringt noch immer die schönste Naturerkenntnis. Eine weitere Lehre: Man muss bei aller Faszination aufpassen. Die Autoren der tierischen Ökosphäre sind nicht zwingend auch gute Lehrer in den menschlichen Dingen.

Riskantes Spiel

So fand der Belgier Maeterlinck, im Ersten Weltkrieg noch entschieden gegen die deutschen Invasoren, die Nazis akzeptabel und machte nach dem deutschen Spuk dem portugiesischen Diktator Salazar seine Aufwartung. Auch Waldemar Bonsel, mit Biene Maja von 1927 der Autor eines überragenden Beispiels emphatischer Naturbetrachtung, präsentiert eine faszinierende Beschreibung ökologischer Beziehungswelten, wurde aber Mitglied der NS-Reichsschrifttumskammer, und er war Antisemit. Felix Salten, Autor des Bestsellers Bambi, lässt in seiner neuromantischen Naturdramaturgie das grundsätzlich riskante Spiel mit sozialen Projektionen deutlich erkennen - Bambi, Fürst des Waldes. Auf dem p.e.n.-Kongress von Ragusa im Jahr 1933 sprach Salten als Präsident gegen eine Verurteilung des NS-Regimes. Konrad Lorenz hat seine extrem vitalistischen Konzepte dem nationalsozialistischen Rassenwahn angepasst und ihm wissenschaftliche Schützenhilfe geleistet: "Biologische Durchschlagskraft und Überlebenswille unseres Volkes" als Leitlinien der Naziideologie.

Das Zoon Politicon hat aber von evolutionsbiologischer Tierkunde nichts zu lernen. Naturkundlich orientierte Tier-Literaten mit Hang zum Analogisieren vermenscheln die Fauna, und durch ihre Neigung zu Rückprojektionen betreiben sie eine antihumane Biologisierung der Gesellschaft: Sie begründen den "Herrenmenschen" aus der Natur. Unser Zeitgenosse Cord Riechelmann geht in seinen Krähen darauf ein. Er aber bringt die mimetische Anverwandlungskraft von Konrad Lorenz an dessen Krähen in einen erkenntnispraktischen Zusammenhang: Ökologischer Durchblick durch die Transformation zur "Krähe Konrad" - immerhin eine ökopoetische Idee.

Können uns hingegen die Pflanzen etwas lehren? Was Pflanzen wissen heißt ein Buch von Daniel Chamovitz, das zum Glück die Analogie mit den Sinnen des Menschen kurzhält. Also "riechen", "sehen", "fühlen" die Pflanzen immer in Anführungsstrichen. Die derart beobachtete "wahrnehmende Pflanze", die eben auch oben und unten, kalt und warm, hell und dunkel erkennen und unterscheiden muss, ist naturwissenschaftliches Neuland, ein attraktiver Denkanstoß zu einer sensiblen und intelligenten Wahrnehmung der Natur.

Foto: dpa/akg-images
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Maria Sibylla Merian:

Hans Magnus Enzensberger kann dazu verhelfen. In seinem neuen Buch Blauwärts gibt es ein Gedicht über "Die Intelligenz der Pflanzen": "Heute tue ich so, als ob sie uns ähnlich wären, / obwohl das nicht üblich ist. Als dächten sie / mit ihren grünen Gehirnen. Wie listig sie sind, / wie lautlos sie vorgehen, pünktlich und zäh.?/ Ihre schamlose Pracht, mit der sie locken / und Fallen stellen: Duft, Honig, Frucht. / Sie sind vorsichtig, sie können warten."

Die wahrnehmende Pflanze findet sich auch in einem Werk, das zu seinem dreihundertsten Geburtstag gerade eine Wiedergeburt in einem philologischen Prachtband erlebt: Sylvicultura oeconomica von Hans Carl von Carlovitz, ein Lehrbuch über den Wald und zugleich ein Gründungstext des Nachhaltigkeits-Gedankens. Der Begriff "nachhaltend" kommt nur einmal vor, aber die Idee wirtschaftlichen Handelns von der Zukunft her gedacht - vom Nutzen der wachsenden Wälder für zukünftige Generationen, das ist ökologisches Denken. Wie es dem derzeitigen ökonomischen Treiben auf dem Planeten vielleicht doch noch nachhaltig aufstoßen könnte.

Wilde Weisheit Gottes

Carlovitz plädiert in seinem forstkundlichen Werk für die Nachzucht wilder Bäume ?- was man bis dato nur für Obstbäume kennt, aber: "Die Weisheit Gottes ist an denen wilden Bäumen insonderheit zu erkennen", schreibt er gemäß dem glaubensdurchwirkten Diskurs seiner Zeit, und ganz besonders dann, wenn sie so etwas wie Empfindung haben: "Zwischen Nombre de dios und Panama auf den engen Strich Landes / hat es einen gantz Wald voll sensitive Bäume deren Blätter ein Leben und Empfinden haben. Wenn ein Ast berührt wird / ziehen die Blätter mit großem Krach sich in gestalt einer runden Kugel zusammen und bleiben auch nachmahls also."

Die Faszination der botanischen Phänomene hat kein Ende. Dreihundert Jahre nach Carlovitz wissen wir nicht einmal genau, wie sich das Wasser in das Astwerk eines Baumes verteilt. Diese Tatsache wirkt umso erstaunlicher, als sie in dem bestens über alle biologischen Aspekte informierten Buch Der Baum von David Suzuki und Wayne Grady zu einem einzigen Exemplar vermittelt wird?- einer siebenhundert Jahre alten Douglaisie im Westen Kanadas. Dieser mächtige Baum aber - eine Botschaft ganz im Sinne von Arne Naess - lebt nur, weil er leben lässt.

Ein neues Kapitel der Naturästhetik schlägt die Encyclopedia of Flowers auf. Die japanischen Blumenartisten Makoto Azuma und Shunsuke Shiinoki haben tausende von Blumen gepflückt, zerteilt, wieder neu zusammengesetzt und in hochkomplexen Arrangements rekonstruiert und fotografiert. Neo-Ikebana heißt die futuristische Blumen-Fusion. Bei aller Phantasie und Verspieltheit lässt sie - etwa in der Sektion "Hybrids" - einiges von dem ahnen, was die Wissenschaft heutzutage ins Rennen wirft: Die Neue Schöpfung heißt es großartig bei Olaf Fritsche. Der Biophysiker kann auch als Fachjournalist seine Faszination für die Genforschung nicht verleugnen.

Didaktisch versiert präsentiert er den Stand der Forschung, die - ernsthaft - an der genetischen Wiederbelebung von Neandertaler und Mammut arbeitet und von einer neuen Chemie träumt. Immerhin warnt der Autor: "Ein Traum, der für viele von uns eher ein Alptraum ist. Mögen wir auch technisch in der Lage sein, das Leben zu manipulieren, zu programmieren und vielleicht sogar zu erschaffen - offen bleibt, ob wir auch die moralische Größe dazu haben, unsere neue Macht zu beherrschen."

Kauzige Schärenbewohner

Christian Link geht den ethischen Fragen genauer nach. Er unternimmt in seiner "Schöpfung" einen Versuch, die Beziehungen zwischen Naturwissenschaften und Theologie neu zu befragen. In einem diskursiven Gang durch die Schöpfungstheologie gelangt er von der Krise des Schöpfungsglaubens bis zu den Erörterungen einer "neuen Schöpfung" im theologischen Sinn: "Die Schöpfung soll in der Geschichte Gottes nicht übergangen werden, sie wird ihr endgültig eingegliedert und insofern von Grund auf neu bestimmt."

Eine Quelle für "Nature Writing" im weiteren Sinn ist August Strindberg. In den Schären-Erzählungen geht er den Tragödien des gesellschaftlichen Lebens unter den Bedingungen seiner landwirtschaftlichen Existenz nach. Die kauzigen Schärenbewohner mit ihrer etwas zu lässlichen Ökonomie geraten plötzlich in Kontakt mit einer ökologischen Weltanschauung: "Seht ihr, Schweine halten, wenn man keine Milch im Stall hat, das hat gar keinen Zweck, posaunte Carlsson; und Milch kriegt man nicht, wenn man nicht Klee als Herbstsaat sät. Ja, man braucht Zirkulatschon [sic] in der Landwirtschaft; es muss gewissermaßen zirkulieren, eines mit dem anderen." So der neu auf den Schärenhof gekommene Carlsson, der dabei ist, seine landwirtschaftliche Bodentauglichkeit gegen die auf dem Insel-Hof vorherrschende maritime Sphäre auszuspielen. Aber die Freunde der Meeresjagd sind ökologisch auch nicht auf den Kopf gefallen: " Ja, ja, das ist gewissermaßen genauso wie bei der Fischerei; man kann die Strömlingsnetze nicht aufstellen, bevor die Flundern nicht mehr beißen, und Flundern kriegt man nicht, bevor der Hecht mit dem Laichen fertig ist. Das eine geht gewissermaßen in das andere über, und wo das eine nachlässt, da fängt das andere an."

Als Naturwissenschaftler ist Strindberg literarisch und ökologisch auf einer Höhe mit Hermann Melville. Dessen Buch der Bücher Der Wal kann hier als Extrabonus gelten. Leviathan oder Der Wal. Auf der Suche nach dem mythischen Tier der Tiefe dagegen ist eine walkulturgeschichtliche Meeres- und Hafenkunde auf den Spuren von Melville. Philip Hoare bereichert das aktuelle Wissen über Wale mit eigenen Reiseerfahrungen und einem journalistisch wertvollen Bilddiskurs. Es gibt eine eigentümliche Lehre aus dem Meer: Was für uns das Sehen ist, das ist im Meer das Hören. So beschreibt es Callum Roberts in seinem wahrhaft ozeanischen Buch Der Mensch und das Meer: Für Wale gibt es eine Art akustisches Tageslicht aus nahen und fernen Geräuschen, unter anderem der arteigenen Kommunikation. Dieses Tageslicht aus Walgesang wird aber verdunkelt durch den motorisierten Schwarm der Menschheit.

Martin Zähringer

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