Not sehen - und handeln

Griechenland hilft Flüchtlingen, aber es braucht die Hilfe Europas
Foto: Greek Evangelical Church
Foto: Greek Evangelical Church
Die Griechisch-Evangelische Kirche ist winzig: Gerade einmal 32 Gemeinden hat sie - und nur 17 Pfarrerinnen und Pfarrer. Sie betreuen um die 5.000 Protestanten. Aber in der Flüchtlingshilfe ist die kleine evangelische Kirche vorbildlich.

Der Reisebus ruckelt über einen arg mitgenommenen griechischen Asphalt. Unser Ziel heißt Volos, eine Stadt an der Küste, zwischen Thessaloniki und Athen. Uns erwarten Vertreter verschiedener Kirchen aus der Region. Auf Einladung der Konferenz Europäischer Kirchen wollen wir miteinander über die Zukunft Europas sprechen. Der Ort ist mit Bedacht gewählt. Als wir die Stadt erkunden, sehen wir die Not aus nächster Nähe: Geschäfte stehen leer, Obdachlose schlafen an den Straßen, Kinder betteln am Hafen, Rentner lassen sich in der Suppenküche Plastikschüsseln auffüllen. Hier, wo nur wenige Seemeilen Europa und Asien trennen, hat die „Krise“ viele Gesichter. Einige davon lernen wir in diesen Tagen persönlich kennen.

Bevor wir über die Zukunft Europas sprechen können, wollen uns die Gastgeber ihre Gegenwart am Rand unseres Kontinents nahe bringen. „Unsere Gemeinde versteht sich als Kirche, die für andere da ist.“ So erklärt Meletis Meletiadis, Moderator der Griechisch-Evangelischen Kirche, warum seine Gemeinden ihren Arbeitsschwerpunkt in der Flüchtlingshilfe gesetzt haben. Meletiadis ist ein kleiner, bescheiden auftretender Mann, der perfektes Englisch spricht. Wie alle griechischen Pastoren studierte er evangelische Theologie im Ausland; in Griechenland gibt es nur orthodoxe Fakultäten. Dennoch wollte er immer nach Griechenland zurück: „Obwohl es manchmal schwierig ist, denn Griechen sind eigentlich orthodox. Unsere Gesellschaft lernt erst langsam, dass man Grieche und zugleich Protestant sein kann.“ Doch es bewegt sich etwas, auch wegen der sozialen Lage. „In Volos haben wir großes Glück mit dem orthodoxen Metropoliten. Er fördert den ökumenischen Dialog, aber vor allem das gemeinsame Handeln. Wir praktizieren hier Vorzeigeökumene und können vielen Menschen helfen.“

Diese Hilfe ist alles andere als selbstverständlich - die Griechen haben genug eigene Probleme: „Griechenland erzielt im Vergleich zu den meisten anderen Staaten in nur wenigen Bereichen gute Ergebnisse“. So steht es lapidar im Einleitungssatz zum Index für Lebensqualität der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Hinter dieser Aussage verbergen sich dramatische Zahlen: 2014 war das verfügbare Einkommen pro Haushalt um 27 Prozent, also mehr als ein Viertel, geringer als zehn Jahre zuvor. 2012 war die Quote unsicherer Arbeitsverhältnisse bereits bei 44 Prozent, verglichen mit 7 Prozent im OECD-Durchschnitt. Die Jugendarbeitslosigkeit führte im August dieses Jahres mit 43,3 Prozent die EU-weite Statistik immer noch ganz vorn an, vor ein paar Jahren lag sie noch höher. Seit Beginn der Krise haben um die 4 Prozent der Bevölkerung das Land verlassen - davon über die Hälfte junge Menschen, meist gut ausgebildet.

Die Griechen helfen trotzdem. Viele sind bedürftig. Die Besucher der Suppenküchen: Rentner, aber auch jüngere Griechen. Roma. Geflüchtete. Vor allem Geflüchtete. Obwohl sie lange auf den Inseln ausharren müssen, kommen täglich neue Gruppen auf dem Festland an. Da ist Endstation. Seit die so genannte Balkan-Route so gut wie dicht ist, können die Menschen Griechenland kaum noch verlassen. Etwa 60.000 Menschen stecken hier fest; bleiben wollen die wenigsten. Für nur einige von ihnen, besonders gefährdete Gruppen wie Schwangere und Mütter mit kleinen Kindern, Alte und Kranke, gibt es feste Unterkünfte. Auch von ihnen kommen längst nicht alle in Wohnungen unter. Alle anderen leben in Lagern. Die Bedingungen sind fürchterlich. Das Lager in Idomeni, das weltweit Negativschlagzeilen machte, ist längst geschlossen. Aber Idomeni war nur ein unliebsames Symbol für das Elend. Andernorts sieht es nicht wesentlich besser aus. Viele Lager sind zweifach, manche dreifach überbelegt. Besonders schlimm zeigt sich das bei den ohnehin nur notdürftig errichteten Sanitäranlagen. Kaum können die Menschen sich selbst waschen, geschweige denn ihre Kleidung. Ungeziefer und Hautkrankheiten sind die Folge.

Obwohl die Zahl der Neuankömmlinge 2017 deutlich niedriger war als in den Vorjahren, ist sie in den vergangenen Monaten wieder gestiegen. Die griechischen Inseln, Lesbos, Samos und viele andere, bleiben überfüllt. Schon warnt das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) vor dem Winter. Auf niedrige Temperaturen sind die Behausungen nicht ausgerichtet.

Wenn man mit den Helfern über die Gründe für die Misere spricht, gibt es viele Erklärungen und viele Enttäuschungen. Die Regierung könne mehr tun, internationale Hilfsgelder würden ja zur Verfügung gestellt. Europa müsse solidarischer sein, denn bislang habe man Griechenland und Italien gerade mal 30.000 von den 2015 zugesagten 160.000 Geflüchteten abgenommen. Unter Berufung auf das Dublin-Verfahren würden sogar Menschen zurück nach Griechenland als Erstaufnahmeland geschickt. Auch die tieferen Ursachen werden diskutiert, etwa das Versagen der Weltgemeinschaft, den Bürgerkrieg in Syrien zu stoppen.

„All das können wir kaum beeinflussen. Unsere Aufgabe sind die Menschen, die auf unseren Inseln und Städten ankommen, Hilfsbedürftige, unsere Nächsten“, sagt eine Helferin. Sie drückt aus, was hier viele denken: Die Bedürftigkeit darf nicht übersehen, die Geflüchteten dürfen nicht im Stich gelassen werden. So entstanden die Projekte der evangelischen Gemeinde: nicht mit langer Planung, sondern spontan, als konkrete Antwort auf konkrete Not.

Allein in Volos kommen 2.500 Menschen in die Suppenküche, die von der griechisch-orthodoxen Metropolie betrieben wird. Kirchensteuern gibt es in Griechenland nicht, obwohl der Glaube der Griechisch-Orthodoxen Kirche offiziell die „vorherrschende Religion“ ist. Der Staat hat im Zuge der Krise die Gehaltszahlungen für neue Geistliche eingestellt; wer heute Priester werden will, arbeitet ehrenamtlich. Die Kirche hat zwar viel Landbesitz, aber auch hohe Unterhaltskosten für das religiös-kulturelle Erbe Griechenlands. Also tragen die Klöster, Metropolien und Gemeinden die Kosten für ihre diakonische Arbeit selbst. In Volos sammelt die evangelische Gemeinde täglich Lebensmittel für die orthodoxe Suppenküche, so sieht hier ökumenische Kooperation im Alltag aus.

Für eine kleine Kirche könnte solche Unterstützung laufender Projekte mit Geld und Gütern schon als diakonisches Engagement genügen. 32 Gemeinden hat die Griechisch-Evangelische Kirche in Griechenland, aber nur 17 Pfarrerinnen und Pfarrer. Sie betreuen um die 5.000 Protestanten. Doch die „kleine Schar“ begnügt sich damit nicht. Wenn man Meletiades zuhört, kann man den Eindruck gewinnen, dass seine Kirche in der sozialen Arbeit eine neue Bestimmung gefunden hat und sogar eine Chance sieht. „Indem wir auf die akute Not reagieren, müssen wir uns neuen Menschen öffnen. Das bewahrt uns davor, uns abzukapseln - immer eine Gefahr für Minderheitskirchen“, erklärt er.

Eine Geschichte, mit der Meletiadis das gern illustriert, ist die von Ilias Papadopoulos, einem Elektroingenieur aus Thessaloniki. Vor zwei Jahren begleitete er eine Gruppe der dortigen evangelischen Gemeinde in das Flüchtlingscamp Idomeni, eine Weile bevor es geschlossen wurde. Er sah die Situation mit den Augen eines IT-Experten: „Ilias realisierte sofort, dass die Menschen von lebenswichtiger Kommunikation abgeschnitten waren. Ihre sim-Karten aus der Heimat nützten hier nichts mehr, wer sollte das bezahlen? Wifi gab es nicht. Wie sollten sie ihre Familien in der Heimat oder schon irgendwo in Europa wissen lassen, dass sie die Überfahrt überlebt hatten? Wie konnten sie Kontakt zu Familienmitgliedern aufnehmen, von denen sie auf der teils abenteuerlichen Flucht getrennt wurden? Wie konnten sie sich essentielle Informationen über die politischen Entwicklungen in Europa besorgen?“ Also konstruierte er einen Router, der unabhängig von der unzuverlässigen Stromversorgung im Camp war und den man leicht in ein anderes Camp umsetzen konnte. 5.000 Euro investierte er aus eigenen Mitteln - für Griechenland, und nicht nur für Griechenland, eine sehr großzügige Spende.

Ähnlich ist es mit den anderen Projekten in den Camps. Die Gemeinden bieten Sprach- und Integrationskurse an. Wichtig sind ihnen auch die Kinder, die keine behütete Kindheit erleben dürfen. Spiel- und Sportangebote in den Flüchtlingslagern sind deshalb ein wichtiger Beitrag, damit sie sich trotzdem gut entwickeln können. Aber auch ganz einfache Dinge: Tische und Bänke müssen gebaut, Zelte aufgestellt werden. „Man muss nur die Augen offen halten, dann sieht man, was zu tun ist,“ so der Moderator. Er ist stolz, dass so viele Griechen, orthodox, katholisch und evangelisch, sich angesichts ihres eigenen Leids nicht von der Not der Fremden abwenden. „Griechenland ist eine christliche Nation“, ist seine schlichte Erklärung.

Trotz aller Hilfsbereitschaft - die Lage könnte sich weiter verschlechtern. Nicht nur den Vereinten Nationen macht der nahende Winter große Sorgen. „Im letzten Jahr hatten wir Schnee und Frost“, erinnern sich die Aktiven. Deshalb mieten die evangelischen Gemeinden leerstehende Wohnungen an, um besonders schutzbedürftige Personen unter menschlich vertretbaren Bedingungen durch die kalte Jahreszeit zu bringen. Dabei erhalten sie auch Hilfe aus Deutschland. Das Gustav-Adolf-Werk etwa und die Diakonie Katastrophenhilfe unterstützen sie und andere Partner, die ähnliche Projekte aufgelegt haben.

Kräfte der Erneuerung

„Wir dürfen ja nicht vergessen, dass das Leben auf der Flucht nicht einfach anhält. Es geht weiter, mit allem, was dazu gehört“, sagt Meletiadis, als er ein Foto von einer geflüchteten Familie zeigt, die in einer der Unterkünfte ein Baby zur Welt gebracht hat. Nicht nur um die Weihnachtszeit sind da die Bilder der Heiligen Familie nahe, auf der Suche nach einem Raum in der Herberge. Die christliche Motivation spielt eben eine große Rolle für die Helferinnen und Helfer, das wird immer wieder betont.

Und so kommen die Konferenzteilnehmer in Volos dann doch noch auf die Zukunft. Es war wichtig, uns Gästen zu erzählen und auch zu zeigen, wie es ist. Aber den evangelischen Griechen reicht das nicht. „Wir Kirchen müssten die Kräfte der Erneuerung in unserer Nation werden“, meint der oberste Protestant Griechenlands. Aber er weiß auch, dass es in der Orthodoxie keine lange Tradition politischer Theologie gibt wie etwa in Deutschland. Die Metropolie in Volos hat eine Akademie gegründet, an der viel zu diesen Themen gearbeitet wird. Hier entsteht etwas Neues, das viel ökumenischen Geist atmet. Aber noch sind es zumeist die Katholiken und Protestanten, die ihre Visionen vom Gemeinwesen öffentlich machen.

Sie wünschen sich das auch von uns, ihren Partnerkirchen in Europa. Ist es mehr das Versagen der griechischen Regierung oder mehr die Gefühlskälte der anderen Europäer, weshalb die griechische Krise nicht enden will? Hier gehen die Analysen der griechischen Teilnehmenden weit auseinander. Aber einig sind sie sich in einem: Europa muss sich aus einem Geist heraus erneuern, der die vielbeschworenen Werte und ihre christlich-humanistischen Wurzeln nicht mehr nur als leere Phrasen im Munde führt. Europa muss für Frieden stehen, für Freiheit und Gerechtigkeit, aber vor allem für Barmherzigkeit und tätige Nächstenliebe. Meletiadis will das nicht allein an der Flüchtlingskrise festmachen: „Wir arbeiten in dieser Gegend schon seit vielen Jahren mit Roma-Familien. Sie sind wie Flüchtlinge innerhalb Europas, immer auf der Suche nach der Gastfreundschaft offener Herzen.“

Informationen

Der Autor ist Beauftragter für Menschenrechte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Er vertritt die EKD in der Arbeitsgruppe Menschenrechte der Konferenz Europäischer Kirchen, die regelmäßig die Einhaltung menschenrechtlicher und humanitärer Standards in der EU-Flüchtlingspolitik anmahnt.

Patrick Roger Schnabel

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