Aus der Haut

Georg Diez wütet über Luther
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Diez hat in seinem Essay ein wichtiges Gefühl thematisiert: die Wut. Weil er sich stilistisch von diesem Gefühl hat leiten lassen, hat der Text erstaunliche Hitzegrade.

Mann, ist der Mann wütend! In einer Mischung aus Stéphane Hessels Empörung und Emmanuel Carrères Das Reich Gottes zieht Georg Diez, der vor einigen Jahren durch ein zärtlich-verzweifeltes Buch über seine an Krebs sterbende Mutter Aufsehen erregte, eine vernichtende Bilanz über Luther und das Christentum. Er, Spross einer Dynastie von lutherischen Pfarrern, tritt aus der Kirche aus, macht es sich aber nicht einfach, liest noch einmal die ganze Bibel, Grundtexte von Luther und die in einem Privatdruck erschienenen Predigten seines Vaters. Aber vor allem die ersten beiden Lektüren machen ihn wütend. Im Hallo-Wach-Stil wird der Isenheimer Altar als „Schmerzensporno“ gedeutet, Luthers „An den christlichen Adel deutscher Nation“ als Rap wahrgenommen. Überhaupt ist Luther für Diez ein Wutbürger avant la lettre, die jüdisch-christliche Religion der Strafen lese sich „wie ein surrealer Folterroman“, das Buch Ester ist für Diez ein Ehe-Thriller, das Buch Hiob ein metaphysischer Freundschaftstest und die Pharisäer bilden eine „Art Camorra“. Einiges im Wut-Rap ist richtig beobachtet: die angstgeleitete Weltsicht Luthers, seine Sündenverbiesterung, die Übersteigerung des Leidens, der Furor des Schreckens in vielen biblischen Texten. Zwar entdeckt Diez im Buch Kohelet einen anderen Geist und ästhetische Finesse, kann aber keine intime Beziehung zu den anderen Texten herstellen.

Etwa in der Mitte des Essays stellt Diez die spannenden Fragen: Wie also kommt die Gewalt in die Welt? Was ist die Rolle Gottes? Was ist die Stärke des Menschen? Was mich als Leser allerdings zornig macht, ist die Ignoranz, mit der die Fragen behandelt werden. Nirgendwo im Essay wird an die auch im Feuilleton (Diez ist Autor mehrerer überregionaler Zeitungen) sehr ausführlich besprochene Lesart von Jan Assmann erinnert, die Frage der Gewalt in den biblischen Geschichten hänge ursächlich mit der Durchsetzung des Monotheismus zusammen: „Die Sprache der Gewalt gehört in die revolutionäre Rhetorik der Konversion, der radikalen Wende und Abkehr, des kulturellen Sprungs aus dem Alten ins Neue. [.] Das semantische Dynamit, das in den heiligen Texten der monotheistischen Religion steckt, zündet in den Händen nicht der Gläubigen, sondern der Eiferer, der Fundamentalisten, denen es um politische Macht geht und die sich der religiösen Gewaltmotive bedienen, um die Massen hinter sich zu bringen. Die Sprache der Gewalt wird als eine Ressource im politischen Machtkampf missbraucht, um Feindbilder aufzubauen und Angst und Bedrohungsbewusstsein zu schüren. Daher kommt es darauf an, diese Motive zu historisieren, indem man sie auf ihre Ursprungsdimension zurückführt. Es gilt ihre Genese aufzudecken, um sie in ihrer Geltung einzuschränken.“ So Assmann. Leider verwendet auch Luther diese Sprache als Ressource für seine Konversionsgeschichte. Allerdings hat die akademische Theologie die Historisierung dieser biblischen Partien nicht zuletzt im Gespräch mit Assmann längst vollzogen.

Diez spricht apodiktisch mehrfach davon, Gott und die Religion seien eine Erfindung. Das ist vor dem Hintergrund der philosophischen Denkschulen etwa von Dieter Henrich und von Volker Gerhardt ziemlich burschikos, weil beide, auch wenn sie sich nicht, wie auch viele Theologen, für ein traditionell-theistisches Gottesbild erwärmen können, doch die Religion oder die Metaphysik für die nötige Selbstdistanzierung und Sinneinsicht auszeichnen. Hier käme auch der von Diez bevorzugte Kontingenzbegriff ins Spiel, um einen Neuanfang denken zu können, den Diez mit Hessel in einigen Bewegungen wie der Occupy-Bewegung ausgemacht hat.

Unsicher bleibt Diez während des ganzen Essays in der Verwendung von Wut und Zorn, obwohl die Anatomie dieser Gefühle in den vergangenenen Jahren innerhalb der Wissenskommunität sehr deutlich unterschieden wurde: Zorn bearbeitet die personale Verletzung des Ehrgefühls, Wut bezieht sich eher auf die eigene Ohnmacht angesichts der (globalen) Verhältnisse. Sind wir Kinder des Zorns oder Wutbürger? Oder beides?

Wenn Diez über seinen Vater redet, wird die Wut gedämpft, kippt in ein fast sprachloses Erstaunen, wie es dem Vater gelang eine ganz neue Gemeinde in einem Randgebiet von München aufzubauen und in der Institution zu einer Institution, zum Pfarrer Diez zu werden. Ich hätte gerne eine der Predigten gelesen, um diesem Vater näher zu kommen, der doch immerhin einen Neuanfang macht. Diez hat in seinem personal essay ein wichtiges Gefühl thematisiert: die Wut. Weil er sich stilistisch von diesem Gefühl hat leiten lassen, hat der Text erstaunliche Hitzegrade, leistet aber genau das nicht, was er lautstark fordert: Aufklärung.

Klaas Huizing

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Klaas Huizing

Klaas Huizing ist Professor für Systematische Theologie an der Universität Würzburg und Autor zahlreicher Romane und theologischer Bücher. Zudem ist er beratender Mitarbeiter der zeitzeichen-Redaktion.


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