Betörend

Neuer Ethikentwurf
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Das Buch wimmelt nur so von überaus anregenden und höchst überraschenden Miniaturen. Eine echte Fundgrube!

Entweder – oder“ ist die klare Alternative in der Bewertung dieses neuesten deutschsprachigen evangelischen Ethikentwurfs: Entweder lässt man sich auf die Voraussetzung des Autors ein, und sei es probehalber, oder man scheitert ziemlich kläglich. Die Voraussetzung lautet: Hinter vielen ethischen Problemen, die in der ethischen Tradition der Neuzeit und Moderne, vor allem im Protestantismus, mit Schuldfragen assoziiert werden, verdecken sich Schamerfahrungen. Eine Ethik, die Scham und ihr positives Gegenüber, die Ehre, in den Mittelpunkt stellt – das will Huizing zeigen –, wird nicht mehr als forensische Theorie fungieren, die einen Täter seiner Schuld überführt. Vielmehr wird es ihr darum gehen, Menschen zu ermutigen, das in ihnen schlummernde Veränderungspotenzial präventiv wahrzunehmen und, affektiv gestärkt, umzusetzen. Huizing will somit zum einen mit der von ihm als freiheitsschwächend wahrgenommenen, langen Schuld- und Sündentradition der evangelischen Ethik brechen. Zum anderen setzt Huizing auf Erschließungsnarrative und -konstellationen in biblischer wie moderner Literatur und bildender Kunst.

Damit dieses vom Anspruch her ambitionierte und von der Begründungs-tiefe bescheiden argumentierende Unterfangen gelingt, muss zunächst scharf zwischen Scham- und Schulderfahrungen und -diskursen unterschieden werden. Huizing tut dies mit folgenden Charakteristika: Scham ist seines Erachtens ein „atmosphärisch affektiv-leiblich betroffen machendes Gefühl, verdichtet ... im Antlitz des Anderen“. In dessen Imperativ „Schäm Dich!“ will Huizing – emphatisch formuliert – die Urszene der Ethik finden. Während man sich in der auf Vergeltung oder Vergebung setzenden Schuld behaglich einrichten könne, sei es die Scham, die einem nicht nur die Röte ins Gesicht treibe, sondern die die eigentliche Selbstkritik, Sprachfähigkeit und Charakterformung hervorbringe. Zwar verständlich, aber dennoch ethisch destruktiv sei es daher, dass der Mensch immer wieder versuche, Scham in Schuld zu verwandeln. Mit dieser Bewegung entstehe vielfach eine ablenkende, gegen andere gerichtete Gewaltdynamik. Diese gelte es mit Rückbesinnung auf die Scham aufzubrechen. Dabei leugnet Huizing keineswegs, dass auch Schamsituationen von Macht und Gewalt durchzogen sind. Den Umschlagpunkt zwischen akzeptabler und gewaltsamer Beschämung erkennt Huizing dort, wenn Schamerfahrungen nicht mehr zur – er meint wohl produktiven – „Konstitution der Person“ und zur „Bildung von Freiheit“ beitragen.

Mit einem noch zusätzlich verfeinerten Differenzierungsinstrumentarium zur Scham im Gepäck wendet sich Huizing fast dem gesamten Spektrum ethischer Anwendungsfragen zu. Wirtschaft, Medien, Technik, sexuelle Orientierung und Lebensformen, Körper- und Psychopolitik, das Verhältnis zu Tieren, Pflanzen und zur nicht belebten Umwelt, Recht und Politik werden alle nach dem Schema bearbeitet: Wo kommt es in den jeweiligen Sphären zur destruktiven Verschiebung von Scham in Schuld? Wie kann demgegenüber ein neuer Umgang mit Scham entdeckt werden? Welche „weisheitlichen Konsequenzen“ sind daraus zu ziehen? Und wo zeigen sich vor dem Hintergrund dieser Neuausrichtung der Ethik überraschenderweise Mut machende Phänomene?

Zum Teil verblüffende Neuinterpretationen gewinnt Huizing durch diesen monistischen Zugang über die Scham: Der Abgasskandal bei VW wird als Schamspirale einer Führungskrise gedeutet. Entgegen einer alarmistischen Medienethik singt Huizing ein Lob auf Medienträger, die „per Knopfdruck“ entschämende Verzauberung, Sensibilisierung und Unterbrechung ermöglichten. Allen theologischen Ansätzen zur Sinngewinnung aus Krankheit und Leid erteilt er eine klare Absage und weist auf Strukturanalogien zwischen Enhancement und religiös motivierten Heiligungsversuchen hin. Und, und, und ...

Das Buch wimmelt nur so von überaus anregenden und höchst überraschenden Miniaturen. Eine echte Fundgrube! Genau in dieser Stärke liegt vielleicht auch die Schwäche des Entwurfes. Huizing scheint so begeistert von seiner Verschiebung ethischer Reflexion von Schuld- in Schamkategorien, dass alles, sprich: zu viel, über diesen Kamm geschoren wird.

So ungemein aufschlussreich diese vielfach revolutionäre Blickwende ist, so sehr muss ihre Voraussetzung hinterfragt werden: Ethik geht weder in Scham- noch in Schuldkategorien auf, sondern fragt – jenseits von Schuld und Scham – nach der Berechtigung von Normen, Werten, Schuld und Scham. Wenn sich nach den üblichen Kategorien der Ethik eine Norm oder ein Wert nicht rechtfertigen lässt, ist die Frage ihrer/seiner Scham- oder Schuldverortung sekundär. Dennoch hilft Huizings Blickwechsel ungemein, die Aufregung vieler moralischer Debatten besser zu verstehen und oft mit gewinnenden Deutungen biblischer Texte auch Alternativmodelle der Lebensgestaltung zu entwickeln.

„Entweder – oder“: Ich lasse mich – versuchsweise und selbstkritisch – auf Huizings spannendes Deutungsangebot ein und bin dankbar für einen inhaltlich höchst anregenden, mit manchmal fast betörenden Sprachbildern gespickten und wunderbar flüssig zu lesenden Ethik-entwurf.

Peter Dabrock

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