Gottes und der Menschen Tränen

Über das Weinen in der Bibel und welches theologische Potenzial dahinter steckt
Foto: akg-images
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In der Bibel wird viel geweint. Deutlich wird damit die Ernsthaftigkeit und Besonderheit des Verhältnisses zum Gott Israels, der selbst mit seinem Volk weinen und mitleiden kann, so Martin Rösel, Alttestamentler an der Universität in Rostock.

Warum wird in der Bibel so viel geweint? Eckart von Hirschhausen stellt diese Frage an den Anfang seiner Überlegungen. Wenn doch das Christentum von österlicher Freude geprägt ist, die den Tod auslacht – warum wird dann nicht genauso oft gelacht wie geweint?

Verschiedene Antworten sind möglich: In historischer Perspektive ließe sich sagen, dass große Teile der biblischen Schriften aus Zeiten stammen oder Situationen reflektieren, in denen es nicht viel zu lachen gab. Erinnert sei an das Sklavenhaus Ägypten, vierzig harte Jahre in der Wüste, das Weinen „by the rivers of Babylon“ (Psalm 137), die Verfolgung der ersten Christen. Angesichts dessen wird verständlich, dass Freude und Frohlocken oft eher Gegenstand künftiger Hoffnung als dankbarer Rückschau waren.

Es ließe sich auch darauf verweisen, dass in der Bibel durchaus häufiger gelacht wird, als es dem ersten Anschein nach aussieht: Fröhliche Gastmähler und Opfer werden geschildert – beim Mahl mit dem verloren geglaubten Sohn wird gewiss gelacht worden sein –, die Freude der Tochter Zion wird bis heute besungen, und es finden sich sogar Witze und Satiren. Weinen hat seine Zeit, Lachen hat seine Zeit (Prediger 3), ohne dass dies mengenmäßig aufgerechnet würde.

Dieser Artikel sucht noch weitere Antworten: Er möchte zeigen, welches theologische Potential die biblischen Geschichten vom Weinen haben können. Die österliche Freude ist nicht vollständig ohne die Überwindung des Weinens, aus vollem Herzen Tränen lachen kann nur, wer vorher Tränen geweint hat.

In der biblischen Überlieferung fallen mehrere Dimensionen ins Auge. Zum einen nehmen die Tränengeschichten besonders des Alten Testaments hinein in die emotionale Fülle des Lebens: Hanna weint, weil sie kinderlos zu bleiben fürchtet (1.Samuel 1,7), Hagar entfernt sich weinend von ihrem und Abrahams Sohn Ismael, als sie seinen Tod vor Augen hat (Genesis 21,16). Das Baby Mose weint in seinem Kästchen, als es zur Tochter des Pharao gebracht wird (Exodus 2,6); die Weisheit Salomos (7,3) hält fest: „Weinen ist wie bei den andern mein erster Laut gewesen.“ Dass Männer weinen, wird – anders als in unserer Gesellschaft – einfach konstatiert: Abraham weint um Sara (Genesis 23,2), Esau um den verlorenen Segen des Vaters (Genesis 27,38), Jakob weint beim Anblick Rahels (Genesis 29,12), und die Brüder Jakob und Esau bei ihrem Wiedersehen (Genesis 33,4). Besonders oft erzählt die Josefsnovelle Genesis 37–50 vom Weinen, um Verlust und Wiedersehensfreude zu pointieren. Anrührend ist die kleine Szene in 2.Samuel 3,16, als ein gewisser Paltiël seiner Frau Michal weinend nachläuft, als sie ihm weggenommen und ihrem ersten Mann David zurückgegeben wird.

Emotionale Fülle

Überhaupt boten die Ereignisse um Aufstieg und Machtsicherung Davids viele Anlässe für Tränen. Solche der Rührung, als David und Jonathan sich wiedertreffen (1.Samuel 20,41), als David seinen Widersacher Saul verschont (1.Samuel 24,12). Tränen der Trauer, als Saul und Jonathan sterben (2.Samuel 1,12) oder als die Stadt Ziklag erobert wird (1.Samuel 30,1–4). Schon vorher war das Weinen Israels in der Wüste gleichbedeutend mit dem Murren des Volkes, das mit seiner Gesamtsituation unzufrieden war und das Hoffen auf Gott aufgegeben hatte (Numeri 11, 4–18).

Weinen, Klage und Trauer werden in diesen Geschichten sowohl als individuelle als auch als kollektive Ereignisse gezeichnet; die Grenzen sind fließend. Auffallend ist, dass das hebräische Verbum für „weinen“ oft durch ein Nomen mit der Bedeutung „Stimme“ ergänzt wird; Weinen ist kein stiller Vorgang, die Umwelt nimmt teil. Daher können zuweilen Weinen und Jauchzen auch nicht unterschieden werden, wie Esra 3,12 anlässlich der Gründung des zweiten Tempels vermerkt. Sowohl das Hebräische als auch das Griechische haben für die lautere, expressive Form des Weinens, das Heulen, eigene onomatopoetische Wortbildungen, die das „lulululu…“ orientalischer Klagen (Ululation) nachbilden.

Im Neuen Testament wird aus ähnlichen Gründen geweint: Die Menschen beweinen den Tod der Tochter des Synagogenvorstehers (Markus 5,38f.) und den des Jünglings aus Nain (Lukas 7,13). Eine Sünderin weint zu Jesu Füßen so stark, dass sie mit ihren Haaren Jesu Füße trocknet (Lukas 7,38). Petrus weint bittere Tränen der Scham, als er realisiert, dass er Jesus verleugnet hat (Markus 14,72), und sowohl im zweiten Markusschluss also auch bei Johannes wird das leere Grab Jesu beweint (Markus 16,10; Johannes 20,13). Wer nicht weint, wenn Klagelieder ertönen, verhält sich unnatürlich (Matthäus 11,16).

Neben diesen Schilderungen echter Nöte wird auch von strategisch eingesetztem Weinen berichtet, so etwa, wenn Simsons Frau ihre Tränen einsetzt, um ihm die Lösung eines Rätsels zu entlocken (Das Buch der Richter 14,16). Ester fleht weinend den König an, die bösen Pläne Hamans nicht zuzulassen (Ester 8,3). Der Weisheitslehrer Jesus Sirach warnt daher auch: „Der Feind füllt seine Augen mit Tränen, doch wenn er Gelegenheit findet, bekommt er nicht genug von deinem Blut“ (Sirach 12,16).

Daneben wird auch in übertragener, metaphorischer Weise vom Weinen gesprochen: Hiob beteuert seine Unschuld damit, dass sein Acker nicht geweint habe, er also sein Gut rechtmäßig erworben hat (31,38). Traurigkeit kann auch durch das Weinen der Flöte ausgedrückt werden (Hiob 30,31); Stadttore und Tarsis-Schiffe heulen angesichts künftigen Unheils (Jesaja 14,31+23,14). Der „Tränenbrief“ des Paulus (2.Korinther 2,4) belegt sein Sorgen um die Gemeinde in Korinth, und Ezechiel wird das Weinen angesichts des Todes seiner Frau verboten, um auf die Schwere der kommenden Not hinzuweisen (Ezechiel 24,16–24).

Damit kommt der Bereich der Gebetsprache in den Blick. In ihren Klagen erwähnen die Beter oft ihr Weinen. Hiobs Auge blickt unter Tränen auf Gott (Hiob 16,20), Psalm 42,4 betet: „Meine Tränen sind mein Brot bei Tag und bei Nacht.“ Auch Psalm 80,6 verwendet dieses Bild: „Du speisest sie mit Tränenbrot und tränkest sie mit einem Krug voll Tränen.“ Die Aussagen vom Weinen und Klagen erscheinen in vielfältigen Variationen und Zusammenstellungen mit anderen körperlichen Zuständen wie Schmerzen oder Erschöpfung – nicht nur in israelitischen Psalmen, sondern unter anderen auch in babylonischen Beschwörungen. Es handelt sich wohl in vielen Fällen um geprägte Formulierungen, hinter denen nicht notwendig auch ein entsprechendes Ergehen stehen muss.

Kollektives Klagen

Dies wird unterstützt durch die Beobachtung, dass eine ganze Reihe von Texten Rückschlüsse auf ritualisiertes Weinen im Zusammenhang mit kollektiven Klagen zulässt. So wird in Jeremia 9,16 nach Klagefrauen geschickt. Die Klagelieder Jeremias (1,2) rufen dazu auf, des Nachts über den Verlust Jerusalems zu weinen, nach Mal 2,13 wird gar der Altar im Tempel mit Tränen bedeckt. Es gibt auch Hinweise auf kultisch-religiöses Weinen: In der anrührenden Erzählung von der Opferung der Tochter des Richters Jeftah bittet das Mädchen ihren Vater: „Lass mir zwei Monate, dass ich hingehe auf die Berge und meine Jungfrauschaft beweine mit meinen Gespielinnen“, dies sei dann zum Brauch in Israel geworden (Richter 11,37–39). Der Prophet Ezechiel wird visionär nach Jerusalem entführt und sieht, dass am Tempel Frauen „den Tammus beweinten“ (Ezechiel 8,14). Es handelt sich um einen aus Babylon als Dumuzi bekannten Gott, dessen früher Tod beklagt wird. Welche Bräuche hinter diesen Notizen stehen, ist nicht mehr klar. So wurde etwa auch vermutet, dass der schöne Satz aus Psalm 126,5 „die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten“ auf einen alten Aussaat-Ritus zurückgeht. Wichtig ist jedenfalls die Erkenntnis, dass die Rede vom Weinen im alten Israel andere Bilder hervorrief als bei uns Heutigen.

In der Gebetsliteratur Israels stehen sich Lachen und Weinen, Freude und Klage beinahe wie zwei Weisen des Gottesverhältnisses gegenüber. Die Tränen der Beter zeigen das Gefühl, von Gott und seinem Heil getrennt zu sein. Das Gebet ist der Versuch, die Verbindung wieder herzustellen. Die Betonung des Weinens setzt einen hörenden Gott voraus, andere Psalmen rechnen mit dem Sehen Gottes, der sein Angesicht erhebt und auf die Not der Beter achtet. Verschiedene Texte erzählen, dass Gott auf das Weinen reagiert. Er verlängert daher das Leben des Königs Hiskija (2.Könige 20,3) und erhört das Flehen Joschijas (2.Könige 22,19). König David hört gar auf zu weinen, als er bemerkt, dass Gott sein Gebet nicht erhört hat und das Kind der Batseba gestorben war. „Da sprachen seine Knechte zu ihm: Was soll das, was du tust? Als das Kind lebte, hast du gefastet und geweint; nun es aber gestorben ist, stehst du auf und isst?“ (2.Samuel 12,21).

Die Gebete zielen demnach auf Erhörung, rechnen mit dem Trost Gottes. Viele Psalmen sprechen das in einem eigenen Vertrauensbekenntnis nach der Klage auch aus. In Psalm 56,9 wird daher die oben genannte Vorstellung vom Tränenkrug positiv gewertet: „sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie.“ Der Betende vertraut auf Gottes Willen zum Heil, vergleiche auch Psalm 30,6: „Den Abend lang währet das Weinen, aber des Morgens ist Freude.“ Dies wird nicht nur als Hoffnung, sondern auch in der Rückschau berichtet: „Denn du hast meine Seele vom Tode errettet, mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten“ (Psalm 116,8).

Ende des Weinens

Auch die prophetische Literatur Israels rechnet mit dem Hören und Sehen Gottes, mit seinem Reagieren auf menschliches Verhalten. Einige Texte dehnen dieses Gottesbild so weit, dass selbst das Weinen Gottes aussagbar ist: Nach Jeremia 9,9 weint Gott über den Bergen, nach 14,17 fließen seine Augen über von Tränen, nach Jesaja 15,5 schreit er um Moab. Im Judentum gibt es daher die auf Jeremia 13,17 zurückgehende Tradition, dass Gott zu drei Anlässen heimlich geweint habe: bei der Sintflut, beim Tod der Erstgeburt Ägyptens und bei Israels Exil. Das Mitleiden Gottes erstreckt sich über die ganze Schöpfung, auch über Israels Feinde.

In der Tradition dieser Vorstellung stehen später eine in Qumran gefundene Erzählung, nach der die guten Engel weinen, als Abraham seinen Sohn opfern soll (4Q225), aber auch die Klage Jesu über Jerusalem (Lukas 19,41) oder sein Weinen und Flehen „in den Tagen seines irdischen Lebens“ (Hebräer 5,7).

Vor diesem Hintergrund ist verständlich, dass sich in Altem und Neuem Testament dieselbe Hoffnung für die Zukunft findet: Gott wird das Weinen beenden. Der Satz aus Jesaja 25,8 „Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen“ wird in der Offenbarung (21,4) aufgenommen und bekräftigt. Die Vorstellung vom Ende des Weinens begegnet mehrfach variiert, zum Beispiel in Jesaja 65,19: „Man soll in Israel nicht mehr hören die Stimme des Weinens“, oder in der Seligpreisung Jesu in Lukas 6,21: „Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen“. Im Gegenzug wird dann aber auch das Gegenteil ausgesagt (V. 25): „Weh euch, die ihr jetzt lacht! Denn ihr werdet weinen und klagen“; mehrfach findet sich auch die Ansage von „Heulen und Zähneklappern“ (Matthäus 13,42). Die Lösung dieses Widerspruchs liegt in der Zukunft, aber im Gefälle der oben skizzierten biblischen Aussagen darf man Gott zutrauen, eine Lösung auch für das Ende dieser Tränen zu finden.

In der Bibel wird also tatsächlich viel geweint. Deutlich wird damit die Ernsthaftigkeit und Besonderheit des Verhältnisses zum Gott Israels, der selbst mit seinem Volk weinen und mitleiden kann.

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Martin Rösel

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