Offene Türen

Klartext
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Die Gedanken zu den Sonntagspredigten in den kommenden Wochen stammen von Jürgen Kaiser. Er ist Pfarrer in Stuttgart.

Neue Welten

Sonntag Kantate, 19. Mai Und er führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war. (Apostelgeschichte 16, 34) In der Apostelgeschichte öffnet sich eine Tür nach der anderen, nach außen, hinein in neue Welten. Als ob das Althergebrachte, Selbstverständliche keinen Bestand mehr hätte. Paulus hat jedenfalls einen Traum: Er soll Kleinasien verlassen und nach Europa übersetzen. Er tut es - und eröffnet so neue Welten. Und das setzt sich fort: In Philippi setzt Paulus sich unter Frauen, redet, und der erste Europäer, der Christ wird, ist Lydia. Kaum treffen sich die ersten Christen in der Wohnung dieser reichen Frau, gibt es Ärger mit den Geschäftsleuten der Stadt. Paulus heilt eine Magd, die als Wahrsagerin arbeiten muss, es nun aber nicht mehr kann. Dafür erleiden er und sein Begleiter Silas Folter und Kerker. Aber ein Erdbeben sprengt die Fesseln. Der Aufseher will sich töten. Doch schließlich lässt er sich und seine Familie taufen. Und ein Fest wird ausgerichtet. Ja, hier werden alle Fesseln gesprengt, denn es geschehen buchstäblich Aufbrüche in neue Welten. Das, lautet die Botschaft, bewirkt der Glaube. Er macht frei, befähigt zu neuem Denken und daraus folgend zu neuem Tun. Und der Glaubende kann viel wagen, weil er weiß, auf was er bauen kann - auf die Beziehung zu Gott. Gott hält mich, er gibt mir Kraft, segnet mich und lässt mich ein Segen für Andere sein. Und das ist ein Grund zum Feiern. Der Gefängnisdirektor hat es begriffen. Ob es auch die Lordsiegelbewahrer in der Kirche begriffen haben? Gerade die Apostelgeschichte steht ja für den Übergang der geistbewegten paulinischen Gemeinden zur verfassten Kirche. Aus vielen gleichberechtigten Ämtern - sprich Geistbegabungen - schält sich das Amt der Apostel heraus. Aus ihnen werden bald Bischöfe. Und dann haben nicht mehr Gemeindeversammlungen das Sagen, sondern Hierarchen. Aus Merksätzen Jesu werden Bekenntnisse und bald schon Dogmen, die geglaubt werden müssen. Die Apostelgeschichte beschreibt den Beginn der Kirchengeschichte. Und sie spiegelt zugleich noch etwas von der Freiheit des Glaubens. Sie bezeugt, dass dieser wirklich Berge versetzen und Türen in völlig verschlossene Welten aufstoßen kann. Und das Ganze beginnt mit Gastfreundschaft, auch dem Fremden gegenüber. Direkter Zugang Sonntag Rogate, 26. Mai Wenn ihr den Vater um etwas bittet werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben ... In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, Ich habe die Welt überwunden. (Johannes 16,23 und 33) Die Welt ist aus den Fugen geraten. So lässt sich die Zeit um 100 nach Christus beschreiben wie das bisherige Jahr 2019. Althergebrachte Ordnungen verändern sich, nichts ist mehr wie früher. Populisten und/oder tolle Verschwörungstheorien geben scheinbar einfache Antworten. Sie sollen unsicheren Menschen in unsicheren Zeiten ein Geländer bieten, dienen aber meist der Bestätigung alter Vorurteile. Damals wie heute weckt die Zukunft mulmige Gefühle. Das Johannesevangelium bringt es auf den Punkt: In der Welt habt ihr Angst. Johannes bringt überhaupt vieles auf den Punkt. Bei ihm begegnen wir einer eigenen Denkschule. Nicht Petrus mit seinen Hierarchien, nicht Paulus und seine Auseinandersetzung mit den alttestamentlichen Wurzeln und der Rechtfertigung des Sünders, bei Johannes wird alles im Licht der Botschaft von Ostern durchdacht: Weil Jesus als Christus auferstanden ist, zeigt sich der himmlische Vater im Menschen Jesu, voll und ganz. Auch wenn der irdische Jesus nicht mehr da ist, seine Botschaft lebt. Denn Gott wirkt mit seinem Geist, tröstet. Bis ans Ende der Welt. Weil Johannes so denkt, deshalb ist auch sein Evangelium anders als die anderen Schriften. Den Sonntag Rogate mit seiner Botschaft „betet!“ bringt Johannes auf den Punkt. Jesus macht im letzten, intimen Gespräch mit seinen Jüngern noch einmal klar: Ihr könnt Euch direkt an Gott wenden und ihn „Vater“ nennen. Ihr braucht keine Angst zu haben, euch direkt an Gott zu wenden. Ihr dürft das. Ihr braucht keine Mittler, Priester und Gelehrte, die Kirche als Heilsanstalt oder heiligen Raum. Ihr könnt Euch selber an Gott wenden und vor ihn treten. Sicher, die Welt ist zum Fürchten. Aber Gott wird Euch trösten. Er kommt als „Tröster“ - wie Martin Luther den Heiligen Geist nennt. Und das gibt Christen Gelassenheit und Orientierung. Sie sind nicht besser als ihre Mitmenschen. Aber sie haben es besser. Denn Gott ist von ihnen immer nur ein Gebet weit entfernt. Immer dabei Himmelfahrt, 30. Mai Herr, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich ... Aber sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen - wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? (1. Könige 8, 23 und 27) Kommt ein Schüler zum Rabbi: „Rabbi, ich gebe Dir einen Taler, wenn Du mir sagst, wo Gott wohnt.“ Rabbi: „Und ich gebe Dir zwei Taler, wenn Du mir sagst, wo er nicht wohnt“. Aber wo wohnt Gott? Alle Religionen müssen auf diese Frage eine Antwort finden. Denn ihre Anhänger wollen es wissen. Lange war klar: Die Gottheit wohnt in ihrer Abbildung, sei es eine Statue oder ein Bild. Also wurden um diese Abbildungen herum Tempel gebaut. Und wenn Völkern Kriege führten, war das Ziel immer klar: Der zentrale Tempel des Gegners musste erobert, seine Gottheit entweder zerschlagen oder noch besser entführt werden. Denn dann war der Gegner gottlos, geschlagen und der Krieg vorbei - bis der Gegner wieder erstarkte und seinen Gott zurückerobern wollte. Dann ging der Krieg wieder los. Die alten Hebräer entzogen sich dieser Logik durch eine geniale Idee: Ihr Gott war nicht zu sehen. Und einen Gott, den man nicht sah, konnte man auch nicht entführen. Dann offenbarte sich dieser Gott auch noch als einer, der unsichtbar und wohnungslos, immer da und dabei ist. An das erinnerte sich die im babylonischen Exil lebende israelitische Oberschicht. Man konnte zwar nicht nach Israel zurückkehren, aber in Babylon durfte jeder nach seiner Facon selig werden. Alle Karrieren im Staat standen offen. So haben Archäologen das Grab eines Israeliten ausgegraben, der als babylonischer General mit allen Ehren bestattet worden war. Das Problem war also nicht so sehr die Gefangenschaft, sondern kulturelle Vermischung. Ihr begegneten die Israeliten mit der Schaffung einer jüdischen Theologie, der Synagoge als Versammlungsraum und der Beschneidung als Unterscheidung von den Nichtisraeliten. Vor diesem Hintergrund entstand die Geschichte der Könige. Etwa wie Salomo den Tempel in Jerusalem einweiht. Das wurde aufgeschrieben, als der historische Tempel schon längst in Trümmern lag. Mit dieser Tatsache wurden die Israeliten fertig, weil sie über ihren Glauben nachdachten. Etwa darüber, dass es keinen Raum der Welt geben kann, wo Gott wohnt. Und dass ein Gott, der kein Bildnis und keine Statue hat, größer sein muss als alle anderen Götter. Und umgekehrt: Dass ein Gott, den man festhalten kann, gar nicht Gott sein kann. Diese Erkenntnis wiederholt sich in der Geschichte der Himmelfahrt Jesu. Er ist da, er wirkt, aber man kann ihn nicht festhalten. Er hält vielmehr an uns fest. Versprochen. Aber Menschen brauchen nun einmal Bilder, um das zu verstehen. Zum Beispiel das Bild von der Himmelfahrt. Viele Heuchler Pfingstsonntag, 9. Juni Und ich will den Vater bitten, und er wird Euch einen anderen Tröster geben, dass er bei Euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann. (Johannes 14,16 und 17) Was für ein Glück, dass die Kirche, die heute Geburtstag hat, nicht heilig ist. Und deshalb für das Seelenheil des Einzelnen nicht notwendig, dieses nicht vermittelt. Denn sonst könnte man an dem Allzumenschlichen und Unmenschlichen, das in Kirchen geschieht, verzweifeln. Siehe die Tausenden Jugendlichen und Erwachsenen, die missbraucht wurden. Zu der Erkenntnis, dass es für die Beziehung von Gott und Mensch kein Heilsinstitut braucht, haben nicht nur die Reformatoren beigetragen, sondern bereits die neutestamentlichen Schriftsteller, Paulus mit seiner Rechtfertigungslehre und Johannes mit den Abschiedsreden Jesu. Deshalb kann das Württembergische Bekenntnis, die Confessio Virtembergica von 1552 feststellen: Die Verkündigung des Evangeliums und die Darreichung der Sakramente sind gültig, auch wenn der Kirchen „viele Gleissner“, sprich: Heuchler, beigemischt sind. Die Beziehung des Glaubenden zu Gott kann direkt sein, weil die Beziehung Gottes zum Menschen auch direkt ist - ohne ein dazwischen geschaltetes Heilsinstitut. Und anders könnten Christen auch nicht leben. Es wäre sonst nicht zum Aushalten. Bei Johannes macht Jesus seinen Jüngern klar: Wenn ich körperlich nicht mehr bei Euch sein werde, werde ich dennoch bei Euch sein - im Geiste und geistlich. Ihr werdet es spüren und aus diesem Geist heraus entsprechend handeln. Zum einen geschieht das durch die Erinnerung an die Person Jesu - seine Worte und Taten. Jesus stellt eine direkte Beziehung der Jüngerinnen und Jünger zu Gott her, indem er erklärt, dass man Gott ganz familiär „Vater“ nennen darf - positive Vatererfahrungen vorausgesetzt. Sonst eben anders - aber immer positiv besetzt. Damit verspricht Jesus eine Nähe, die Erwartungen frei setzt. Wenn ein Mensch einen anderen Menschen liebt, ist dieser auch dann nahe, wenn dieser sich woanders aufhält. Dass Gott wirkt, auch wenn er nicht zu sehen ist, ist die Erkenntnis von Pfingsten, ausgesprochen in der Chiffre vom Heiligen Geist. Und dass dieses Wirken in der Liebe geschieht, dafür steht der Geist der Wahrheit. Denn alles Hasserfüllte, Niedermachende, Böse wollende, Erniedrigende wäre nicht der Gott, der sich in Jesus von Nazareth gezeigt hat. Deshalb kann man jedes Pfingsten erneut freu durchatmen und beten: „O komm Du Geist der Wahrheit und kehre bei uns ein.“

Jürgen Kaiser

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