Antijudaismus verschwiegen

Notwendige Ergänzungen zu Schleiermacher
Foto: akg-images
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In zz 11/2018 würdigte der Münchner Systematiker Jörg Lauster den Theologen Friedrich Schleiermacher. Dabei hat er jedoch etwas Wesentliches übersehen, meint Pfarrer Friedhelm Pieper, evangelischer Präsident des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Kein Wort kann groß genug sein, wenn Jörg Lauster seine Lobeshymnen auf Friedrich Schleiermacher anstimmt, den „Kirchenvater des 19. Jahrhunderts“, der die für ihn überzeugende Grundlage des eines liberalen Christentums geschaffen hat, diesem „wichtigste(n) Beitrag, den das europäische Christentum heute zum globalen Christentum beisteuern kann“ (zz 11/2018).

In der Tat haben Vertreter ganz unterschiedlicher Flügel des deutschen Protestantismus Schleiermacher angesichts seiner theologischen Bemühungen zur Übersetzung der Themen des christlichen Glaubens in die gebildete Welt seiner Zeit gewürdigt. Seine Wirkung lässt sich auch auf das liberale Judentum nachweisen, etwa bei Abraham Geiger, was wiederum angesichts der antijüdischen Texte Schleiermachers durchaus erstaunt. Auch Karl Barth hat die Größe der virtuosen Anstrengungen Schleiermachers bei diesen Übertragungsversuchen anerkannt: „Wer von dem Glanz, der von dieser Erscheinung ausgegangen ist und noch ausgeht, nichts gemerkt hätte, ja - ich möchte fast sagen: wer ihm nie erlegen wäre, der mag in Ehren andere und vielleicht bessere Wege gehen, er sollte es aber unterlassen, gegen diesen Mann auch nur den Finger zu heben“. Bekanntermaßen hat Karl Barth es aber bei dieser Lobeshymne nicht belassen und dann seine kritischen Anfragen an Schleiermacher gerichtet. So haben er und andere die Frage aufgeworfen, ob nicht bei Schleiermacher der christliche Glaube viel zu sehr auf das individuelle Gefühl und das subjektive Selbstbewusstsein des Christen reduziert würde. Weshalb spielt diese entscheidende Anfrage bei Lauster keine Rolle?

Insgesamt kann man nur erstaunt zur Kenntnis nehmen, wie kritiklos Lauster uns zu Schleiermachers Ansatz und Haltung einladen möchte, der nach seiner Meinung „in unseren Tagen aktueller denn je“ wäre. Zwar nimmt Lauster eine Wertung von Heinrich Scholz auf, wonach „nicht alles bei Schleiermacher gelungen“ wäre, doch leider verschweigt er, was denn da an Misslungenem aufgezeigt werden könnte. Schleiermachers berühmte Schrift „Über die Religion“ rühmt Lauster als „das schönste und intellektuell mutigste Buch, das von einem Protestanten in deutscher Sprache geschrieben wurde“. Wirklich? Es irritiert, dass Lauster ohne jeden Anflug von Kritik derart euphorisch urteilt. Man sollte meinen, dass Lauster die finsteren judenfeindlichen Passagen insbesondere in der fünften Rede Schleiermachers kennt. Das Judentum wäre nach Schleiermacher eine verwelkte, ja, eine tote Religion, „die starb, als ihre Bücher geschlossen wurden“. Juden säßen „eigentlich klagend bei der unverweslichen Mumie, und weinen über sein Hinscheiden und seine traurige Verlassenschaft“. Wie soll man sich angesichts dessen denn dem lobenden Urteil Lausters kritiklos anschließen können? Hat Lauster nicht wahrgenommen, dass Schleiermacher in den „Reden“ trotz aller bekundeter theologischer Offenheit gegenüber der Vielfalt der Religionen von einem unbedingten Gefühl der schlechthinnigen Überlegenheit des christlichen Glaubens durchdrungen ist?

Und: Woran liegt es, dass Schleiermacher Texte des Alten Testaments immer wieder grob ins Negative verzerrend wahrnimmt und dabei schließlich den ganzen Textkorpus des AT grundsätzlich abwertet? Das wurde zwar in unseren Tagen in Berlin ein wenig aktuell, traf aber ansonsten auf die vereinte Ablehnung durch Kirchen und universitäre Theologie.

Ja, Schleiermacher trat für die bürgerliche Emanzipation der Juden seiner Zeit ein, erhob aber für diesen Schritt zugleich die Forderung, dass Juden für eine bürgerliche Anerkennung „der Hoffnung auf einen Meßias förmlich und öffentlich entsagen“ müssten. Eine bürgerliche Emanzipation der Juden also nur so, indem sie ihr Judentum zugleich aufgeben. Wo bleibt da die von Lauster im Kulturprotestantismus wahrgenommene „Besonnenheit, dass auch andere Wege (einen) … tieferen Sinn zu finden, etwas Richtiges und Wahres an sich haben können“?

Was wir heute benötigen, ist eben eine besonnene Würdigung Schleiermachers, in der auch die gewichtigen Anfragen an den großen protestantischen Theologen ihren Platz haben und die auch die Auseinandersetzung mit den dunklen und finsteren Aspekten der theologischen Virtuosität Schleiermachers nicht scheut.

Zum Text von Jörg Lauster über Friedrich Schleiermacher

Friedhelm Pieper

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