Viele Fragen

Muslimischer Antisemitismus
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Ranan bestreitet, dass es einen „muslimischen“ Antisemitismus gibt.

Dieses Buch hat nach seinem Erscheinen Schlagzeilen gemacht. Joseph Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, warnte davor, dass viele Geflüchtete in ihren Heimatländern mit dem Feindbild Israel aufgewachsen seien und dieses oft auf Juden generell übertrügen. Ist da etwas dran, oder ist alles Panik? Der Politikwissenschaftler David Ranan ist Fellow am Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin. In über siebzig Interviews ist er antisemitischen Einstellungen unter Muslimen nachgegangen. Als Gesprächspartner wählte er bewusst überwiegend Studierende in Deutschland und England.

Das Buch ist nicht nur wegen des Titel-Themas hochinteressant, sondern genauso wegen anderer Fragen, die auch kritisch diskutiert werden: Was ist überhaupt Antisemitismus? Wie kommen Umfragen zu ihren Ergebnissen? Und: Welche Vorurteile und Verschwörungstheorien prägen in der muslimischen Welt die Einstellungen zu Israel?

Die Vielzahl unterschiedlicher Definitionen zeigen, wie schwierig es ist, das Thema überhaupt einigermaßen angemessen zu beschreiben. Das hat natürlich auch Folgen für die Interpretation der Umfragen und ihre Verwendung in der gesellschaftlichen Debatte.

Wie entstehen überhaupt Umfragen zum Antisemitismus? Auch hier sieht Ranan Probleme. Die Anti-Defamation League (ADL) hat 2014 ihre Studie ADL Global 100 veröffentlicht, die die Einstellung gegenüber Juden in hundert Ländern untersucht. Angesichts des unklaren Antisemitismus ist es nach David Ranan gewagt, dieselben Fragen in so vielen kulturell und religiös unterschiedlichen Ländern zu stellen. Die Anti-Defamation League fragt nach der Zustimmung zu verschiedenen Aussagen wie zum Beispiel: „Juden verfügen über zu viel Macht in der Wirtschaft.“ Oder: „Juden haben zu viel Einfluss auf die globalen Medien.“ Alle elf Fragen beinhalten negative Aussagen über Juden. Werden die Befragten nicht so schon in eine bestimmte Richtung gedrängt? Lässt sich so herausfinden, ob ein Mensch antisemitisch „ist“? Oder verstärken sie nicht den Eindruck, dass es hier nicht um veränderliche antisemitische Einstellungen geht, sondern dass Antisemitismus eine geradezu „unveränderliche Charaktereigenschaft“ ist?

Schließlich untersucht Politikwissenschaftler David Ranan die Rolle, die dem Koran in diesem Zusammenhang zukommt. Er stellt fest, dass Unwissen, Vorurteile und Verschwörungstheorien eine wesentlich größere Bedeutung haben. Antisemitismus fuße in der arabischen Welt sehr stark auf Verschwörungstheorien, wie zum Beispiel der, dass Juden große ökonomische Macht hätten und die Welt regierten.

Dies führe zu Boykottideen, die sich gegen mutmaßliche jüdische Firmen und Marken richten. Seine Gesprächspartner nannten Nestlé, McDonalds, Burger King, Starbucks, Aldi, Rossmann und dm. Ranan fragt seine Gesprächspartner, woher sie das wüssten, und erhält die Antwort: „Wir kennen ja keinen, aber wir wissen, dass es sie gibt (.)“. Diese Sichtweise wurde jahrelang auch durch die Behauptung der Hamas-Charta genährt, dass hinter allem Bösen der Welt reiche Juden stünden.

Kurzum: Ranan bestreitet, dass es einen „muslimischen“ Antisemitismus gibt. Er fordert die deutsche Gesellschaft auf, dem radikalen Islam durch Integration zu begegnen. Dazu gehöre Offenheit gegenüber dem Islam und eine Bereitschaft zum Zusammenleben. Dabei soll eine Jugendarbeit helfen, die über falsche Ideen zu Juden und Israel aufklärt.

Ranan plädiert für eine „positive Diskriminierung gegenüber den muslimischen Minoritäten im Westen“.

Dirk Siedler

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