„Ein Geschenk von Gott“

Kirchenasyl ist in Deutschland etwas Normales geworden. Aber nur scheinbar
Josef, ein Christ aus dem Irak, im Kirchenasyl in Berlin-Pankow. Foto: Rolf Zöllner
Josef, ein Christ aus dem Irak, im Kirchenasyl in Berlin-Pankow. Foto: Rolf Zöllner
In Berlin-Pankow hat man schon viel Erfahrung mit Menschen, denen die Gemeinde der Hoffnungskirche Asyl gewährt. Dort geht es immer wieder um Schicksale, die scheitern können, obwohl die evangelischen Christinnen und Christen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Das hat auch mit der Geschichte dieser besonderen Gemeinde zu tun.

Da war die Messerattacke. Vor einigen Jahren griff ein Moslem Josefs Vater in einem Dorf im kurdischen Gebiet des Irak an. Mehrmals stach er zu, Josefs Papa musste ins Krankenhaus und überlebte nur knapp. Immer wieder werden im Irak Christen verfolgt, manche werden getötet. Josefs Vater erstattete bei der Polizei Anzeige gegen seinen Angreifer, der ihm bekannt war. Doch man drohte ihm: Wenn er seine Anzeige nicht zurück nehme, werde man ihn umbringen, dann ganz sicher. Und die Polizei? Die zeigte an dem Fall kein sonderliches Interesse: Warum Einsatz zeigen für einen Christen – zumal dann, wenn er noch nicht mal in der richtigen Partei ist?

Das ist das Leben eines Christen im Irak – der 21-jährige Josef kann davon erzählen. Sein richtiger Name und die genauen Umstände seiner Flucht dürfen hier nicht zu lesen sein, um seine Anonymität zu sichern. Der so unbeschwert wirkende, ziemlich hübsche junge Mann mit den dichten schwarzen Haaren und den strahlenden Augen ist aramäischer Christ. Fast schutzlos ist diese christliche Minderheit der Willkür fundamentalistisch gesonnener Muslime in der irakischen Mehrheitsgesellschaft ausgeliefert.

Wie seltsam wirkt es da, nun Josef in einem Gemeindehaus der evangelischen Hoffnungskirche in Berlin-Pankow gegenüber zu sitzen. Alles ist hier so friedlich, dass seine Berichte von der Gewalt und Diskriminierung gegenüber seiner Familie noch unwirklicher erscheinen. Aber Josef ist nun in guten Händen. Er ist einer von rund 850 Menschen, die in Deutschland derzeit Zuflucht im Kirchenasyl gefunden haben.

Unabhängig von der Religion

„Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande, den sollt ihr nicht bedrücken“, steht im 19. Kapitel des 3. Buch Mose. „Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“ Das Kirchenasyl hat biblisch keine besonderen Probleme, sich zu legitimieren – von der uralten kirchlichen Tradition dieses Zufluchtsrechts ganz zu schweigen. Die Kirchen in Deutschland gewähren Asyl allen Menschen, unabhängig von ihrer Religion. Aber natürlich fällt es Kirchengemeinden mental in der Regel etwas leichter, gerade verfolgten Christen Kirchenasyl zu geben.

Das Kirchenasyl, sagt Josef, sei „ein Geschenk von Gott“. Denn die Drangsalierung seiner Familie hörte nach der Messerattacke auf seinen Vater nicht auf, auch nicht in der kurdischen Millionenstadt Erbil im Nordirak, wohin die Familie schließlich floh. Sie kam bei der Schwester von Josefs Mutter unter – aber sehr lange ging das nicht gut, da diese Tante im US-Konsulat arbeitete und damit bei Vielen verhasst war. Als ihr in den USA Asyl gewährt wurde, reiste sie aus. Aber die Attacken gegen die „Kollaboratorin“ hörten nicht auf, sondern trafen nun auch die Familie Josefs. Ihr Haus wurde mit Steinen beworfen. Es war lebensgefährlich geworden.

Eine Emigration war unumgänglich. Nach vielen Jahren gelang es Josefs Vater endlich, ein italienisches 20-Tage-Visum für seine Familie zu erhalten. So konnten Josef, sein Bruder, seine Schwester und seine Mutter ausreisen – der Vater beantragte kein Visum, damit das nicht als die endgültige Ausreise einer ganzen Familie aussah. In gewisser Weise hat er sich also geopfert.

Zuerst flogen Josef, seine Geschwister und seine Mutter deshalb ohne den Vater nach Rom und von dort nach Berlin. Warum gerade Berlin? Weil hier eine verfolgte Minderheit, so ihre Informationen, einfacher Schutz erhalte, erläutert Josef. Außerdem gebe es hier eine größere Chance auf Arbeit und Obdach – mehr jedenfalls als in Italien, wo sich aufgrund der vielen Flüchtlinge und der tendenziell fremdenfeindlichen neuen „Lega“-Regierung der Wind nun zuungunsten der Geflüchteten gedreht hat. Außerdem ist hier in Deutschland mit etwas Hilfe einer anderen Tante der Familie zu rechnen, so Josef.

Neben Josef sitzt Pfarrerin Margareta Trende. Die 47-jährige Theologin amtiert seit acht Jahren in der Hoffnungskirche, sie hat die Kirchenasyl-Arbeit hier aufgebaut. Und dass sie dafür brennt, merkt man ab der ersten Sekunde des Treffens mit ihr.

Es ist ihr 25. Kirchenasyl-Fall seit 2016, aber das Wort passt hier natürlich nicht. Denn als „Fälle“ betrachtet die Pfarrerin die Menschen, die hier aufgenommen werden, nicht. Es geht um 38 Schicksale – und bis auf einen Flüchtling sei es stets gelungen, für sie einen Aufenthaltsstatus zu erlangen: „Alle dürfen zur Zeit hier bleiben“, sagt sie mit einer Spur Stolz, der sich allerdings für evangelische Pastorinnen nicht recht gehört, weshalb er wirklich nur ganz zart ist. Darum geht es vor allem beim Kirchenasyl: Schnelle Abschiebungen, vollendete Tatsachen also, zu verhindern.

Die Sache ist rechtlich ziemlich kompliziert (siehe zu den juristischen Seiten des Kirchenasyls den Artikel von Simon Bieda in dieser Ausgabe). Wird eine Gemeinde gebeten, Kirchenasyl zu gewähren, werden zunächst mehrere Personen befragt: vor allem die Anwälte der Flüchtlinge beziehungsweise juristische Fachleute von „Asyl in der Kirche Berlin“, einem eingetragenen Verein. Die Frage ist: Liegt eine besondere Härte für die Geflüchteten vor? Welche Aussichten auf einen erfolgreichen Asylantrag haben sie? Wenn alle sich für ein Kirchenasyl aussprechen und ein positives Votum des Gemeindekirchenrats vorliegt, meldet die Gemeinde das Kirchenasyl beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) an.

Das verhindert eine schnelle Abschiebung. Denn sollte der Flüchtling über einen EU-Staat eingereist sein und dort bereits Asyl beantragt haben (wie bei Josef etwa), gilt dies als ein „Dublin“-Fall. Das heißt, die Bundesrepublik könnte mit Verweis auf diesen Antrag im Ausland sich als nicht zuständig erklären und den Flüchtling ohne weitere Prüfung des Falls in das EU-Land abschieben, wo er zuerst EU-Gebiet betreten und Asyl beantragt hat. Dieser Ersteinreisestaat soll dann das Asylgesuch prüfen. Ist allerdings eine Entscheidung für das Kirchenasyl getroffen, erstellt die Kirchengemeinde gemäß offiziellen Vereinbarungen zwischen den kirchlichen und staatlichen Stellen aus dem Jahr 2014 für die staatlichen Stellen ein Dossier. Darin wird begründet, warum sie ein Asyl für den Flüchtling für angemessen hält und Deutschland sich um diesen Asylfall kümmern sollte („Selbsteintrittsrecht“). Das wird aber nur sehr selten innerhalb von sechs Monaten gewährt. Nach Ablauf der Sechs-Monats-Frist können die Geflüchteten ganz regulär in Deutschland ihren Asylantrag stellen („Dublin III-Verordnung“).

Seit dem 1. August 2018 gibt es staatlicherseits eine neue Regelung: Lehnt der Staat das Selbsteintrittsrecht ab, während die Gemeinde am Kirchenasyl festhält (und warum sollte sie ihre Ansicht ändern?), droht der Staat nun damit, die Überstellungsfrist von sechs Monate auf 18 Monate zu erhöhen. Das ist rechtlich umstritten – und es hat gravierende Folgen, für die Menschen im Kirchenasyl zuerst, aber auch für die Kirchengemeinde: Die Erhöhung der Überstellungsfrist von sechs Monate auf 18 Monate bedeutet für die Flüchtlinge eine längere Zeit der Ungewissheit. Und für die Kirchen eine größere Belastung. Denn erst nach Ablauf der Überstellungsfrist ist die Bundesrepublik für den Fall zuständig – dem Flüchtling droht keine direkte Abschiebung mehr. Er kann aus dem Kirchenasyl entlassen werden.

Das Kirchenasyl ist also kein Sonderrecht für die Kirche, sondern ermöglicht lediglich eine gründlichere Analyse möglicher Asylgründe – und die Übernahme des Asylverfahrens durch die Bundesrepublik. So ist es ein gutes Zeichen für die Seriosität des Kirchenasyls in der Hoffnungskirche in Pankow, dass bisher erst ein Fall von staatlicher Seite negativ beschieden wurde. Menschen „in totaler Notlage“ werde geholfen, sagt Pfarrerin Trende. Es sei schlicht „Christenpflicht, Menschen beizustehen“. So einfach ist das.

Aber so einfach ist es natürlich nicht. Denn eine Kirchen-asyl gewährende Gemeinde wird durchaus belastet, nicht zuletzt finanziell. Im Fall der Hoffnungskirche Pankow etwa fallen die Kosten für die gemeindeeigene Wohnung für meist mehrere Flüchtlinge im Kirchenasyl an – etwa 300 Euro im Monat. Hinzu kommen 200 Euro für jeden Geflüchteten zur Verpflegung und 81 Euro für das Monatsticket der Berliner Verkehrsbetriebe. Es gibt die Regel, dass das Geld nicht aus dem laufenden Haushalt kommen solle, so Trende.

Schlaflose Nächte

Das ist nur möglich, wenn auch andere Gemeinden, die selbst keine Flüchtlinge aufnehmen, den Kirchenasyl-Gemeinden finanziell beispringen, etwa durch Kollekten für die Geflüchteten. Aber die Sorge bleibt. „Manchmal habe ich schlaflose Nächte“, sagt Pfarrerin Trende, „Woher kriege ich bloß das Geld her?“ Und die tiefer liegende Sorge sei die um den jeweiligen Flüchtling im Kirchenasyl: Wird es mit seinem Asylantrag klappen?

Die Hoffnungskirche nebenan ist ein durch den Jugendstil geprägtes Gotteshaus, dessen Schönheit durch Umbauten in einem irgendwie modernen Stil Anfang der Sechzigerjahre ein wenig flöten gegangen ist – erst später hat man versucht, die alte Pracht wieder zu retten, soweit es noch ging. In der ersten Reihe der Kirchenbänke sitzt vor dem Altar der dynamische, mit Jeans und Jeansjacke bekleidete Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, Cord-Henning Borcholt. Er erzählt sehr lebendig von den anfangs etwas kritischen Fragen, die manche Gemeindemitglieder hatten, als mit der Kirchenasylarbeit begonnen wurde: „Ist das nicht illegal?“

Am Ende habe es gleichwohl nicht sehr viel Überzeugungskraft innerhalb der Gemeinde gebraucht – und sobald der Bezug zu den Geflüchteten zustandekomme, sei eine mögliche Skepsis sowieso ganz schnell verklungen. Vor allem durch den Zuzug junger Familien sei die Gemeinde in den vergangenen Jahre aufgeblüht: „Es geht uns gut.“ Im Kiez lebten Menschen aus 52 Nationen. Es sei eine gutbürgerliche Gemeinde, die das Kirchenasyl stemmen könne, es werde „absolut mitgetragen“, so Borcholt. Man wolle sich mit dem Kirchenasyl nicht über das Gesetz stellen, sondern lediglich sicherstellen, dass der jeweilige Fall noch mal gründlich überprüft werde.

Und es kommt noch etwas hinzu: Je länger Cord-Henning Borcholt von der Gemeinde erzählt, desto mehr drängt sich der Eindruck auf, dass das Kirchenasyl gerade dieser Hoffnungskirche auch etwas mit einer widerständigen Tradition in dieser Gemeinde zu tun hat. In der NS-Zeit war die Gemeinde durch die „Bekennende Kirche“ geprägt.

Vor allem Pfarrer Rudolf Jungklaus, der Jahrzehnte lang (von 1913 bis 1960) hier wirkte, hat die Gemeinde im Großen und Ganzen zu einem Widerstandsort gegen die Nazis gemacht – stets im Kampf mit den „Deutschen Christen“ und im Einsatz für verfolgte „Nichtarier“. Das Wort vom „Dahlem des Ostens“ machte damals die Runde – in Anlehnung etwa an die widerständige Kirchenarbeit, die die Pfarrer Martin Niemöller und Helmut Gollwitzer in den Dreißigerjahren in Berlin-Dahlem gegen die Nazis wagten.

Borcholt meint, das Kirchenasyl gebe die Chance, „genauer drauf zu schauen“, was der einzelne Flüchtlinge wirklich an guten Gründen für Asyl anzubringen habe. Denn vieles sei nicht so banal, wie es zunächst scheine. „Das ist eine Not.“ Menschen in solch einer Not aufzunehmen, das sei „eine Glaubenssache“.

Der Gemeindekirchenratsvorsitzende erinnert an das Wort Jesu: „Was ihr getan habt einem von meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.“ Und es ist sicherlich kein Zufall, dass Pfarrerin Trende ebenfalls genau auf diese Stelle vom Weltgericht bei Matthäus im Kapitel 25 kommt, wenn sie über ihre Motive für das Engagement im Kirchenasyl spricht: „Ich bin ein Fremder gewesen, und ihr habt mich aufgenommen.“

Sie habe gelernt, sagt Pfarrerin Trende, mit unbekannter Not umzugehen. Und noch mehr Dankbarkeit für das Leben hier zu haben. Kirchenasyl zu gewähren, sagt sie, sei eine „totale Bereicherung“, und zwar „spirituell und ganz praktisch“. Auf Englisch wendet sie sich an Josef: „You are a gift as well – Du bist auch ein Geschenk.“ Josef sagt: „Wir sind dankbar, dass wir Christen sind.“ Und wer das nun zu kitschig oder zu fromm findet, der hat nichts verstanden.

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Philipp Gessler

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