Fragen über Fragen

Annäherungen an ein vielgestaltiges Jubiläum
Kunstinstallation mit Booten im Wittenberger Schwanenteich. Foto: Andreas Schoelzel
Kurz vor dem 31. Oktober 2017, dem „wirklichen Jubiläum“, gibt es viele Versuche einer Gesamtdeutung der zahlreichen kirchlichen, staatlichen und zivilgesellschaftlichen Aktivitäten zu „500 Jahre Reformation“. Christoph Markschies, Professor für Kirchengeschichte in Berlin, zieht eine erste Bilanz. Der Vorsitzende der Kammer für Theologie der EKD warnt vor übereilten Schlussfolgerungen und fordert eine gründliche Auswertung.

Aufbruch oder Katerstimmung? Wenn man sich mit Menschen unterhält, die sich nur im mindesten für Reformation und das Reformationsjubiläum 2017 interessieren, hört man meist sofort eine klare Position zur Frage, was dieses Reformationsjubiläum gebracht hat. Die meisten Menschen wissen sehr genau, ob das Jubiläum, das durch eine Dekade von Themenjahren seit dem 21. September 2008 vorbereitet wurde und vom 31. Oktober 2016 bis zum 31. Oktober 2017 als fünfhundertjähriges Jubiläum des Thesenanschlags gefeiert wurde, als Erfolg oder als Flop zu werten ist. Zwischentöne sind selten zu hören. Die einen heben aus der Fülle der Veranstaltungen Gelungenes hervor und betonen den Bildungswert der vielen Aktivitäten, die anderen kritisieren Misslungenes und beklagen das viele unnötig eingesetzte Geld.

Auch das mediale Echo folgt eher dem Modell klarer Wertungen: „Luther ist die Pleite des Jahres“ titelte eine Zeitung, „Luther-Jahr: Die Kunstausstellungen machen das Rennen“ eine andere. Während sich die einen über kluge Grußworte theologisch hoch gebildeter evangelischer und katholischer Spitzenpolitiker freuen, sehen andere darin und in anderen staatlichen Beteiligungen am Jubiläum eine unzulässige Verquickung von Staat und Kirche, die sie an längst vergangene Zeiten eines hoch problematischen Bündnisses von Thron und Altar erinnert. Manche wiederum beklagen den Kommerz samt unvermeidlichen Geschmacklosigkeiten und regen sich über Lutherfiguren eines Nürnberger Spielzeugwarenherstellers auf, andere verweisen dagegen auf den Humor eben dieses Reformators und könnten sich sogar noch mehr Merchandising-Artikel als nur Lutherbier, Luthersocken und Lutherquietsche-Entchen vorstellen.

Jedenfalls freuen sich längst nicht alle darüber, dass ausgerechnet eine Figur mit einer Bibel in der Hand das bislang erfolgreichste Produkt des Herstellers ist und millionenfach verkauft oder verschenkt wurde (und nicht die gleichfalls angebotenen Raubritter, Feuerwehrleute oder Indianer). Das böse Stichwort von der „Selbstbanalisierung“ der Evangelischen Kirche ist im Raum, obwohl schon im neunzehnten Jahrhundert massenhaft verkleinerte Standbilder Luthers die Schreibtische der Pfarrer und Gelehrten zierten, beispielsweise auch den des großen Berliner Kirchenhistorikers Adolf von Harnack (1851–1930). Was die einen als „Selbstbanalisierung“ beklagen und als Teil von „Selbstsäkularisierung“ kritisieren, erscheint anderen als gelungene, auf bestimmte Zielgruppen hin orientierte Erzeugung von Aufmerksamkeit für ein in der bundesrepublikanischen Gesellschaft längst nicht mehr selbstverständliches Thema. Aber wie groß ist die Aufmerksamkeit, die geweckt wurde? Und wie gut wurden die Zielgruppen angesprochen? Darüber wird seit Jahren schon fröhlich gestritten.

Komplexe theologische Botschaft

Hinter den aufgeregten Debatten um die Bewertung von zehn Jahren Aktivitäten stehen allerdings wichtige Fragen, die auch nach dem Ende der Feierlichkeiten von Bedeutung sein werden: Wie viel Kommerz verträgt ein Jubiläum einer religiösen Aufbruchsbewegung? Wieviel staatliches Engagement ist bei einer kirchlichen Feier erlaubt? Wie stark darf eine komplexe theologische Botschaft vereinfacht werden, wenn sie öffentlichkeitstauglich kommuniziert werden soll? In welchem Umfang braucht das kulturelle Gedächtnis die subtilen Dekonstruktionen der Geschichtswissenschaft? Und vor allem: Was bleibt von allen Feierlichkeiten für die kommenden Jahre übrig?

Alle Debatten um das Reformationsjubiläum haben sich schon ganz früh in den Kontroversen um die verschiedenen Logos, mit denen das Jubiläum als Ganzes und einzelne Aktivitäten beworben wurden, angedeutet. Diese Debatten haben sich immer wieder an Kontroversen um Logos und einzelne Merchandising-Artikel (wie beispielsweise dem Playmobil-Luther) verdichtet. Als 2016 in einem der vielen wissenschaftlichen Beiräte des Jubiläumsjahres vor Museums- und Universitätsleuten die Werbemaßnahmen für die drei großen nationalen Sonderausstellungen in Berlin, auf der Wartburg und in Wittenberg unter dem Motto „3 x Hammer: Die volle Wucht der Reformation“ vorgestellt wurden – die Kampagne erhielt übrigens mehrere Design-Preise –, brach aus einem prominenten Reformationshistoriker die lang angestaute Enttäuschung in scharfen Worten heraus: Schon wieder die alte Leier mit dem hammerschwingenden Luther als Ikone eines nationalen Protestantismus! Man spürte unter seiner Polemik die Enttäuschung, dass alle fachhis-torische Arbeit subtiler Differenzierung sich so wenig in der Hammer-Kampagne der Design-Agentur zu spiegeln schien.

Nichts war in der Graphik mit drei Hämmern – die einstige DDR-Bürgerinnen und Bürger sofort an das entsprechende Werkzeug ihres ehemaligen Staatswappens erinnern – von der historischen Erkenntnis zu erkennen, dass Thesen im Spätmittelalter niemals mit Hammer und Nagel angeschlagen wurden. Dabei hatte schon 1966 Der Spiegel getitelt: „Luthers Thesen – Reformator ohne Hammer“. Nichts war zu bemerken von der schon zum Jubiläum 1967 ausführlich diskutierten historiographischen Unsicherheit, ob der Anschlag der Thesen von 1517 überhaupt so stattfand, wie er seit dem sechzehnten Jahrhundert erinnert wurde. Kritiker des Emblems „3 x Hammer“ behaupteten in den folgenden Wochen und Monaten, dass Luther gerade in kirchlichen Kreisen immer noch als hammerschwingender Nationalheros dargestellt werde und das Jubiläum neue, der historischen Wahrheit eher entsprechende Bilder leider nicht produziert habe.

Die im erwähnten Beirat bei der ersten Vorstellung des Logos anwesenden Fachleute verwiesen allerdings auf den für zeitgenössische Werbung eher typischen, leicht ironischen Unterton („Nett hier, aber waren Sie schon einmal in Baden-Württemberg?“), der auch das Logo „3 x Hammer“ prägt, und so wurde das Logo trotz des scharf artikulierten Widerspruchs fast ein ganzes Jahr lang verwendet. Vielleicht ist ja mindestens die Ahnung, dass Hammer und Nagel das reformatorische Wirken Luthers nicht wirklich zu charakterisieren vermögen, weiter verbreitet, als besorgte Kirchenhistoriker ahnen. Und vermutlich muss man nicht einmal zu den letzten Resten des klassischen Bildungsbürgertums gehören, um eine gewisse Ironie beim Betrachten der Kampagne und ihrer drei Baumarkt-Hämmer zu spüren. Für eine solche Interpretation der Kampagne spricht, wie deutlich der hammerschwingende Luther in den vergangenen Jahren zum Gegenstand von Witzen und Karikaturen geworden ist, die über die social media eine weite Verbreitung gefunden haben.

Nochmals: Wie viel Ironie erträgt der heilige Ernst in einer Kirche? Wie viel Kommerz verträgt ein Jubiläum einer religiösen Aufbruchsbewegung mit eminent wirtschaftskritischen Untertönen? Wie viel staatliches Engagement ist bei einer kirchlichen Feier zur Erinnerung an eine präzise Theorie der Unterscheidung von Kirche und Staat erlaubt? Wieweit darf eine komplexe theologische Botschaft vereinfacht werden, um öffentlichkeitstauglich kommuniziert zu werden, wenn sie einmal in Form einer theologischen Bildungsbewegung auftrat? In welchem Umfang braucht das kulturelle Gedächtnis die subtilen Dekonstruktionen der Geschichtswissenschaft, wenn ein ganzes Land sehr schlechte Erfahrungen mit Geschichtsmythen gemacht hat? Und: Was bleibt von so vielen Gottesdiensten, Papieren, Tagungen, Ausstellungen, Konzerten, Opern- und Theateraufführungen, Exkursionen und baulichen Maßnahmen für die Kirchen und die Gesellschaft nach 2017?

Über solche Fragen kann man trefflich streiten. Abschließende Antworten sind allerdings gegenwärtig kaum möglich: Für eine gründliche Bilanz des Reformationsjubiläums ist es noch viel zu früh. Als diese Zeilen im Spätsommer 2017 geschrieben wurde, fanden noch landauf landab Veranstaltungen statt und eine Weltausstellung in Wittenberg dazu. Gerade weil die Bewertungen des Jubiläums oft disparat ausfallen und auch die Kommentare in den Medien zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kamen, müsste eine einigermaßen solide Auswertung des Jubiläumsjahres 2016/2017 oder gar der ganzen Reformationsdekade 2008 bis 2017 in gewisser Distanz vorgenommen werden. Dazu müsste zunächst ein möglichst breites Bild von Aktivitäten erstellt werden und dann mit den üblichen sozialwissenschaftlichen Methoden erhoben werden, welche Wirkungen diese verschiedensten Aktivitäten gehabt haben. Entsprechende Auswertungen liegen beispielsweise für die Wissenschaftsjahre des Bundesministeriums für Bildung und Forschung vor – und so wissen nun alle Beteiligten, dass die Wirkungen beispielsweise eines Wissenschaftsjahres der Physik sich nicht in den korrekten Antworten auf die repräsentative Umfrage nach Abschluss dieses Jahres erschöpfen, welchen präzisen Eindruck der Befragte nun von der Relativitätstheorie hat. So, wie vermutlich mehr Menschen nach den Reformationsfeierlichkeiten Ende Oktober 2017 etwas mit Luther verbinden werden, aber nicht präzise darüber Auskunft geben können, was für ihn Rechtfertigung allein aus Gnaden bedeutete, wussten nach dem auf Albert Einstein enggeführten Jahr der Physik im Jahre 2005 bestimmt mehr Menschen Anekdoten über Einstein zu erzählen als präzise den Inhalt der Relativitätstheorie wiedergeben konnten.

Gegenwartsorientierte Kraft

Eine der Kontroversen aus den vergangenen Jahren ist für die Zukunft von erheblicher Bedeutung: Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren seit 2008 von den einen die gegenwartsorientierende Kraft der Reformationen des sechzehnten Jahrhunderts beschworen, während die anderen auf die Abständigkeit und Fremdheit der damaligen Einsichten und Weltwahrnehmungen hingewiesen haben. Der Göttinger Reformationshistoriker Thomas Kaufmann formulierte seine Kritik an einer vorschnellen Identifikation gegenwartsrelevanter Elemente reformatorischer Theologie pointiert: „Luther wird von Theologen und Repräsentanten der evangelischen Kirchen immer noch völlig unhistorisch als Mensch behandelt, der für heutige Herausforderungen verbindliche theologische Lösungen anzubieten hat, der immer irgendwie schlauer ist als wir und immer das letzte Wort hat. Ich möchte mit Luthers Texten dagegen so umgehen, dass ich sie in ihrer Zeit verorte.“

Gegen Ende des Jubiläums bleibt, wenn man solche Einwände ernst nehmen will, vor allem die Frage zu beantworten: Lässt sich mit Einsichten des sechzehnten Jahrhunderts im einundzwanzigsten noch christliche Kirche gestalten und wenn ja, wie? Wird man vielleicht doch klüger, wenn man sich in rechter Weise an eine theologische und kirchliche Aufbruchsbewegung der frühen Neuzeit erinnert? Bertolt Brecht war ja der Ansicht, dass gerade die Verfremdung historischer Stoffe auf einer Bühne es den Menschen im Zuschauerraum ermögliche, in kritischer Distanz etwas zu lernen und sich außerhalb des Theaters anders zu verhalten als vorher. Insofern müssen sich gründliche historische Analyse und der Versuch, Konsequenzen für die Zukunft zu ziehen, ja gar nicht ausschließen.

Ich vertrete die These, dass beide Eindrücke über die reformatorischen Bewegungen des sechzehnten Jahrhunderts zutreffen – Luther und andere Reformatoren sind uns fern und nahe zugleich –, aber in einer ganz bestimmten, noch zu explizierenden Weise. Wenn man präzise zwischen solcher Fremdheit und Nähe differenziert bei einer Antwort auf die Frage, wie genau Einsichten des Reformationsjubiläums über die Reformation in den nächsten Jahren fruchtbar gemacht werden können, dann vermeidet man ein vorschnelles Votum entweder für einen radikalen Umbau evangelischer Kirche und Theologie oder für ein schlichtes Festhalten an dem, was sich einmal bewährt hat. Man kann auf diese Weise aber konkrete Ideen für das Handeln in den nächsten Jahren gewinnen.

Der Text ist ein Auszug aus dem Buch „Aufbruch oder Katerstimmung? Zur Lage nach dem Reformationsjubiläum“ von Christoph Markschies, das am 13. Oktober im Kreuz-Verlag, Hamburg erscheint. Es hat 128 Seiten und kostet 15,– Euro.

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Christoph Markschies

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