Raus aus den Echokammern

Religion ist ein unentbehrlicher Aspekt von Integration
Teilnehmer der Kundgebung in Chemnitz am 2. September 2018, zu der die Evangelisch-Lutherische Kirche  der Stadt aufgerufen hatte. Foto: dpa/ Monika Skolimowska
Teilnehmer der Kundgebung in Chemnitz am 2. September 2018, zu der die Evangelisch-Lutherische Kirche der Stadt aufgerufen hatte. Foto: dpa/ Monika Skolimowska
Nicht erst die Ereignisse in Chemnitz haben gezeigt, wie stark derzeit Populismus und Rassismus das Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen in Deutschland gefährden. Der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber sieht in dieser Situation die Kirchen in doppelter Hinsicht gefordert. Und er betont die Bedeutung, die religiöse Bildung für den Integrationsprozess besitzt.

Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist gefährdet. Das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für viele andere Länder. Offene, freiheitliche Gesellschaften stoßen an die Grenzen ihrer Integrationskraft. Nicht nur die große Zahl von Zuwanderern stellt sie auf die Probe. Auch die Verweigerungshaltung von Teilen der Mehrheitsgesellschaft ist ein Integrationsproblem.

Beim Zuwanderungsprozess geht es um den Zusammenhalt der Gesellschaft im Ganzen. An diesem Prozess muss sich die Wohnbevölkerung ebenso beteiligen wie die Zuwanderer. Immer stärker wird die Willkommenskultur, die seit dem Herbst 2015 an vielen Orten zu spüren war, durch Protest und Abwehr überlagert. Immer massiver wird behauptet, die Probleme der einheimischen Wohnbevölkerung würden vernachlässigt. Eine wachsende Zahl von Menschen meint, sie selbst kämen in der öffentlichen Wahrnehmung wie in den politischen Entscheidungen nicht mehr vor, um sie kümmere sich keiner.

Auch wenn solche Beschwerden teilweise auf Phantomschmerzen beruhen, spiegelt sich in ihnen eine Realität. Denn real ist, was Menschen dafür halten. Inzwischen wird durch die Mobilisierung solcher Gefühle das gewaltlose Zusammenleben gefährdet. Dieser Vorgang braucht nicht auf ostdeutsche Städte wie Chemnitz oder Cottbus beschränkt zu bleiben. Die Verrohung des öffentlichen Klimas kann leicht zur moralischen Epidemie werden.

Hilfe zur Selbsthilfe

Darin liegt eine selten besprochene religiöse Herausforderung von großer Dringlichkeit. Die Kirchen beteiligen sich an den einschlägigen Debatten vor allem dadurch, dass sie menschenverachtende Ideologien, gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und antidemokratischen Populismus mit Schärfe kritisieren und zurückweisen. So versuchen sie, den Mehrheitskonsens zu stabilisieren und Fremdenfeindlichkeit nach Möglichkeit zurückzudrängen. Das ist richtig, aber es reicht nicht aus. Mühsam genug hat das Christentum gelernt, dass Gottes Zuwendung allen Menschen in gleicher Weise gilt, nicht nur den Glaubenden. Deshalb bekennen Christen sich heute zur gleichen Würde jedes Menschen, ohne jede Abstriche aus Gründen der Herkunft, der Religion oder anderer Merkmale. Dieser spät errungene Glaubensgrundsatz darf nicht wieder verspielt werden.

Doch ihn im Blick auf Zugewanderte zu bekräftigen reicht nicht. Er muss auch gegenüber denen bewährt werden, die derzeit aus dem Mehrheitskonsens der Gesellschaft auswandern. Die Kritik an irregeleiteten Feindbildern muss sich mit der Frage verbinden, wie Menschen von solchen Fixierungen befreit werden können. Möglich ist das nur durch Gespräche, vor allem durch geduldiges Zuhören. Es kommt darauf an, hinter unhaltbaren Vorwürfen die tatsächlichen Bedürfnisse herauszuhören und Menschen dabei zu unterstützen, wie sie ihr Leben selbst besser in die Hand nehmen können. Hilfe zur Selbsthilfe ist nicht nur ein Konzept für Entwicklungsländer. Es gibt Bevölkerungsgruppen im eigenen Land, für die man auf diese Methode zurückgreifen muss, um sie aus dem beharrlichen Selbstmitleid herauszuholen.

Der ehemalige Fußball-Nationalspieler Christoph Metzelder überträgt solche Überlegungen auf die junge Generation. Er sagt: „Der soziale Frieden in unserem Land wird auf Dauer gefährdet sein, wenn wir es nicht schaffen, jedem jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, seine Träume zu erfüllen.“ Und er fügt hinzu: „Mit Integration sind zum einen Kinder aus den Krisenregionen dieser Welt gemeint, die unbegleitet oder mit ihren Familien Zuflucht in Deutschland gesucht haben. Zum anderen meinen wir aber auch explizit diejenigen in unserer Gesellschaft, die sich als Verlierer fühlen. (Junge) Menschen, die sich in unserer Mitte nicht mehr integriert fühlen und nicht auf die Art und Weise am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, wie es sein sollte.“

Auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt von diesen beiden Seiten aus zu schauen, ist entscheidend. Es ist an der Zeit, die Kommunikationsbarrieren zu überwinden, die Filterblasen und Echokammern von Gleichgesinnten schaffen. Sie gibt es nicht nur in sozialen Netzwerken. Auch in Kirchengemeinden und kirchlichen Gremien, ja sogar auf dem offenen Forum der Kirchentage ist die Beschränkung auf einen Kreis Gleichgesinnter verbreitet. Unsichere, Andersdenkende, erst recht natürlich Verbohrte fühlen sich nicht willkommen. Das ist eine selten thematisierte Seite der verbreiteten Enttäuschung über die Kirche. Der Protestantismus ist stolz darauf, eine pluralitätsfähige Gestalt des christlichen Glaubens zu sein. In einer Situation, in der es darauf ankommt, diese Fähigkeit zu bewähren, ist davon wenig zu spüren. Weder kommt es zum offenen Streit, noch weht ein seelsorgerischer Geist, in dem Menschen mit ihren Sorgen ernst genommen werden und dadurch lernen, die eigene Unsicherheit nicht in Aggressionen gegen Fremde auszuleben.

Der Einwand liegt auf der Hand: Über Vorurteile lässt sich nicht diskutieren. Menschenfeindliche Äußerungen verdienen nur eine Antwort, ein klares Nein. Doch so richtig dieses Nein ist - die Aufgabe der Kommunikation ist damit nicht zu Ende, sondern fängt erst an. Wer gesellschaftlichen Zusammenhalt will, muss zwischen der Abgrenzung von inakzeptablen Positionen oder Handlungen und der Ausgrenzung von Personen unterscheiden. Menschen sind für ihre Äußerungen und Handlungen verantwortlich; sie müssen Rechenschaft ablegen über das, was sie sagen oder tun. Aber die Person ist mehr als ihre Taten; auch mit ihren Untaten ist sie nicht gleichzusetzen. Ein Mensch ist mehr als seine Worte; nicht einmal mit seinen Lügen ist er gleichzusetzen. Man kann nicht mit Pomp und Gloria 500 Jahre Reformation begehen und über die elementare Einsicht schweigen, die sie in dem sperrigen Gedanken der Rechtfertigung des Menschen durch Gottes Gnade verpackte. Der reformatorische Glaube sieht den entscheidenden Grund für die Anerkennungsfähigkeit des Menschen nicht in seinen eigenen Leistungen. Denn in diesem Fall wäre jeder Mensch, der in seinen Leistungen oder Haltungen versagt, nicht mehr eine Person, die Anerkennung verdient. Eine Gesellschaft, in der es sich so verhält, nennen wir gnadenlos. Der Zusammenhalt einer Gesellschaft erfordert, dass wir dieser Gnadenlosigkeit nicht das letzte Wort lassen. Vielmehr müssen wir auch denjenigen als Person achten, dessen Äußerungen über andere von Verachtung geprägt sind.

Kommunikationsprobleme

Solche Achtung zeigt sich in der Bereitschaft zur Kommunikation. Deren Ernstfall ist der Konflikt zwischen widerstreitenden Haltungen. Hinter jeder Krise des gesellschaftlichen Zusammenhalts steckt - auch - ein Kommunikationsproblem. Bevor erschreckt über Stimmengewinne populistische Parteien geklagt wird, sollte jeder, der so klagt, sich fragen: Wann habe ich das letzte Mal versucht, jemanden von einer solchen Wahlentscheidung abzubringen? Wann bin ich das letzte Mal einem solchen Gespräch nicht ausgewichen, sondern habe mich ihm gestellt? Bei solchen Versuchen kommt es nicht nur darauf an, Positionen zu widerlegen, sondern die Bedürfnisse zu besprechen, die sich in ihnen - und sei es noch so verquer - melden. Und das, so weit es nur geht, in einer konkreten, von Floskeln freien Sprache, verpflichtet auf den Grundsatz gewaltfreier Kommunikation.

Solche religiösen Seiten von Integration werden selten thematisiert. Andere werden umso häufiger besprochen. Sie haben es mit der Erfahrung radikaler, in die Tiefenschicht grundlegender Überzeugungen reichender Pluralität zu tun. Die Konfrontation mit dieser neuen Art von Pluralität wird in aller Regel mit religiösen Überzeugen konnotiert. Die wachsende Präsenz des Islam steht dabei im Zentrum. Das hat reale Gründe nicht nur in der Zahl der Muslime, die in europäischen Ländern wohnen, sondern auch in den Veränderungen, die der Islam seit der islamistischen Revolution im Iran und vergleichbaren machtförmigen Transformationen durchlaufen hat. Dadurch hat er sich pluralisiert. Verstärkt melden sich aufgeklärte, demokratisch gesinnte Muslime zu Wort. Es gibt auch solche, die über die Herrschaft der Scharia erst reden wollen, wenn sie erreichbar ist. Die gesellschaftliche Bereitschaft, im Blick auf religiöse Speisegebote oder Bekleidungsregeln Toleranz walten zu lassen, wird auch in einem solchen Sinn wahrgenommen und eingesetzt. In manchen seiner Schattierungen fehlt es dem Islam an Pluralitätsoffenheit und Affinität zur Demokratie. Das zu leugnen dient keineswegs der Integration.

Multiple Identität

Doch die verbreitete Neigung, Menschen, die aus muslimisch geprägten Ländern stammen, ausschließlich unter dem Gesichtspunkt ihrer Religionszugehörigkeit zu betrachten, führt in die Irre. Denn sie reduziert die Identität Zugewanderter auf ihre Religionszugehörigkeit. Der Nationalökonom und Philosoph Amartya Sen hat ein solches Vorgehen mit dem Begriff der „Identitätsfalle“ belegt. Zu Recht macht er geltend, dass jeder Mensch eine multiple Identität hat. Geschlecht und Alter, Bildungsgrad und Beruf, Nationalität und kulturelle Prägung, Lebenseinstellung und Familienzusammenhang bestimmen die Identität von Menschen genauso wie ihre religiösen oder weltanschaulichen Überzeugungen. Es ist keineswegs im wohlverstandenen Interesse der Religion, wenn sie zum einzigen Identitätsmerkmal einer ganzen Gruppe von Menschen erklärt wird. Ein solches Vorgehen verstärkt Konfliktpotentiale.

Nur wer die innere Vielfalt eigener Identitätsmerkmale wahrnimmt, entwickelt auch die Bereitschaft dazu, sich mit diesen Merkmalen selbstkritisch auseinanderzusetzen. Darin liegt eine unverzichtbare Voraussetzung für gelingende Integration. Für sie ist die Verwurzelung in Traditionen und gewachsenen Überzeugungen ebenso notwendig wie die Bereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Wenn Integration im Kern ein Prozess wechselseitiger Anerkennung und Wertschätzung ist, dann braucht man dafür Menschen, die wissen, was ihnen selbst wichtig ist, aber auch ein Sensorium dafür haben, was anderen wichtig ist. Deshalb ist gelingende Integration auf gute religiöse Bildung angewiesen. Nicht nur die Kenntnis fremder Religionen ist erforderlich; auch die Kenntnis der eigenen religiösen Herkunft und ein geklärtes Verhältnis zur eigenen religiösen Identität dürfen nicht fehlen.

Deutschland wie Europa insgesamt befinden sich in einer riskanten Phase. Der in den letzten Jahrzehnten gewachsenen politischen Kultur entspricht eine Form der Integration, in der Menschen in ihrer Pluralität unter dem Dach rechtlich gesicherter Freiheit zusammenleben. Dieses Dach ist den einen von ihrer Herkunft her unbekannt. Die anderen zweifeln daran, dass dieses Dach wetterfest ist. Politischer Populismus und religiöser Fundamentalismus treffen sich darin, dass sie den Wert der Sicherheit höher einschätzen als den Wert der Freiheit. Ihr Fehler ist nicht, dass sie Sicherheit für erforderlich halten. Beunruhigend ist, dass sie die Freiheit dafür opfern wollen. Für das Christentum als Religion der Freiheit ist das eine Bewährungsprobe. Für die Demokratie als Lebensform der Freiheit auch.

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Wolfgang Huber

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