Mehr als nur Leuchtreklame

Die evangelische Kirche und die Herausforderung der Digitalisierung
Engel-Installation im Botanischen Garten, Berlin 2018. Foto: epd/ Rolf Zoellner
Engel-Installation im Botanischen Garten, Berlin 2018. Foto: epd/ Rolf Zoellner
Welches Denken und welche Werkzeuge braucht die Kirche künftig, um im Zuge der Digitalisierung sinnvoll und sachgemäß zu agieren? Gerald Kretzschmar, Professor für Praktische Theologie an der Universität Tübingen, hat die neuesten digitalen Strategiepapiere einiger Landeskirchen und der EKD betrachtet.

Auch die Kirche ist schon längst kein digitalisierungsfreier Raum mehr. In den vergangenen Jahren entstanden im Raum der EKD-Landeskirchen einige Papiere und Initiativen zum Thema Digitalisierung. Sie zeigen, wie die Kirche auf das Phänomen der Digitalisierung reagiert. Hoffnungen und Chancen werden mit den Möglichkeiten der Digitalisierung verbunden. Es gibt aber auch Befürchtungen und kritische Fragen. Außerdem kann man den Texten und Initiativen entnehmen, welche Resonanzen das Digitalisierungsthema im Blick auf das kirchliche Selbstverständnis auslöst. Welche Kirchenbilder transportieren die Texte und Initiativen? Wie inszeniert sich Kirche in der Öffentlichkeit, wenn sie sich mit dem Thema Digitalisierung befasst?

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit werden einige Strategien im Folgenden kurz vorgestellt. Der Fokus liegt dabei auf der Wahrnehmung der Resonanzen, die das Thema Digitalisierung in der evangelischen Landschaft in Deutschland in der Summe auslöst. In diesem Sinn werden die Papiere als Momentaufnahmen betrachtet, die zeigen, mit welchen Kirchenbildern sich kirchliche Organisationen bei der Erstpräsentation oder einer besonders öffentlichkeitswirksamen Präsentation von Digitalisierungsinitiativen in Szene setzen.

Unter der Überschrift „Das Netz sinnvoll nutzen - Die Internet-Strategie der ELKB“ legte im Jahr 2012 die Bayerische Landeskirche wohl als erste der bundesdeutschen Landeskirchen ein Gesamtkonzept für den kirchlichen Umgang mit dem digitalen Wandel vor. Abschreckende Verunsicherung und Faszination prägen das Papier, aber - so der Tenor: Die Kirche muss sich der Digitalisierung stellen. In der „Internetgemeinde“ gebe es Menschen, „die aktiv nach Angeboten der Kirche suchen (...) und solche, die man durch das spezifische Angebot anlocken muss“. Aus missionsstrategischer Perspektive rechnen die Verfasser des Papiers in der Welt des Internets vor allem mit kirchendistanzierten Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Diese möchte man im Sinne der kirchlichen Organisation aktivieren. Das Internet und dessen Nutzerinnen und Nutzer werden also vordringlich als Missionsfeld betrachtet, das es im Sinne der Organisation zu beeinflussen gilt.

Neue Gemeindeformen

2014 befasst sich die EKD-Synode in Dresden mit dem Schwerpunktthema der „Kommunikation des Evangeliums in der digitalen Gesellschaft“. Die abschließende Kundgebung lässt wie schon das bayerische Papier eine missionarische Zielsetzung erkennen. Man geht vom Entstehen neuer Formen von Gemeinden in digitalen Räumen aus. Angesichts eines Konkurrenzverhältnisses „zu zahllosen anderen Botschaften“ wolle man hier „das Evangelium zu Gehör bringen“.

Drei Jahre später, so im Bericht des Rates der EKD an die Synode in Bonn 2017, scheint das Internet begrifflich wirklich in der Kirche anzukommen. Der aktionistisch missionarische Reflex scheint verschwunden. Stattdessen wird die Notwendigkeit der ethischen Reflexion des digitalen Wandels in Kirche und Gesellschaft betont. Neu ist das Interesse zu erfahren, wie die Menschen die digitalen Möglichkeiten, auch in kirchlichen Zusammenhängen, faktisch nutzen.

Die Nutzer- und Mitgliederperspektive kommt ins Spiel. Zu der hier gezeichneten Verlaufskurve gehören auch Phänomene der Ungleichzeitigkeit. Die württembergische Landeskirche beispielsweise inszenierte ihre „digitale Roadmap“ im Januar 2018 regelrecht euphorisch. Zu Beginn der landeskirchlichen Auftaktveranstaltung zur „digitalen Roadmap“ wirbt Landesbischof Frank Otfried July für die Digitalisierung in seiner Landeskirche: „Da ist noch viel mehr möglich. Da ist für Kirche auch noch viel mehr möglich.“ Und der Kommunikationsexperte Theo Eißler von der Werbeagentur, die die „digitale Roadmap“ der Landeskirche beratend begleitet, preist regelrecht pathetisch das „Sendertum aller Gläubigen“. Als Beispiel für das, was die „Gläubigen“ ins Netz senden sollen, erzählt er eine klassische Bekehrungsgeschichte mit den Bausteinen Top Manager - bei Unfall knapp dem Tod entkommen - Bekehrung zum Glauben - Pilgern auf dem Jakobsweg - seitdem Vortragstätigkeiten in Gemeinden. Schwerpunktmäßig ist der württembergische Zugang zum Digitalisierungsthema Anfang 2018 noch einmal geprägt von einer Gegenüberstruktur von Kirche und Digitalisierung, betriebswirtschaftlichen und missionsstrategischen Logiken sowie der Ausblendung der Nutzer- und Mitgliederperspektive.

Ganz anders dagegen ein ebenfalls aus dem Jahr 2018 stammender Text, nämlich der Synodenbericht des hessen-nassauischen Kirchenpräsidenten und Aufsichtsratsvorsitzenden des gep Volker Jung. Er stellt fest: Die Digitalisierung ist weitreichend im Leben der Menschen angekommen, auch in kirchlichen Zusammenhängen. Nun gelte es, den Umgang mit der Digitalisierung bewusst zu gestalten. Und ganz neu im kirchlichen Digitalisierungsdiskurs: Nicht die Interessen kirchlicher Organisationen im engeren Sinne werden als handlungsorientierendes Kriterium in den Mittelpunkt gestellt. Stattdessen wird schlicht gefragt: Was tut den Menschen gut? Was dient dem Leben? Ebenfalls neu ist die Einsicht, dass es die eine Digitalisierungsstrategie nicht geben kann. Zahlreiche kritische Rückfragen, die sich auf Grund bisher gesammelter Erfahrungen mit internetbasierter Kommunikation und Digitalisierung stellen, prägen den Charakter des Textes.

Mit welchen Kirchenbildern präsentiert sich die Kirche in diesen Texten zur Digitalisierung nun in der Öffentlichkeit? Der Befund ist eindeutig: Dominierend ist immer noch das Bild von Kirche als Gegenwelt zur Gesellschaft. Die Digitalisierung erscheint dabei als eine Art Scheidelinie. Diesseits steht „die“ Kirche als analoger Raum und jenseits „die“ Gesellschaft als Raum der Digitalisierung. Motiviert durch die Erkenntnis, sich zu dem gesellschaftlichen Digitalisierungsprozess verhalten zu müssen, inszeniert sich die Kirche als starke Organisation. Sie wähnt sich im Besitz einer Art Richtlinienkompetenz in Bezug auf ethische Bewertungen sowie die Steuerung und inhaltliche Profilierung religiöser Kommunikation. Mit diesem Selbstverständnis geht eine Inszenierung von Kirche als missionarischer Organisation einher. Phänomene des Digitalen sind aus dieser Perspektive Objekte, die den Vorstellungen der starken Organisation Kirche entsprechend missionarisch zu bearbeiten sind.

Problematisches Kirchenbild

Nur sehr verhalten und zum Teil auch nur andeutungsweise sind im kirchlichen Digitalisierungsdiskurs auch andere Kirchenbilder anzutreffen. Zum Beispiel das Bild von Kirche als einer konziliaren Diskursgemeinschaft oder einer öffentlichen Kirche. Nicht überraschend ist es, wenn die kirchlichen Papiere das Bild einer digitalen Kirche zeichnen. Schließlich ist noch als gleichsam jüngstes Kirchenbild das Bild einer menschennahen Kirche zu nennen, die sich an dem orientiert, was Menschen gut tut und dem Leben dient. Welche Schlussfolgerungen und Impulse lassen sich der kritischen Sichtung der kirchlichen Digitalisierungspapiere entnehmen? Was sollte bei der kirchlichen Weiterarbeit am Digitalisierungsthema berücksichtigt werden? Erstens: Das in den kirchlichen Digitalisierungsinitiativen vorherrschende Kirchenbild ist problematisch. Für die Gestaltung des kirchlichen Lebens ist es nicht ertragreich. Die Möglichkeiten der Digitalisierung werden auf missionarisches Handeln oder Öffentlichkeitsarbeit enggeführt. Digitalisierung bietet bei weitem umfassendere Optionen - zum Beispiel im Verwaltungsbereich, im diakonischen Kontext und im Bildungsbereich. Außerdem gerät das Bild einer Kirche als starker Organisation leicht in Konflikt mit ekklesiologischen Grundsätzen reformatorischer Theologie. Kirche umfasst in dieser Perspektive bei weitem mehr als den Bereich kirchenleitender Organisationen. Nicht nur ihnen kommt ein Akteursstatus oder eine theologische Deutungskompetenz zu. Reformatorische Kerngedanken wie zum Beispiel das „Priestertum aller Glaubenden“ oder der „Gottesdienst im Alltag“ sollten an dieser Stelle zum Tragen kommen.

Die evangelische Kirche ist eine Gemeinschaft, in der jede und jeder Einzelne ein Akteur oder eine Akteurin der je eigenen Gottesbeziehung ist. Dieser je individuellen Gottesbeziehung wiederum verleiht Jede und Jeder den individuellen Lebensbedingungen entsprechend einen eigenen Ausdruck im Alltag. Zu diesem Alltag gehören digitale Medien übrigens längst dazu. Kirche im reformatorischen Sinne ist automatisch weit mehr, als das, was kirchliche Organisationen regeln sollen und können. Kurz: Das bislang im kirchlichen Digitalisierungsdiskurs vorherrschende Kirchenbild ist weder digitalisierungs- noch im Sinne reformatorischer Theologie kirchentauglich. Notwendig ist die Arbeit am Kirchenbild.

Zweitens: Man sollte über digitale Möglichkeiten in der Kirche nicht so nachdenken, als fände das alles in einer Art luftleerem Raum statt. Die gegebenen Strukturen des kirchlichen Lebens als Ganzes müssen wahrgenommen werden. Die Kirche ist eine plural verfasste und ausdifferenzierte gesellschaftliche Großorganisation. Sie umfasst eine Vielzahl von Teilorganisationen in unterschiedlichen Handlungsfeldern mit ganz verschiedenen Verortungen in der Gesellschaft. Diese Organisationen - von der Parochialgemeinde über diakonische Einrichtungen bis hin zu kirchlichen Bildungseinrichtungen - halten ihrerseits ganz unterschiedliche Angebote und Veranstaltungen bereit, die von Kirchenmitgliedern, aber auch von vielen anderen zur Kenntnis genommen und genutzt werden. Aus Mitglieder- und Nutzersicht korrespondieren diese vielfältigen Organisationen, Angebote und Veranstaltungen mit ganz unterschiedlichen Formen der Kirchenbindung, je nach Prägung, Lebenssituation und individuellen Bedürfnissen. Beim Nachdenken über die Digitalisierung sollte kontextbezogen gefragt werden: Wie nutzen kirchliche Organisationen bereits digitale Möglichkeiten, oder wie könnten sie sie nutzen? Wie sind digitale Möglichkeiten in institutionelle Strukturen zu integrieren oder auf diese beziehbar? Welche Rolle spielen digitale Möglichkeiten in Interaktionen, in Beziehungen unter den Menschen? Und schließlich: Wie können digitale Möglichkeiten für die gesellschaftliche und öffentliche Inszenierung von Kirche genutzt werden?

Beraten und moderieren

Angesichts der komplexen Struktur des kirchlichen Lebens wird Volker Jungs Einschätzung von 2018 um so evidenter: Die eine kirchliche Digitalisierungsstrategie kann es nicht geben. Zielführend ist dagegen ein kleinteiliges, kontext- und anwendungsbezogenes Vorgehen. Dem korrespondierend sollten sich kirchenleitende Organisationen eher als „schwache“ Organisationen begreifen. In konkreten Einzelfällen und abgegrenzten Situationen sollten sie beratend und moderierend agieren.

Drittens: Erst die jüngste kirchliche Äußerung Jungs stellt die eigentlichen Akteure der Digitalisierung in den Mittelpunkt, nämlich die Menschen, die digitale Möglichkeiten nutzen beziehungsweise nutzen sollen. Das bisherige Ausblenden der Mitglieder- und Nutzerperspektive überrascht. Schließlich entscheidet diese Perspektive maßgeblich darüber, ob bestimmte Digitalisierungsprojekte mit positiven Resonanzen auf der Nutzerseite rechnen können oder nicht. Künftig sind also empirische Kenntnisse über die faktische Nutzung digitaler Medien innerhalb der Kirche genauso notwendig wie Kenntnisse über Wünsche und Bedürfnisse der Mitglieder und anderer potenzieller Nutzer. Was gebrauchen die Menschen bereits? Was gibt es noch nicht, würde ihnen aber helfen? Wie steht es um das Verhältnis von analogen und digitalen Kommunikationsformen und Medien in der Kirche? Was wünschen sich die Mitglieder und Nutzer in Bezug auf das Miteinander und Ineinander von Analogem und Digitalem in der Kirche? Schätzungsweise ist die Kirche schon viel mehr analog-digital koordiniert, als es vordergründig den Anschein haben mag.

Viertens: Als wichtigsten kirchlichen Beitrag unter den Bedingungen der digitalisierten Welt nannte EKD-Vizepräsident Horst Gorski kürzlich, den Menschen kognitive Distanz und emotionale Resilienz bereitzustellen. Vor allem die hohe Geschwindigkeit, mit der sich die digitale Technologie entwickle, und der auf die Menschen einwirkende Druck, mit dieser Geschwindigkeit Schritt halten zu müssen, legten dies nahe. Weder die Menschen noch die Kirche als Organisation könnten mit der Digitalisierung Schritt halten. Dennoch müsse gehandelt werden - individuell wie auch auf der Ebene der Organisation.

Vielleicht wäre es ja für den Umgang mit der Digitalisierung in der Kirche eine Option, im koordinierten Miteinander und Ineinander digitaler neuer und analoger traditioneller Formen den Menschen Räume und Gelegenheiten zu bieten, in denen sie Abstand von den Anforderungen des Alltags nehmen und auf wohltuende Weise zur Ruhe kommen können. Auf diese Weise könnten Digitales und Analoges den Menschen unter den Bedingungen der digitalen Gesellschaft tatsächlich Gutes tun.

Viel Energie verbraucht

Wie könnte es nun weitergehen mit der Kirche und der Digitalisierung? Vielleicht kann man ja die kirchliche Digitalisierungsgeschichte von 2012 bis heute vergleichen mit der flächendeckenden Elektrifizierung, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte. Was damals der Strom war, ist heute die Digitalisierung. Mit dem einen wie mit dem andern kann man ganz viel anfangen. Ein imponierender Möglichkeitsraum. In der Kirche dominiert jetzt erst einmal die Idee: Wir nutzen den Strom respektive die Digitalisierung zum Aufstellen leistungsstarker, weithin sichtbarer Leuchtreklamen.

Hoffentlich bleibt es nicht bei der Beschränkung auf diese Nutzungsmöglichkeit. Auf die Dauer wäre das nicht gut. Es wird viel Energie verbraucht, ohne dass die Menschen etwas davon haben.

Schön wäre es, wenn in den kommenden Jahren genauer hingeschaut würde: Was brauchen die Menschen? Wo nützt die Digitalisierung? Aber auch: Wo bringt sie nichts oder schafft gar Probleme? Das alles wird man in Ruhe und Gelassenheit bedenken müssen. Sollen für Kirche und Gesellschaft gute Ergebnisse am Ende stehen, wird das nicht anders gehen.

Zur Rezension von Voker Jungs Buch "Digital Mensch bleiben"

Gerald Kretzschmar

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