Basal unvernebelt

Gold, Weihrauch und Myrrhe
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Eine CD, die schon mit dem ersten Hören ein Klassiker ihres Genres ist.

Wer Michael Wollny (piano) mit seinen beiden Mitstreitern Christian Weber (double bass) und Eric Schäfer (drums, live electronics) erlebt, verfällt ihnen – verfällt diesem würzigen Sound, der magischen Präsenz und den pulsierenden Vibrationen, als seien die Drei die heiligen drei Könige des Jazz themselves. Dafür bringen sie auf dieser im sommersatten September 2017 im Oslo entstandenen CD alles mit: Gold in Form einer Akkordik, die in die letzten unentdeckten Winkel einer verwunschenen Welt führt, Weihrauch in den Rhythmen, die wie ein wogendes Geäst expressiv durchstürmt und kunstvoll miteinander verwoben sind, und schließlich Myrrhe mit den Basslinien, die wie die Schritte eines Hirten sind, der auch neben oder hinter der Herde um ihre Bewegung weiß und Weg und Weise immer führend im Blick hat.

Alles, was hier klingt, ist basal unvernebelt – dabei geht es gewaltig los, denn „Make a wish“, das Eingangsstück der CD, klingt in opulenter Fülle – Dank der exklusiven Gäste dieser CD, dem vorzüglichen Norwegian Wind Ensemble. Allein dieses Zusammenspiel aus geatmeter, getasteter und geschlagener Musik ist ein Genuss, dem man sich nicht entziehen kann und mag. Dann begeben sich Michael Wollny, Christian Weber und Eric Schäfer auf Entdeckungstour bei den Vorfahren und greifen in verschiedene Regale: gleich bei D halten sie inne – Claude Debussys „nuits blanches“, um schon bei F wieder stehen zu bleiben – Gabriel Faurés „Andantino“ aus dem Piano Trio op. 120. Auch an H gehen sie nicht vorbei und geben Paul Hindemiths „Interludium“ – wieder gemeinsam mit dem Norwegian Wind Ensemble – weniger ein kontrastierend neues, als vielmehr in aller Vielfarbigkeit klarlichtig gewebtes Gewand aus dem vorhandenen Material, das eine tiefe Durchdringung der Vorbilder zeigt. Das Einssein damit schließt deren Kosmos als den klingenden schlechthin auf und lässt Interpreten und Hörende gemeinsam in eine ungeahnte und auch in Konzerten nicht selbstverständlich erreichbare Atmosphäre völliger Schwerelosigkeit eintauchen. Damit diese nicht ankerlos wird, mischen Eric Schäfers „zweidrei“ und „perpetuum mobile“ das Spiel Michael Wollnys mit atemberaubend flirrenden Kaskaden aus dem gehobenen Etüdenschatz der rhythmischen Wundermittel auf. Dafür brauchen die Füße wieder Bodenhaftung, ehe es am Ende der CD Richtung Wasser geht: der Bonustrack trägt den Titel „The whiteness of the whale“ und ist in seinem Gesang, in den alle einstimmen, ein Sehnsuchtsruf und Vermächtnis zugleich – ein Wirbel und ein versonnenes Innehalten. Er krönt eine CD, die schon mit dem ersten Hören ein Klassiker ihres Genres ist.

Klaus-Martin Bresgott

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