Wer hat Angst vor dem Mythos?

Der Thesenanschlag Luthers ist aller Wahrscheinlichkeit nach eine historische Tatsache
Martin Luther scheint noch zu überlegen: Soll ich die Thesen anschlagen? Holzstich um 1860 nach einer Zeichnung von Josef Mathias Trenkwald (1824-1897). Foto: akg-images
Martin Luther scheint noch zu überlegen: Soll ich die Thesen anschlagen? Holzstich um 1860 nach einer Zeichnung von Josef Mathias Trenkwald (1824-1897). Foto: akg-images
Warum haben Geschichtswissenschaft und Theologie so große Probleme mit Mythen? Wer Geschichte vermitteln will, muss Geschichten erzählen. Es wäre daher an der Zeit, sowohl reflektierter als auch entspannter mit den mythischen Deutungen der Geschichte umzugehen. Das gilt auch für den Thesenanschlag des Reformators, der wohl wirklich statt gefunden hat, meinen Benjamin Hasselhorn und Mirko Gutjahr, die ein Buch darüber geschrieben haben.

Im Rückblick auf das Reformationsjubiläum 2017 gab es zwei bemerkenswerte Phänomene: Erstens die erstaunliche Konjunktur des Konjunktivs in der medialen Öffentlichkeit, wenn es um den Faktengehalt von Luthers Thesenanschlag ging: Luther „soll“ die Thesen „angeschlagen haben“, hieß es da, „vermeintlich“, „angeblich“, „der Überlieferung nach“, denn eigentlich handele es sich beim Thesenanschlag um eine „Legende“ beziehungsweise einen „Mythos“.

Das ist erstaunlich, weil die historische Reformationsforschung in den letzten gut zehn Jahren zum weitaus überwiegenden Teil wieder vom Tatsachengehalt des Thesenanschlags ausgeht. Das gilt zum Beispiel für den Berliner Historiker Heinz Schilling, der in seiner Luther-Biographie sowie in seiner Weltgeschichte des Jahres 1517 „jüngere Quellenfunde“ nennt, aufgrund derer man wieder die „Möglichkeit eines Thesenanschlags einräumen“ müsse; oder für den Göttinger Kirchengeschichtler Thomas Kaufmann, der den Thesenanschlag für „nicht bezeugt, aber doch wahrscheinlich“ hält.

Zugegeben: Aus den zitierten Formulierungen spricht durchaus noch einige Unsicherheit. Der Thesenanschlag sei „wahrscheinlich“, aber absolut sicher sei man sich letztlich nicht. Solche Unsicherheiten stören die wenigsten, wenn es um andere historische Jubiläumsdaten geht, Stadtgründungen etwa oder auch das Geburtsjahr Martin Luthers, das sich nicht im Letzten sicher erweisen lässt.

Beim Thesenanschlag ist das aber anders. Warum? Einen Hinweis bietet vielleicht eine zweite große Überraschung des Reformationsjubiläums: nämlich der erkennbare Widerwille vieler Fachwissenschaftler gegen das „Storytelling“ des Jubiläums, gegen das Erzählen überhaupt und das Verdichten von Geschichte in Bildern. Kaum etwas löste 2017 so heftige Wissenschaftler-Kritik aus wie die Plakatkampagne für die drei Nationalen Sonderausstellungen in Berlin, Wittenberg und Eisenach.

Hammer ist nicht schlimm

Geworben wurde mit einem stilisierten Hammer und dem Claim: „Die volle Wucht der Reformation. 3xhammer.de“. Die Kritik richtete sich an eine befürchtete Wiederbelebung der Luthermythen des 19. Jahrhunderts. Der Hinweis der Initiatoren, schon die knallige Farbwahl und der bewusst überzogene Spruch machten doch deutlich, dass man in ironischer Brechung mit der Wirkungsgeschichte der Reformation spiele, half ebenso wenig wie das Plädoyer, das Aleida Assmann für einen konstruktiven Umgang mit dem 19. Jahrhundert hielt, in dem sie die rhetorische Frage stellte: „Was ist so schlimm an einem Hammer?“

Doch zunächst zum Widerwillen gegen den Thesenanschlag: Er hängt mit jener Kultur der Entmythologisierung zusammen, die - nicht zuletzt auch in Reaktion auf die Mythosaffinität der Nationalsozialisten - seit der Nachkriegszeit die Geisteswissenschaften bestimmt hat. In der Theologie beispielsweise wurde Rudolf Bultmann zum prominentesten Befürworter einer „Entmythologisierung“ des Christentums. Bultmann argumentierte für eine „existentiale“ Interpretation der Bibel, weil eine wörtliche Interpretation nach 150 Jahren historischer Bibelkritik nicht mehr möglich sei: „Man kann nicht elektrisches Licht und Radioapparat benutzen, in Krankheitsfällen medizinische und klinische Mittel in Anspruch nehmen und gleichzeitig an die Geister- und Wunderwelt des Neuen Testaments glauben.“

In den Kulturwissenschaften wiederum wurden historische Mythen in Zweifel gezogen und „dekonstruiert“. Eben hatte man noch nach archäologischen Beweisen für das Troja Homers gesucht, jetzt waren sich alle sicher, dass eigentlich fast nichts von unserem traditionellen Bild der Alten, Mittelalterlichen und sogar der Neuen Geschichte stimmte. Der Exodus des Volkes Israel aus Ägypten? Fand niemals statt. Heinrichs Gang nach Canossa? War in Wirklichkeit ganz anders. Die Nation? Im 19. Jahrhundert erfunden.

Die Reformationsforschung zog bei dieser Kultur der Entmythologisierung mit. Die beiden bekanntesten unter den mythischen Lutherszenen zum Beispiel - Thesenanschlag und Wormser Auftritt - wurden als Erfindungen oder Übertreibungen dargestellt, und man versuchte, diese Szenen durch kontrastierende Deutungen ihrer mythischen Qualität zu berauben: Luther habe mit den Thesen die Kirche gar nicht herausfordern wollen, und er habe die Thesen wahrscheinlich auch gar nicht angeschlagen; auf dem Wormser Reichstag 1521 sei Luther ängstlich und schüchtern gewesen und habe den berühmten Satz „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ in Wirklichkeit gar nicht gesagt. Das Programm lautete: Historisierung statt Aktualisierung, Nüchternheit statt Mythos, distanzierte Wissenschaftlichkeit statt geschichtspolitische Selbstvergewisserung.

Schon früh wurde allerdings auch die Sorge geäußert, dass die Kultur der Entmythologisierung sich als Sackgasse erweisen könnte, weil sie dem Mythos gar nicht gerecht wird. Thomas Nipperdey warnte 1987 vor der „Billigkeit der Mythenverachtung“, noch etwas früher plädierte der Philosoph Kurt Hübner in ausdrücklicher Auseinandersetzung mit Bultmann für die „Wahrheit des Mythos“.

Unbeliebter Thesenanschlag

Die jüngeren Ansätze der Kultur-, Ideen- und Symbolgeschichte bieten längst genug Raum, um konstruktiv mit dem Mythos umzugehen, ihn als bildhafte Verdichtung historischer Ereignisse zu verstehen und ihn vielleicht gar als didaktische Chance zu begreifen. Denn es gibt keinen deutenden Umgang mit Geschichte, der um den Mythos herumkommt. Wer Geschichte vermitteln will, muss Geschichten erzählen. Es wäre daher an der Zeit, sowohl reflektierter als auch entspannter mit den mythischen Deutungen der Geschichte umzugehen.

Der Thesenanschlag bleibt allerdings in der historischen Forschung unbeliebt. Denn er passt nicht mehr zu den gängigen Generaldeutungen der Reformation. Betonte man in der älteren Forschung den epochalen Einschnitt, den die Reformation bedeutete, so betont man heute eher die Kontinuitätslinien, das, was Mittelalter und Frühe Neuzeit miteinander verbindet. Die Reformation erscheint dann nicht als Bruch, sondern als Transformation.

Dazu passt es, keine starken Szenen und plötzlichen Aufbrüche haben zu wollen; dazu passt es, zu behaupten, dass Luther nicht aufgrund eines einmaligen Gewittererlebnisses ins Kloster ging, sondern erst nach langen Überlegungen; dazu passt es, dass es kein „Turmerlebnis“ gab, sondern einen allmählichen Prozess theologischer Erkenntnis; und dazu passt es, dass kein Thesenanschlag stattfand. Denn der Thesenanschlag ist ein eindrückliches und einprägsames Bild für den mutigen, gegen die römische Kirche aufbegehrenden Luther; wird man dieses Bild nicht los, ist es schwer, die Deutung zu verankern, dass die Reformation kein Bruch, sondern ein Übergang gewesen ist.

Daher lehnen selbst diejenigen, die an der Faktizität des Thesenanschlags festhalten, in der Regel den damit verbundenen Mythos ab, denn sie glauben nicht mehr daran, dass es sich um einen absichtlich rebellischen Akt Luthers handelte, sondern deuten den Thesenanschlag als im Grunde ganz und gar regulären Vorstoß eines Theologieprofessors, im Rahmen seiner unbestrittenen Befugnisse eine akademische Diskussion über ein dogmatisch noch nicht festgelegtes Thema in Gang zu bringen.

Zwei potenzielle Augenzeugen

Es ist vielleicht ratsam, noch einmal an die bekannte Quellenlage zum Thesenanschlag zu erinnern: Es gibt zwei zeitgenössische Zeugen für den Thesenanschlag, die zwar keine Augenzeugen des Geschehens waren, deren Aussagen aber als langjährige enge Vertraute Martin Luthers hohe Autorität zuzusprechen ist: Philipp Melanchthon, der kurz nach Luthers Tod in der Vorrede zum zweiten Band der Werkausgabe Luthers die Behauptung aufstellt, Luther habe seine 95 Thesen zum Ablass am 31. Oktober 1517 an die Tür der Wittenberger Schlosskirche geschlagen, und Georg Rörer, der in den frühen 1540er Jahren, also noch zu Lebzeiten Luthers, notierte, dessen Thesen seien am 31. Oktober 1517 an den Türen der Wittenberger Kirchen angebracht worden.

Zwei potenzielle Augenzeugen gibt es überdies: Der eine, Georg Major, hat den Thesenanschlag in den 1550er Jahren bestätigt (ohne allerdings Augenzeugenschaft explizit zu behaupten); der andere, Johannes Agricola, berichtet von der Veröffentlichung der Ablassthesen (ohne allerdings genauer auf die Form der Veröffentlichung einzugehen). Wir haben damit zwei Zeugen, zwei potenzielle Augenzeugen, und es kommen noch zwei Argumente hinzu: Ein Thesenanschlag als die nach den Universitätsstatuten gängige Veröffentlichungsform von Disputationsthesen an der Wittenberger Universität wäre ohnehin zu erwarten gewesen. Und wir haben mit dem Thesenanschlag Andreas Karlstadts am 26. April 1517 einen parallelen Vorgang aus demselben Jahr, dessen Faktizität durch Karlstadt selbst bezeugt ist.

Diese Hinweise sind so schlagend, dass man sich fragt, was denn dann überhaupt gegen den Thesenanschlag sprechen soll? Zwei Argumente sind - beziehungsweise waren - es: Luther selbst schweigt zum Thesenanschlag, und seine eigenen Schilderungen des Geschehens, die er 1517 und 1518 abgegeben hat, scheinen auf den ersten Blick einem Thesenanschlag zu widersprechen. Zudem hat sich kein Wittenberger Urdruck der Thesen erhalten, sodass die Möglichkeit besteht, dass die Thesen ursprünglich von Luther handgeschrieben nur an befreundete Gelehrte verbreitet wurden - und eben keine reguläre Einladung zur Disputation durch Anschlag stattfand.

Aber: Luthers eigene Aussagen zum Geschehen lassen sich sehr wohl mit einem Thesenanschlag am 31. Oktober 1517 vereinbaren, und zwar deutlich besser als mit dem Gegenteil. Tatsächlich ist der von Luther autorisierte Urdruck der 95 Thesen erhalten. Es handelt sich aber nicht um einen Wittenberger, sondern um einen Leipziger Druck: nämlich einen aus der Druckerei Jakob Thanners, der durch eine handschriftliche Notiz auf einem der erhaltenen Exemplare bis auf mindestens die erste Novemberhälfte 1517 datiert werden kann.

Ohne Zweifel ein Mythos

Mit großer Wahrscheinlichkeit beruht zudem das römische Gutachten zu Luthers Thesen auf genau diesem Druck, ein Gutachten, das dadurch angestoßen wurde, dass Albrecht von Brandenburg die ihm von Luther am 31. Oktober 1517 zugesandten Thesen nach Rom weiterleitete. Die Annahme, dass der Auftraggeber für ein Gutachten dann auch sein Exemplar des zu begutachtenden Stücks an den Gutachter weitergeleitet hat, würde den Leipziger Druck definitiv zu dem machen, den Luther am 31. Oktober 1517 versendet hat. Warum diese Annahme nicht plausibel sein soll, ist nicht nachzuvollziehen.

Es spricht deshalb alles dafür, dass Luthers Thesenanschlag keine Erfindung ist, sondern eine Tatsache. Dass der Thesenanschlag in der Folge zum Mythos wurde, spricht nicht dagegen. Wie Ulrich Bubenheimer kürzlich zu recht feststellte, ist die „Überlieferung, dass Luther seine Thesen über die Kraft der Ablässe angeschlagen habe, (…) kein Produkt der ‚Monumentalisierung‘ Luthers, sondern der historische Kern einer nachträglichen Mythisierung dieses Vorgangs“. Mythos und Tatsache kommen also in der Szene des Thesenanschlags zusammen. Der Thesenanschlag Luthers ist ein Mythos, ohne Zweifel. Er ist aber auch eine historische Tatsache. Und er wird weiterhin die Gemüter erhitzen. Gut so!

Informationen

Benjamin Hasselhorn und Mirko Gutjahr haben im vergangenen Jahr ihre Thesen im Buch „Tatsache! Die Wahrheit über Luthers Thesenanschlag“ (Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig) veröffentlicht.

Am Freitag, dem 22. März, diskutiert zeitzeichen-Chefredakteur Reinhard Mawick mit Benjamin Hasselhorn und Mirko Gutjahr auf der Leipziger Buchmesse auf der „Leseinsel Religion“ (Halle 3.1.), Beginn: 13:30 Uhr.

Benjamin Hasselhorn und Mirko Gutjahr

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Foto: Markus Pletz

Benjamin Hasselhorn

Benjamin Hasselhorn ist evangelischer Theologe und Historiker. Von 2014 bis 2019 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt und war Kurator der Nationalen Sonderausstellung 2017 "Luther! 95 Schätze - 95 Menschen" in Wiitenberg. Seit April 2019 ist er Akademischer Rat a. Z. am Lehrstuhl für Neueste Geschichte an der Universität Würzburg.


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