Vor dem Vergessen

Fluchthelfer aus der DDR
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Einzelschicksale sind viel sprechender als Zahlenkolonnen...

"Steigen Se aus! Wenn Se hier abhau’n kriegen Se e Gügelchen durch de Lunge." Mit diesen Worten wird Rolf-Joachim Erler am 6. Oktober 1973 am Grenzübergang Marienborn aus dem Kofferraum eines für die Flucht aus der DDR präparierten Autos geholt. Er wird wegen seines Fluchtversuchs am 22. Januar 1974 vom Bezirksgericht Gera zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt und in das Zuchthaus Cottbus eingeliefert. Diese Strafe muss er aber nicht ganz absitzen. Die Bundesregierung kauft ihn im November 1975 für 90.000 DM frei. Er zählt zu den 33.000 politischen Gefangenen, die von 1964 an für insgesamt 3,3 Milliarden DM von der Bundesregierung „freigekauft“ wurden. Vor dem Vergessen zu bewahren, was damals geschah und erlebt wurde, war für Erler das Motiv, dieses Buch schreiben. Er hat das in einer sehr anschaulichen Weise getan. Gleichsam in Momentaufnahmen werden Szenen geschildert und Geschichten erzählt, die den Umgang der DDR-Justiz mit Menschen wie ihm gespenstisch lebendig werden lassen: Da ist ein Prozess, in dem das Urteil schon von vornherein feststeht und selbst der Verteidiger zur Stasi gehört. Da sind die entwürdigen Verhältnisse in den Stasigefängnissen, die quälenden „Vernehmungen“. Da ist das alltägliche Leben in einem Zuchthaus, in dem die Wärter darauf spezialisiert sind, Häftlinge verächtlich zu machen und zu schikanieren. Wie man unter diesen Umständen seine Würde bewahren kann, erzählt Erler auf anrührende Weise. Allerlei Tricks, unter der totalen Überwachung hindurch zu schlüpfen, lernte er bald von den „Haftkameraden“. Besonders wichtig war ihm, an Bibelverse und Literatur zu kommen, um seine Leidensgenossen in einer 23-Mann-Zelle Woche für Woche mit einem „Wort zum Sonntag“ aufzurichten.

Eingeleitet werden die Schilderungen dieses dunkelsten Kapitels seines Lebens von Erler mit Skizzen seiner Kinder- und Jugendjahre in der DDR. Dieses Leben stand in der sozialistischen Gesellschaft von vornherein unter keinem guten Stern. Als Sohn eines US-Soldaten und einer Mutter, die in den Westen floh, ist er bei seinen Großeltern, bei einer Tante und in einem Internat der Herrnhuter Brüdergemeine groß geworden. So wie er es schildert, ist ihm das Anliegen der Freiheit, die Wahrheit zu sagen, „Flagge zu zeigen“, von daher mit auf den Lebensweg gegeben worden. Er hat das als Schüler und bei seiner Ausbildung zum Optiker auch so lange recht und schlecht versucht, bis die Einberufung zur Nationalen Volksarmee drohte. Da entschloss er sich zur Flucht, die von einem Freund in der Bundesrepublik mit Hilfe einer Fluchthilfeorganisation eingefädelt wurde, aber - wie er bald erfahren musste - der Stasi bekannt war.

Wer will heute darüber urteilen, ob das der richtige Weg war, „Flagge zu zeigen“? Die DDR-Staatsmacht hat nicht nur einen jungen Menschen wie ihn zu solchen Verzweiflungstaten getrieben, die in vielen Fällen viel schlimmer ausgegangen sind. Viel zu wenige von den 33.000 „Frei Gekauften“ aber haben es sich zur Aufgabe gemacht, daran zu erinnern. Doch das bleibt nötig. Denn Einzelschicksale sind viel sprechender als Zahlenkolonnen, weil sie mit dem Leben und Leiden von Menschen uns heute dazu aufrufen, nie wieder menschenverachtende politische Verhältnisse zuzulassen, wie sie in diesem Buch geschildert werden.

Sein Verfasser ist nach dem Theologiestudium Pfarrer in Zürich-Seebach geworden - darum die Schweizer Flagge auf dem Cover. Er hat sich unermüdlich für den Freikauf politischer Häftlinge aus der DDR eingesetzt.

Wolf Krötke

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