Eine Lüge

Geschichten aus zehn Jahren
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Sehr originell können Geschichten zweiter Wahl naturgemäß nicht sein.

Wenn die Genrebezeichnung im Untertitel dieser Geschichtensammlung der Wahrheit entspräche, wäre es ein Roman zum Thema „Zeit“. Er zerrt die meisten seiner Protagonisten aus ihrer unerfüllten Gegenwart heraus und verschafft ihnen die Möglichkeit zu neuen Entscheidungen. Ein Pizzalieferant wird auf eine Zeitreise in die Jahre vor seiner Geburt zurückgeschickt, ein Geschäftsmann auf eine einsame, ermüdende Wanderung durch seine Zukunft gejagt. In der ältesten und besten der zehn Geschichten „Ping Pong“ verdichtet sie sich zu einem Tischtennisball, mit dem sie totgeschlagen werden soll und doch zum Lebensinhalt gerät.

Aber die Genrebezeichnung im Untertitel ist eine Lüge. Sie muss den verkaufsstrategischen Berechnungen des Verlags von Benedict Wells geschuldet sein, der mit seinen echten Romanen Bestseller schrieb. Warum nicht dann gleich auch noch die Abfallprodukte des Wellsschen Kosmos verwerten? Endlich dürfen die Fans in den Schubladen und Hinterstübchen des Schriftstellers kramen, endlich erhält sein Publikum die Gelegenheit, die Entscheidungen seines Lektors zu prüfen! Sehr originell können Geschichten zweiter Wahl naturgemäß nicht sein. Die Idee einer Zeitreise reißt niemanden mehr vom Hocker.

Wenn die Hörerin trotzdem an diesen Texten dranbleibt, liegt das in erster Linie an ihrer hervorragenden Darstellung durch Robert Stadlober. Seiner Stimme gelingt es, den holzschnittartigen Charakteren mehr Tiefe zu verleihen, als sie haben. So kann man sich mit diesen Typen die Zeit vertreiben - vielleicht bis zum nächsten, wirklichen und nicht nur vorgeblichen Roman.

Susanne Krahe

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