Warnung vor dem Verfall

Einige neue Freikirchen erschweren die innerevangelische Ökumene
Taufe in einer hannoverschen Baptistenkirche. Foto: epd-bild/Jens Schulze
Taufe in einer hannoverschen Baptistenkirche. Foto: epd-bild/Jens Schulze
In Deutschland sind die Landeskirchen und die klassischen Freikirchen in den vergangenen Jahrzehnten zusammengerückt. Schwer mit der Ökumene tun sich dagegen die selbständigen freikirchlichen Gemeinden, die vielerorts entstehen. Die Theologin und epd-Redakteurin Barbara Schneider gibt einen Überblick.

Hinter dem Rednerpult neben einem erleuchteten Kreuz steht wild gestikulierend Arthur Kingsley und predigt über seine Vorstellung vom wahren Christentum. Es gebe drei unterschiedliche Arten von Menschen in der Welt, ruft er ins Mikrofon. Und dann zählt er auf: Die wahren Jünger, die wiedergeboren und geisterfüllt sind, und die Jesus lieben, und Getaufte die nicht mehr so richtig glauben. Und schließlich die "Unerlösten, die Jesus nicht kennen, aber sich dazu bekennen, dass sie Christen sind - aber sie sind es nicht". Über diese Gruppe erregt sich Kingsley am meisten, denn "sie kennen alle Theologie und jede Bibelstelle auswendig, sie sprechen sehr fromm, aber es ist kein Leben dahinter". Kingsley ist im Berliner Stadtteil Wedding Pastor der "International Christian Revival Church", einer von zahlreichen Pfingstkirchen in Deutschland.

Es ist ein einfaches Bild, das Kingsley im Internetvideo von wahren und falschen Christen zeichnet. Und es passt so gar nicht zu dem, was in den zurückliegenden Jahrzehnten in der innerprotestantischen Ökumene erreicht wurde. Erst jüngst sagte der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), Braunschweigs Landesbischof Friedrich Weber, dem Evangelischen Pressedienst (epd), Landeskirchen und Freikirchen hätten ihre Zusammenarbeit "in den letzten Jahren äußerst konstruktiv fortentwickelt". Und in der Tat hat sich viel getan: 1973 schrieben die evangelischen Kirchen in der "Leuenberger Konkordie" fest, dass Pfarrerinnen und Pfarrer wechselseitig amtieren und Protestanten miteinander Abendmahl feiern dürfen, dass sie, so der theologische Begriff, "Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft" pflegen.

"Mit der Konkordie sind Unierte, Reformierte, Lutheraner und Waldenser nach 450 Jahren Streit zu einem gemeinsamen Lehrzeugnis gekommen, und 1997 traten auch die Methodisten in Europa dieser Kirchengemeinschaft bei", berichtet Walter Fleischmann-Bisten, Leiter des Konfessionskundlichen Instituts der EKD in Bensheim.

In Deutschland war es sogar schon vorher zu einer engeren Verständigung zwischen Methodisten und Landeskirchen gekommen: So feierten die Evangelisch-Methodistische Kirche (EMK) und die EKD Ende September in Nürnberg das fünfundzwanzigjährige Bestehen ihrer Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft.

Ein Netz von Verbänden

Wer sich heute mit der innerprotestantischen Ökumene in Deutschland beschäftigt, stößt auf ein Netz von Verbänden und Zusammenschlüssen, die teils miteinander kooperieren, teils miteinander verwoben sind und teils eigenständig agieren. Da gibt es die ACK, die 1948 von der EKD und fünf evangelischen Freikirchen, darunter Methodisten, Baptisten und Mennoniten, sowie den Alt-Katholiken, gegründet wurde. Heute hat sie siebzehn Mitglieder, die sich zur Zusammenarbeit verpflichtet haben. Außerdem haben vier Kirchen einen Gaststatus.

Fast alle Freikirchen sind außerdem - seit 1926 - in der Vereinigung Evangelischer Freikirchen (VEF) zusammengeschlossen. Und Pfingstkirchen haben sich darüber hinaus im Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden (BFP) organisiert. Doppelmitgliedschaften einzelner Kirchen in verschiedenen Vereinigungen sind keine Seltenheit. So gehören zur VEF die ACK-Vollmitglieder Mennoniten und Methodisten und der BFB, der seit Oktober 2010 Gastmitglied in der ACK ist.

Nicht vergleichbar mit ACK und der VEF ist die Deutsche Evangelische Allianz (DEA). "Herzschlag der Allianz ist kein Bündnis von Werken, sondern Einzelpersonen", betont Michael Diener, Allianzvorsitzender und Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes in der EKD. Um Mitglied in dem Netzwerk zu werden, zähle "nicht ein Kirchenbuch", sondern das "absolute Vertrauen in die Heilige Schrift".

Streit um die Taufe

Die Allianz hat keine festen Mitglieder. Ausschlaggebend ist vielmehr, sich "zu den Heilstatsachen der Bibel" und "zur ganzen Bibel als Wort Gottes" zu bekennen. Die Allianzmitglieder aus Landes- wie Freikirchen sind in über tausend Ortsallianzen organisiert.

Einfach gestaltet sich die innerprotestantische Ökumene nicht. So gibt es auf der theologischen Ebene immer noch Streit um die Taufe: Während die meisten Mitglieder der Vereinigung Evangelischer Freikirchen, wie Baptisten und Pfingstler, auf eine Taufe nach persönlichem Bekenntnis oder Bekehrung bestehen, praktizieren die Landeskirchen die Kindertaufe. Und weil manche Freikirchen diese nicht anerkennen, müssen sich Mitglieder der Landeskirche bei einem Übertritt wieder taufen lassen, was Lutheraner und Reformierte aus grundsätzlichen theologischen Gründen nicht akzeptieren können.

Neben der Taufpraxis besteht ein weitreichender Dissens im Verständnis der Bibel. Pfingstkirchen, zahlreiche weitere Freikirchen und ein Großteil der Mitglieder der Allianz legen die Bibel wörtlich aus. So heißt es in der 1972 überarbeiteten Basis der Evangelischen Allianz: "Wir bekennen uns zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit und höchsten Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung." Die Interpretation dieses Bekenntnisses führt mitunter zum Glauben an die Unfehlbarkeit und Fehlerlosigkeit der Bibel sowie zur Ablehnung der historisch-kritischen Methode bei der Auslegung. Dass die Evangelische Allianz aber keine homogene Gruppe ist, macht ihr Vorsitzender Diener deutlich: In den Ortsallianzen gebe es zum Beispiel beim Thema Homosexualität durchaus unterschiedliche Positionen. Und der Leiter des Konfessionskundlichen Instituts der EKD Fleischmann-Bisten betont: Da von manchen Mitgliedern die Neufassung der Basis von 1972 sehr einseitig interpretiert werde, setze sich die Evangelische Allianz auch dem Verdacht des Fundamentalismus aus, "was die Allianz selbst nicht will".

"Healing Touch"

Welche Folgen ein sehr einseitiges wörtliches Bibelverständnis hat, zeigt sich besonders in vielen pfingstkirchlichen Gemeinden, wie in der Freien Christengemeinde Hanau. Das Mitglied im Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden bewirbt auf seiner Internetseite - als wörtlich verstandenen Auftrag Jesu an seine Jünger, Kranke zu heilen - das Heilungsgebet als "alternative Heilmethode". Die Botschaft lautet: Wunder sind möglich, solange nur richtig an Gott geglaubt wird. Regelmäßig lädt die Gemeinde unter dem Titel "Healing Touch" zu Treffen ein, bei denen "für Menschen gebetet wird, die Heilung brauchen". Dort würden "Menschen, die die übernatürliche Kraft Gottes erlebt haben", diese Kraft "an alle weitergeben, die Heilung brauchen".

"Der engagierte Protestantismus splittert sich immer weiter auf", beschreibt der Weltanschauungsbeauftragte der Württembergischen Landeskirche, Hansjörg Hemminger, die Situation in Deutschland. Allein im Großraum Stuttgart gibt es seinen Angaben zufolge rund hundert unabhängige Gemeinden und Freikirchen. Und das hat Folgen für die innerprotestantische Ökumene: Interessensgemeinschaften und Allianzen würden heute primär auf lokaler Ebene geschmiedet, beobachtet Hemminger. Etwa, wenn es um die Organisation missionarischer Veranstaltungen, gemeinsamer Jugendtreffen oder Gebetswochen gehe.

Hier spiele auch die Allianz eine wichtige Rolle. "Die Evangelische Allianz hat heute lokal den Charakter einer konservativen evangelischen Ökumene angenommen", berichtet Hemminger. "Dabei geht es allerdings vielmehr um missionarische Praxis als um theologische Diskussion." Die Ökumene als theologische Auseinandersetzung der Kirchen- und Glaubensgemeinschaften mit Lehraussagen, die Kirchen trennen, spielen keine Rolle mehr. "Viele Freikirchen interessieren sich nicht für eine theologische Auseinandersetzung oder ein zielgerichtetes ökumenisches Gespräch", sagt Hemminger. Und eine dezidiert antiökumenische Haltung beobachtet er insbesondere bei Migranten- und Aussiedlergemeinden. Deren Mitglieder machen groben Schätzungen zufolge rund 1 Prozent der Bevölkerung aus.

Stark missionarisch

Oftmals haben sie, wie die relativ kleine Bewegung "Wach auf!", ein stark missionarisches Interesse. Die Initiatoren, allesamt stammen sie aus Kamerun und leiten Migrantengemeinden in Deutschland, sehen sich als Begründer einer neuen Erweckungsbewegung in Deutschland. Auf ihrer Webseite warnen sie unter anderem vor der zunehmenden Säkularisierung und dem angeblich damit einhergehenden moralischen und ethischen Verfall, wie "der Toleranz von Homosexualität, Ehebruch, Unzucht".

Gleichzeitig, auch das beobachtet Hemminger, bemühten sich viele kleine Freikirchen um eine Mitgliedschaft in einem größeren Dachverband. Denn viele kleine Freikirchen hätten aufgrund ihrer fundamentalistischen Theologie mit einem PR-Problem zu kämpfen, sagt er. "Da sind ökumenische Beziehungen hilfreich." Zwar sehen die ACK-Richtlinien vor, dass keine Einzelgemeinde Mitglied in dem Dachverband werden kann. Die ACK-Mitgliedschaft kommt daher über größere Verbände zustande, wie den Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden. Eine Mitgliedschaft, und sei es wie im Fall der Pfingstkirchen auch nur eine Gastmitgliedschaft in der ACK, kann den bestehenden Fundamentalismusverdacht abschwächen.

Hemminger sieht in Württemberg allerdings auch noch einen anderen - ganz lebenspraktischen Grund - für das Interesse an einer Mitgliedschaft im ökumenischen Dachverband ACK: Denn in vielen Stellenausschreibungen der Landeskirche ist eine Mitgliedschaft in einer der ACK-Kirchen Voraussetzung. Und das ist nach Hemmingers Einschätzung ein nicht unwichtiger Grund für ökumenisches Engagement.

Barbara Schneider

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