Gründlich

Romanbiographie über Hesse
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In diesem Roman geht es um die Desillusion, das Scheitern einer Ehe, in der zwei Menschen, die wenig zueinander passen, an ihrer Einsamkeit ersticken.

Darf man Thomas Lang glauben, sind es nicht nur die Träume, die den Schriftsteller Hermann Hesse plagen, sondern es ist auch die Realität. Hatte Hesse sie sich doch ganz anders vorgestellt, die familiäre Häuslichkeit, das alternative Leben in Gaienhofen, fern der Zivilisation. Lang hat lange und gründlich recherchiert und beleuchtet sozusagen einen weißen Fleck in der Hesse-Biographie: die wenig erforschten ersten Ehejahre mit Maria Bertouilli, genannt Mia, in der Zeit von 1904 bis 1919.

In diesem Roman geht es um die Desillusion, das Scheitern einer Ehe, in der zwei Menschen, die wenig zueinander passen, an ihrer Einsamkeit ersticken. Mia, neun Jahre älter als Hesse, eine emanzipierte Frau, fühlt sich mit den drei rasch hintereinander geborenen Söhnen, all den Widrigkeiten des Lebens fern der Zivilisation und vor allem von einem egomanen Mann überfordert. Mia entzieht sich abends mit Klavierspiel, Hesse physisch, indem er auf Lesungen und Reisen geht. Wochenlang kurt er im Tessin, wobei ihm das Hotel nicht behagt und er sich, dem Zeitgeist entsprechend, von der Reformbewegung auf den legendären Monte Verità locken lässt. Sein kritischer Verstand hat bald gesiegt und die vegane Kost hilft ihm nicht wirklich weiter. Allerdings hat er sein Alkoholproblem in den Griff bekommen.

Doch Lang schreibt auch von dem ewig zweifelnden, suchenden Hesse, dem, überrannt vom Erfolg seiner ersten Romane Unterm Rad und Peter Camenzind sein Ruhm schal scheint. Weite Passagen des Romans ranken sich um die Psychoanalyse, Hesses Zeit der Therapie und seine Neurosen. Dabei scheint Lang häufig vom Sprachstil Hesses infiziert, schreibt etwas blumig und antiquiert, selbst dann, wenn er Hesse beim Sex mit Mia beobachtet, wobei sich hier dem Leser die Frage aufdrängen mag: Will ich das wirklich wissen, und bringt mich das Hesse näher?

Nun hat ja jeder seine eigene Interpretation von Hesse im Kopf, freilich besteht bei Roman-Biographien immer der Abgleich mit der Realität, wo endet die literarische, wo beginnt die reale Figur? Thomas Lang, Bachmannpreisträger 2005, bekam Einblicke in das Editionsarchiv, unzählige Briefe und konnte mit Menschen sprechen, die Hesse noch kannten. Insofern darf der Roman durchaus den Anspruch erheben, nah an der Wirklichkeit zu liegen.

Angelika Hornig

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