Zähne und Klauen

Entspannt: Billy Bragg
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Zu hören sind zwölf meilenweit von faustgereckter Internationale entfernte Songs, tief in beste US-Traditionen von Folk, Country und Soul getaucht, die den schmalen Grat maximaler Entspanntheit abschreiten

Wer Billy Bragg aus den Augen verloren und ihm auch in den Achtzigerjahren nicht genau zugehört hat, den dürfte dieses Album verwirren. Scheint doch der Titel Tooth & Nail, also "Mit Zähnen und Klauen" just das zu verheißen, worunter Bragg damals katalogisiert wurde: Ein Kämpfer gegen Unrecht, Ausbeutung und Kapitalismus, der die englischen Bergarbeiterstreiks mit Auftritten unterstützte und mit Gitarre und Biss das System anging, als die Eiserne Lady regierte. Doch zu hören sind zwölf meilenweit von faustgereckter Internationale entfernte Songs, tief in beste US-Traditionen von Folk, Country und Soul getaucht, die den schmalen Grat maximaler Entspanntheit abschreiten.

In denen es um Liebe, Beziehungen und festen Stand in nach wie vor wilder Welt geht, die beruhigt wirken, aber nicht zahnlos. Der Mann ist älter geworden, mag man sagen, geboren 1957, und hat einen langen Weg hinter sich. Gereifte Melancholie, die sich dem Gang der Zeiten stellt, ihn ohne Bitterkeit zu nehmen weiß und das Individuum doch nicht davon aufzehren lässt. Und diese Fährte findet sich schon in seinem berühmten Trennungslied "A New England", aus dem Jahr 1983: "I don't want to change the world/I'm not looking for a new England/I'm just looking for another girl". Sich angesichts einer alles bestimmenden Fixierung auf Börsenkurse diese Dimension von Verlust und Gewinn zu bewahren, darum geht es auf Tooth & Nail!

Bragg kündigt zwar auch hier eine Abrechnung an, tut es aber mit elegant gefedertem Americana-Rock, dem die Band aus gestandenen US-Musikern ein tiefes Gefühl von Weite, Ranch, Veranda und intakten Zäunen auf der Nordweide einhaucht. Chasing Rainbows mit souveräner Pedalsteel ist Country pur, der auch nur versöhnt: "Wenn du dem Regenbogen nachjagst, wirst du nun mal nass!" Und während Finanzkrise und aufgeregtes Gefasel um Biggs-Gottesteilchen und Zusammenhang sonst leere Gespräche bloß austauschbare Gegenstände geben, hat "No one knows nothing anymore" einen andern Reim: "But what if there's nothing? No big answers to find? What if we're just passing through time?" Ein sehr warmer, räumlicher Klang, die Akustische mit entspannter Geste geschlagen, der Bass verschmitzt, ein Albatros an den Drums, Piano, Steel Guitar: Nie war Nihilismus so mild und tröstlich.

Dazu passt, dass ein Fan Bragg unlängst den "Sherpa of Heartbreak" nannte, was der gewitzte Schwerenöter für das Booklet-Cover übernahm, wo nun über hartgezackten Bergspitzen eben "Scout und Lastenträger für Kummer und Herzeleid" prangt. Wohlgemerkt, es geht um Gipfel, auf die eigentlich niemand gerne will. Mit solcher Unwirtlichkeit nimmt es Tooth & Nail locker auf.

Billy Bragg: Tooth & Nail (Cooking Vinyl/Indigo 2013)

Udo Feist

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