Bilder-Gedanken

Über Filmpredigten
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Wer ins Kino geht, sucht auch Auslegungsmaterial für sein Leben - Bilder, an denen sich die Seele nähren kann. Die Predigt zum Film geht einen Schritt weiter.

Predigen heißt Arbeit am Gedanken. Wer über Filme predigt, führt Bilder auf Gedanken zurück, sucht hinter der Anschauung den theologischen Begriff, hinter der exemplarischen Film-Geschichte das Allgemeine. Dieser Aufgabe - der Rückübersetzung von Bildern in Gedanken - verschreibt sich der Tübinger Theologieprofessor und Pfarrer der Evangelischen Landeskirche Württembergs, Hans Martin Dober, im zweiten Band seiner Film-Predigten. Im Hintergrund steht ein gemeindepädagogisches und gottesdienstliches Projekt, das im Jahr 2004 an der Versöhnungskirche in Tuttlingen begann. Im Rhythmus des Kirchenjahrs werden von Dober Filme gezeigt, sei es im örtlichen Kino oder in kircheneigenen Räumen, und die sind am darauffolgenden Sonntag Gegenstand der Predigt. Gezeigt werden Filme, deren Inhalte sich für eine religiös-christliche Auslegung empfehlen und die sich dem Proprium des Sonntags anschmiegen. Nachdem der erste Band der Film-Predigten (2010/2011) bereits in zweiter Auflage vorliegt, hat Dober nun einen weiteren Band veröffentlicht.

Die Auswahl der Filme und der entsprechenden Predigten wurde an der für das evangelische Selbstverständnis zentralen Unterscheidung von Gesetz und Evangelium orientiert. In ihr verdichtet sich, so die Einsicht der Reformatoren, menschliche Welt- und Lebenserfahrung auf heilsame Weise. Grob vereinfacht: Das Gesetz in seinen verschiedenen Grundbedeutungen beschreibt die Lebenswirklichkeit in all ihrer Widersprüchlichkeit und Brüchigkeit. Das Evangelium dient der Erhellung und Tröstung derselben Erfahrung. Mit dieser Unterscheidung findet Dober ein anspruchsvolles und anschlussfähiges Auswahl- und Erschließungskriterium für die Predigten, denn es ist die "Beschreibung der Lebenswirklichkeit [...], zwar noch nicht das Evangelium, aber erst auf dem Hintergrund zutreffender und überzeugender Beschreibungen kann das Evangelium als Antwort seine Kraft entfalten". Einige der ausgewählten Filme bringen die Spannung von Gesetz und Evangelium, von Lebenswirklichkeit und Erlösungshoffnung zur Darstellung, wie zum Beispiel Drei Farben: Blau (Krzystof Kieslowski, 1993) oder Tsotsi (Gavin Hood, 2005). Und die Predigten zeichnen diese Spannung nach. Manche Filme zeigen die Härte des Gesetzes, ohne von einer Erlösung zu wissen, Beispiel Vertigo (Alfred Hitchcoock, 1958). Hier kommt der Predigt die Funktion einer evangeliumsgesättigten Antwort zu.

Indem Film und Predigt durch die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium aufeinander bezogen werden, bringen Dobers Predigten eine homiletische Grundeinsicht zur Darstellung: Gute Predigten bringen menschliche Erfahrungen zur Sprache. Sie schließen an Erfahrungen an, legen diese aus und versuchen, ihnen einen Sinn zuzuführen. Darin liegt die Nähe zwischen Kino und Kult. Wer ins Kino geht, sucht zwar meistens auch Unterhaltung, aber er sucht doch auch Auslegungsmaterial für sein Leben - Bilder, an denen sich die Seele nähren kann, Helden, die zur Identifikation und Verlierer, die zum Mitleiden einladen, Geschichten, in die eigene Geschichte sich einverweben kann. Die Predigt zum Film geht einen Schritt weiter. Sie zeichnet diese Erfahrungen in einen vorausgesetzten und gewährten Sinnhorizont ein. Sie fügt der Erfahrung einen Gedanken hinzu - den Gedanken Gott, das Evangelium.

Die von Dober vorgelegten Predigten erfreuen also aufgrund der differenzierten und originellen Filmauswahl nicht nur die cineastische Seele, sondern regen auch zum Nachdenken über eigene Erfahrungen an. Und was kann man von Predigten Besseres sagen?! Das ganze Projekt kann zur Nachahmung empfohlen werden.

Hans Martin Dober: Film-Predigten II. Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, Göttingen 2012, 192 Seiten, Euro 17,99.

Ruth Conrad

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