Mehr profitiert als gelitten

Ein Schweizer Blick auf die Reformationsdekade in Deutschland und daheim
Foto: Andreas Schoelzel
Ein bisschen mussten die Reformierten in der Schweiz schon über ihren Schatten springen, um bei der deutschen Vorbereitung auf das „Lutherjahr“ mitzumachen. Am Ende aber hat es sich gelohnt, und beide Seiten sind bereichert, meint Felix Reich, Chefredakteur der Zeitung reformiert in Zürich.

Wenn wir die Menschen neu für den Glauben bewegen konnten“, sei die Mission 2017 erfüllt, sagte die deutsche Reformationsbotschafterin Margot Käßmann in Zürich, als das Lutherjahr noch knapp vier Jahre weit entfernt lag. Und sie schob nach: „Hoffentlich sind wir danach nicht völlig ermattet, sondern haben ein Fest der Ermutigung gefeiert.“ Ein hohes Ziel hatte sich die Botschafterin damit gesteckt. Historisches Interesse zu wecken, den Tourismus durch den Lutherjubel anzukurbeln, die Kirche ins öffentliche Gespräch zu bringen, das alles wären Ziele gewesen, die sich durch kluge Planung und geschickte Aktionen hätten realisieren lassen. Doch der Glaube ist nicht nur persönlich, sondern auch zerbrechlich. Er entzieht sich den Methoden des Marketing.

Die deutsche Botschafterin der Reformation war im Dezember 2012 zu Gast im Kirchenparlament des Kantons Zürich gemeinsam mit dem Präsidenten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds, Gottfried Locher. Früh war damit klar, dass die Feierlichkeiten in den beiden Nachbarländern eng aufeinander abgestimmt würden. Das hatte zur Folge, dass es die Schweizer für einmal nicht ganz so genau nahmen. Eigentlich wäre für die von Zürich ausgehende Reformation das Jahr 2019 das richtige Jahr zum Feiern. Sie nahm 1519 ihren Anfang, als Huldrych Zwingli seine Stelle als Leutpriester am Zürcher Großmünster antrat. Er kannte zwar die Schriften von Martin Luther, war aber weit stärker vom Gedankengut von Erasmus von Rotterdam geprägt.

Um vom deutschen Windschatten profitieren zu können, verlegten die reformierten Kirchen in der Schweiz den Beginn ihrer Reformationsfeiern ins Lutherjahr. Der europäische Stationenweg zur Reformation startete im Herbst 2016 in Genf. Ein starkes Zeichen, dass die Reformation nicht als Werk eines einzelnen Visionärs, sondern als europäische Bewegung beschrieben und begriffen werden sollte. Auch die Präsenz der Schweizer Theologin Christina Aus der Au im Präsidium des deutschen Kirchentags führte dazu, dass das Lutherjahr in der medialen Öffentlichkeit auch in der Schweiz sehr präsent war. Debattiert wurde vordergründig zwar vor allem darüber, wie nervös die Schweizerin nun sein müsse vor dem Interview mit dem ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Doch die Aufmerksamkeit schaffte den Raum, die politische Relevanz der Kirche durchaus kontrovers zu diskutieren. Ein urreformiertes Anliegen.

Durch Großereignisse oder spielerische Elemente eine mediale Öffentlichkeit zu schaffen und so die Reformation ins Gespräch zu bringen, gelang der deutschen Kirche vorbildlich. Dazu gehörte zum Beispiel die Playmobilfigur von Martin Luther, die auch in der Schweiz Absatz fand. In der Schweiz ist einerseits der Markt für solche Aktionen zu klein, andererseits zeigte sich im Lutherjahr exemplarisch, wie unterschiedlich die Reformatoren Luther und Zwingli noch immer rezipiert werden. Die polemischen Ausfälle Luthers und sein Antijudaismus wurden zwar bereits früh thematisiert, bleibende Kratzer bekam sein Bild deshalb nicht. Zu filmreif liest sich seine Biografie. Da sind der Kampf des deutschen David gegen den Goliath in Rom, die Entführung zum eigenen Schutz auf die Wartburg oder die einsame Übersetzungsarbeit an der Bibel. Genauso wie Zwingli wurde Luther immer wieder für den Zeitgeist instrumentalisiert. Fünfhundert Jahre nach der Veröffentlichung seiner berühmten Thesen wurde wohl am stärksten seine Rolle als Seelsorger und sein persönliches Ringen mit dem Glauben betont. Auch dieser Blick, der den Zweifel untrennbar mit dem Glauben verbindet und das Persönliche ins Zentrum stellt, trägt durchaus Zeichen der Zeit.

Calvin, der welsche Reformator

Den Schweizer Reformierten fehlt eine solche Überfigur. Die Reformatoren Zwingli, Bullinger und Calvin entfalteten zwar eine internationale Wirkung bis nach Osteuropa, Skandinavien oder Übersee, doch in der Wahrnehmung vieler Schweizerinnen und Schweizer bleiben sie beinahe lokale Figuren. Calvin ist der welsche Reformator aus Genf, Zwingli und Bullinger Zürcher. Bereits die Stadt St. Gallen stellte einst ihr Reformationsdenkmal für Joachim Vadian auf, und Bern nutzte das Reformationsjahr, um nach eigenen historischen Figuren zu suchen, welche die Gedanken der Reformation verbreitet hatten.

Vielleicht brauchte es zuerst die Ansprüche aus Deutschland, damit die Schweizer Reformierten geschlossen auftraten! Animiert durch optimistische bis großspurige Ankündigungen aus Deutschland, wie viele Besucherinnen und Besucher zur Weltausstellung in Wittenberg pilgern würden, erwiesen sich die Schweizer als Musterschüler und beauftragten das Basler Architekturbüro Christ und Gantenbein mit dem Entwurf des Pavillons „Prophezey – die Schweizer Reformation“. Installiert wurde auch gleich eine Druckerpresse, um die Zürcher Bibel wie in Zwinglis Zeiten zu drucken. Das Neue Testament ging am Ende als Geschenk an die Lutherstadt.

Sittenstrenges Klischee

Von Zwingli gibt es kein Grab. Nur ein Denkmal an der Limmat, das mehr aussagt über die Zeit, in der es aufgestellt wurde, als über den Reformator selbst. Der vom österreichischen Bildhauer Heinrich Natter geschaffene und 1885 bei der Wasserkirche aufgestellte Zwingli steht mit Bibel und Schwert in der Hand für den Kulturkampf im jungen Bundesstaat. Dennoch blieb das Klischee vom sittenstrengen Prediger mit Schwert und Bibel an Zwingli haften. Während die Marke „Lutherstadt“ Touristen anlockt, ist der Begriff „Zwinglistadt“ nahe am Schimpfwort. Verbunden werden damit Attribute wie Biederkeit und Askese, von denen sich eine pulsierende Weltstadt wie Zürich emanzipieren will. Anders als Luther wurde Zwingli oft als Bilderstürmer gesehen, der alle Sinnlichkeit aus der Kirche verbannte. Sein soziales Engagement und sein großes musikalisches Talent traten in den Hintergrund. Einen großen Teil der Energie wendeten die Promotoren des Reformationsjubiläums deshalb dafür auf, das Zwinglibild zu korrigieren.

Ein Ausrufezeichen im erst angelaufenen Jubiläumsprogramm zur Reformation setzte der Zürcher Reformationsbotschafter Christoph Sigrist mit seinem Mysterienspiel „Akte Zwingli“. Der Pfarrer an der Reformationskirche Großmünster trug Elemente aus Zwinglis Biografie zusammen und schrieb daraus ein spannungsgeladenes, vielschichtiges Libretto. Eine Schlüsselszene in diesem vom deutschen Regisseur Volker Hesse inszenierten Stück ist der Abendmahlsdisput zwischen Martin Luther und Huldrych Zwingli.

Dass der Streit zur innerprotestantischen Kirchenspaltung führte, die erst mit der Leuenberger-Konkordie 1973 überwunden werden konnte, hat wohl mehr mit den unversöhnlichen Charakteren der beiden Reformatoren zu tun als mit theologischen Differenzen. Hesse inszeniert die Konfrontation als Diskussion zwischen Riese und Zwerg. Hereingetragen wird ein riesiger Lutherkopf, Zwingli muss auf die Leiter steigen, um dem Kontrahenten seine Argumente entgegen schleudern zu können. Natürlich hat er die besseren …

Die Szene steht exemplarisch für die Schweizer Perspektive auf die deutsche Reformationsdekade. An Luther führt kein Weg vorbei. Die Schweizer können noch so betonen, dass ihre Reformation demokratischer organisiert war, durch Armenspeisungen im Sozialwesen unmittelbare Wirkung entfaltete und das moderne Staatswesen der Schweiz bis heute prägt – Zwingli bleibt der Zwerg. Er eignet sich schlecht als Verkaufsschlager. Er starb früh auf dem Schlachtfeld von Kappel, sein Nachfolger Heinrich Bullinger war es, der die Reformation erst verfestigte. Zwingli, der als Pazifist das Söldnerwesen scharf verurteilt hatte, wollte die Freiheit der Predigt in der ganzen Eidgenossenschaft durchsetzen. Jeder Ort sollte frei wählen können, ob er sich der Reformation anschließen wollte. Dass er im Konflikt mit den katholischen Verbündeten innerhalb der Eidgenossenschaft zur Waffe griff, bezahlte der Reformator mit dem Leben.

Auf Lebensgröße geschrumpft

So blicken die Schweizer Reformierten aus der Froschperspektive nach Deutschland. Keine Leiter reicht, um die Flughöhe des deutschen Reformationsmarketings vom Playmobil-Luther bis zum Bibel-Botschafter Jürgen Klopp zu erreichen. Der Windschatten ist manchmal auch ein Schatten. Dennoch hat die Schweizer Kirche von der deutschen Reformationsdekade sicher mehr profitiert als darunter gelitten. Sich bei der Weltausstellung in Wittenberg präsentieren zu können, war für den Kirchenbund eine große Chance. Dass Zwingli in Deutschland über Fachkreise hinaus kaum bekannt ist, zeigte der Kontakt mit den Besucherinnen und Besuchern. Ein wenig Nachhilfe konnte der Pavillon leisten. Hinzu kamen viele persönliche Beziehungen, die in der Reformationsdekade geknüpft und verfestigt werden konnten.

Am Reformationssonntag 2015 war Margot Käßmann erneut in Zürich zu Gast. Diesmal im bis auf den letzten Platz gefüllten Großmünster. In einer eindrücklichen Predigt über «Ich glaube! Hilf meinem Unglauben» (Markus 9,24) löste sie ihr Versprechen ein, Menschen neu für den Glauben zu bewegen. Das gewählte Bibelzitat ist die Engführung des reformatorischen Leitmotivs «Allein der Glaube» und der intensiven Gottsuche Luthers, wie Käßmann sie beschrieb.

Nicht nur in diesem von Käßmann und Sigrist gemeinsam gestalteten Gottesdienst, in dem sich beide Predigten aufeinander bezogen und doch unterschiedliche Akzente setzten, zeigte sich, wie sehr Luther und Zwingli sich eigentlich ergänzen. Es ist überhaupt das vielleicht wichtigste Verdienst der Reformationsdekade, dass verfestigte Bilder ins Wanken gerieten. Der riesige, zum Emblem erstarrte Lutherkopf bekam neue Facetten, schrumpfte auf Lebensgröße. Das Klischee vom Fürstenknecht, der zwischen zwei Reichen trennte, weltliche Ungerechtigkeit der Ordnung zuliebe gut hieß und so den idealen Antipode zum Bergbauernsohn Zwingli abgab, bekam Risse. In ihrer heutigen Auslegung rückte Luthers Lehre unverhofft in die Nähe von Zwinglis Modell der weltlichen und göttlichen Gerechtigkeit, die zwar nicht eins sind, aber sich aufeinander beziehen müssen.

Umgekehrt wurde offensichtlich, dass nicht Zwinglis Kunstfeindlichkeit Motor der Räumung der Kirchen war. Auf den Punkt brachte der Zürcher Reformator sein Motiv in einer Predigt von 1528: «Dieser Dreck und Unrat soll aber hinausgefegt sein, damit die riesigen Summen, die ihr mehr als andere Leute für die unsägliche Dummheit des Heiligenkults ausgegeben habt, künftig den lebendigen Ebenbildern Gottes zugute kommen», predigte er 1528. Die leer geräumten Kirchen erhalten nun eine tief im Glauben wurzelnde Bedeutung. Der Blick der Gemeinde richtet sich nicht zu einem goldenen Altar, der von einer jenseitigen Welt zeugt, oder auf Heiligenbilder, mit deren Stiftung sich Vermögende die Gunst Gottes erkaufen wollten. Im Hören auf Gottes Wort begegnen sich jetzt Menschen. Weil Christus wahrer Mensch und wahrer Gott sei, lasse er sich gar nicht darstellen, so Zwingli. Er wollte verhindern, dass vor lauter Kruzifixen die Kreuze in der Welt vergessen gehen. Im Freund, der auf ein gutes Wort angewiesen ist, im Fremden, der Hilfe benötigt, im Bedürftigen, der Geld braucht, zeigt sich der Mensch gewordene Gott. „Was ihr einem dieser geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“, sagt Jesus in der Bergpredigt (Matthäus 25,40). Das Bilderverbot führt zum Gebot der Liebe.

In der Reformationsdekade ist es einerseits gelungen, durch Klischees bewirtschaftete Gräben zuzuschütten. Andererseits sind unterschiedliche Akzentuierungen offensichtlich und als Bereicherungen erkannt worden. Zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und dem Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund ist ein tragfähiges Beziehungsnetz entstanden. Das eröffnet die Perspektive, auch in Zukunft voneinander zu lernen. In Deutschland vielleicht, dass es sich manchmal lohnt, über den allgegenwärtigen Luther hinauszublicken, und in der Schweiz, dass es der Kirche gut tut, wenn jemand den Mut fasst, auf die Leiter zu steigen und den Kopf über andere hinaus zu strecken.

Dass sich dennoch zum Ende der Reformationsdekade bei den Beteiligten eine gewisse Ermattung einstellt, war angesichts des Veranstaltungsmarathons unvermeidbar. Doch überwiegt die Ermutigung, sich ambitionierte Ziele und auch auf Marketingstrategien zu setzen, um die komplexeren Botschaften dahinter entfalten zu können. Um in der medialen Öffentlichkeit gehört zu werden, ist eine gewisse Lautstärke nötig. Das haben die Schweizer von den Deutschen gelernt. Gerade rechtzeitig, denn Zwingli bleibt auf der Leiter. Die Feierlichkeiten zum Jubiläum seiner Reformation haben eben erst begonnen.

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Felix Reich

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