Weg vom eigenen Kirchturm

Erfahrungen einer Kirchengemeinde im Engagement für die Dörfer
Jugendliche und Senioren im „Internet für Späteinsteiger“. Foto: Ralf Kötter
Jugendliche und Senioren im „Internet für Späteinsteiger“. Foto: Ralf Kötter
Seit einigen Jahren machen sich viele Landgemeinden auf den Weg. Sie versuchen, sich stärker der ländlichen Gemeinschaft zu öffnen. Ralf Kötter war lange Zeit Pfarrer der Lukas-Kirchengemeinde im Eder- und Elsofftal in Nordrhein-Westfalen. Er beschreibt eine Gemeinde im Aufbruch.

Seit zwanzig Jahren entwickeln bis zu sieben Dörfer an der Peripherie der westfälischen Landeskirche das Konzept einer „leidenschaftlichen Kirche in der Mitte der Gesellschaft“. Die Lukas-Kirchengemeinde im Eder- und Elsofftal nahe Bad Berleburg wandert wieder in den Alltag ein. 2?500 Menschen auf 60 Quadratkilometern wachsen nach und nach zusammen - ermutigt durch überwältigende Erfahrungen, die Konfirmandeneltern in einer Zeitungsannonce mit dem Satz kommentieren, sie seien stolz darauf, den Aufbruch in eine neue Zeit mitzuerleben. Was hat diese Begeisterung ausgelöst?

Die Lukas-Kirchengemeinde ist aus drei selbstständigen Kirchengemeinden hervorgegangen. Traditionelle Kreise wie Frauenhilfen und Kirchenchor sicherten deren Existenz. Zwei Pfarrer und eine Pfarrerin waren für die Versorgung der Vereinskirchen zuständig und hielten sonntags flächendeckende Gottesdienste. Quantität ging vor Qualität. Ins Presbyterium wurden ausschließlich Menschen aus der Gottesdienstkerngemeinde berufen. Wahlen waren nicht erwünscht, die traditionelle Haltung des Presbyteriums wurde durch interne Absprachen konserviert. Geburtstagsbesuche des „eigenen“ Pfarrers wurden selbstverständlich erwartet. Gewohnheiten mutierten zu Besitzansprüchen. Kasualien gehörten immer noch zum verlässlichen Brauchtum, man identifizierte sich aber kaum noch als Kirchenmitglied, sondern eher über die örtlichen Vereine als Fußballer, Chorsängerin, Schützenbruder oder Landfrau.

Mitte der Neunzigerjahre brachen Brauchtumssystem und gesellschaftlicher Rahmen endgültig auseinander. Kreise schrumpften, überforderte Ehrenamtliche warfen frustriert die Brocken hin. Der pastorale Dienst erschöpfte sich in einer palliativtheologischen Betreuung des sterbenden Vereinskirchentums: Symptome wie das stete Schrumpfen wurden mit aller Kraft gelindert, über Ursachen kirchlicher Fehlentwicklungen das Pallium des Schweigens gedeckt. Die Zahl der Gottesdienstbesuchenden brach ein. Die Konfirmandenarbeit kollidierte mit der Einführung der Ganztagsschule. Seelsorge wurde immer weniger in Anspruch genommen, Therapeutinnen und Therapeuten bevorzugt.

Pfarrer für das Schützenfest

Pfarrerinnen und Pfarrer sollten das Schützenfest eröffnen und dafür andere Pflichten konsequent zurückstellen - eine inhaltliche Bedeutung für das Leben im Dorf hatten sie kaum mehr. Finanzielle Einbrüche ließen aggressive Fronten entstehen: Kirchengemeinden und Dorfgemeinschaften stritten zunehmend miteinander. Explodierende Betriebsausgaben stellten historische Kapellen in den Dörfern zur Disposition. Die Streichung von Pfarrstellen brachte das Fass zum Überlaufen. Presbyterien waren es leid, als Prügelknaben zu dienen, und zogen den Kopf aus der Schlinge, indem sie die Verantwortung delegierten. Kirchenkreis und Landeskirche gerieten unter Generalverdacht: „Die da oben wollen die Kirche im Dorf zerstören.“

In dieser Ressourcen- und Relevanzkrise des ausgehenden 20. Jahrhunderts fehlte der Kirche im ländlichen Raum ein verbindliches Leitbild. Binnenorientiert und betriebsblind linderte man Symptome, statt Ursachen zu kurieren. Selbstreflexive Handlungsziele sollten Abhilfe schaffen: Kirchenaustritte verringern, neue Begeisterung für den Gottesdienst wecken - obwohl doch die Wirksamkeit der Heiligen Geistkraft nicht durch kirchliche Strategien domestiziert werden kann. Schließlich trösteten sich viele mit der Verheißung der Gegenwart Jesu, wo auch nur zwei oder drei in seinem Namen versammelt seien - wohl wissend, dass damit keine verzagten Nullrunden sanktioniert werden, sondern der erste Schritt des Aufbruchs in eine verheißungsvolle Vielfalt.

In dieser Orientierungslosigkeit machten sich zwei der drei Presbyterien auf den gemeinsamen Weg. Im regelmäßigen Austausch wurden Leitlinien entwickelt, um Wesen und Auftrag der Kirche unter veränderten Rahmenbedingungen zu verstehen. Pfarrerin und Pfarrer standen in der Pflicht: Ihre theologische Kernkompetenz war auf der Suche nach dem neuen Leitbild besonders gefragt. Gerade in Zeiten des Umbruchs kann sich der Pfarrdienst dieser Verantwortung nicht entziehen, auch wenn Konflikte kaum zu vermeiden sind. Und genau diese theologische Grundierung hat dem Aufbruch im Eder- und Elsofftal ein eigenes Gesicht verliehen: Wir haben den Wandel nicht betriebswirtschaftlich als notwendiges Übel vermittelt, als ob uns keine andere Wahl bliebe. Vielmehr haben wir uns ganz bewusst auf unsere theologischen Kompetenzen berufen, in Gemeindeversammlungen, Predigten, Vorträgen, Gemeindebriefartikeln und alltäglicher Kommunikation inhaltliche Überzeugungsarbeit geleistet und für den Aufbruch voller Gottvertrauen und Leidenschaft geworben. Reformatorische Ekklesiologie, die Ethik Dietrich Bonhoeffers oder die Visionen Ernst Langes waren uns Inspiration. Das leidenschaftliche Gottesbild im Alten und Neuen Testament hat uns die Richtung gewiesen. Die inkarnatorische Theologie des Evangelisten Lukas verlieh der neuen Kirchengemeinde schließlich ihren programmatischen Namen - aus drei Dorfkirchengemeinden wurde eine diakonische Profil-Gemeinde: „Evangelische Lukas-Kirchengemeinde im Eder- und Elsofftal“.

In dieser Transformation konnten wir Isolation und Konkurrenz überwinden. Zugleich stießen wir unmittelbar auf kompetente Weggefährten. Das Diakonische Werk war gesprächsbereit, weil wir als Kirchengemeinde professioneller diakonischer Arbeit wieder ein Gesicht vor Ort verleihen konnten. 2004 entstand das „Gemeindeschwester-Modell“, mit dem die Kirchengemeinde bis heute ambulante diakonische Arbeit organisiert und koordiniert. Nur kurze Zeit später beteiligte sich der Landkreis Siegen-Wittgenstein und finanzierte das subsidiäre Partizipationsmodell für den gesamten Altkreis Wittgenstein.

Heimische Unternehmen wurden angesprochen. Zu deren Verwunderung bettelten wir nicht um wohltätige Spenden, sondern boten unsere Hilfe an, um unternehmerische Herausforderungen gemeinsam zu bewältigen - Integration in einem völlig fremden Milieu! Die Abwanderung junger Menschen wurde thematisiert, ebenso wie die Überalterung der Gesellschaft, der wachsende Pflegebedarf und das Aussterben der generationenübergreifenden Großfamilie. Gerade in diesen Fragen avancierte unsere Kirchengemeinde mit ihrer intergenerativen und korporativen Sozialkompetenz zur geschätzten Kooperationspartnerin. Eine stationäre Tagesbetreuung für Menschen mit demenziellen Symptomen bot Seniorinnen und Senioren ein Stück Lebensqualität, pflegenden Angehörigen eine verlässliche Entlastung. Die Pflegekassen sorgten für eine kostenneutrale Finanzierung. Für die Schule organisierten wir eine Übermittagbetreuung, die den Schulstandort sicherte, Familien entlastete, individuelle Förderung ermöglichte und integrative Impulse setzte. In Kooperation mit der Stadt Bad Berleburg konnten wir über den Regionalen-Prozess eine sechsstellige Summe für den Ausbau unseres Gemeindehauses generieren. Damit ging eine Konzentration der Arbeit einher, ohne dezentrale Präsenz aufzugeben. Mit der Unterstützung der heimischen Wirtschaft und der örtlichen Vereine wurde ein kostenfreies Bussystem installiert, da es in unserem Bereich an einem gut ausgebauten öffentlichen Nahverkehr mangelte. Der Paradigmenwechsel europäischer Förderkulissen von der Versorgung zur Partizipation ermöglichte die Finanzierung von professionellen Sozialraumanalysen durch ein Institut für Regionalmanagement. Akademische Lehrstühle rund um das Thema „Daseinsvorsorge“ wurden auf das Experiment aufmerksam. Eine kleine Turnhalle im Neubau des Gemeindehauses wurde über das Fraunhofer-Institut mit einem völlig neuartigen „Sensefloor“ ausgestattet, ein Bodenbelag, der das Sturzrisiko älterer Menschen berechnet. Ein heimisches Schaumstoffwerk spendete den aufwändigen Oberboden, weil es sich durch dieses Modellprojekt zum bundesweiten Marktführer entwickeln konnte. Dorfgemeinschaften richteten einen Dorfladen ein, beraten durch die Universität Siegen, finanziell unterstützt durch das Leader-Programm des Landes Nordrhein-Westfalen.

Wohin wir uns auch bewegten: Alle Türen standen weit offen, und die Kirchengemeinde avancierte zur Koordinatorin eines Clusters, das am Ende nicht nur eine Summe ihrer Einzelkompetenzen hervorbringt, sondern das emergente Produkt einer Multiplikation.

In diesem Aufbruch wandelte sich die Atmosphäre in der Lukas-Kirchengemeinde entscheidend. Natürlich wandten sich einzelne Menschen enttäuscht ab. Weit mehr aber ließen sich überzeugen, brachten sich ein, erlebten den Aufbruch als Befreiung, entwickelten eine ganz neue Leidenschaft für die Kirche, um die sie sich so lange ohnmächtig gesorgt hatten. Ehrenamtlich Mitarbeitende waren erleichtert, dass von ihrem Einsatz nun nicht mehr die Existenz der ganzen Gemeinde abhängen sollte. Und das Engagement erweiterte sich über die engen binnenkirchlichen Grenzen hinaus, fremde Menschen brachten sich mit neuen Kompetenzen ein. Das Engagement in der Gemeinde war nicht mehr vom Geselligkeitsideal des 19. Jahrhunderts geprägt, sondern von einem sinnvollen Dienst mit Anderen für Andere. Der pastorale Dienst konnte sein Einzelkämpfertum überwinden, fand sich eingebettet in einer organischen Dienstgemeinschaft mit vielen anderen Professionen, konnte sich auf eine überschaubare Moderatorenrolle beschränken und Freiräume für die Kernkompetenzen Verkündigung, Seelsorge und Bildung gewinnen.

Mit Anderen für Andere

En passant ereigneten sich dann auch binnenkirchliche Wunder, die nicht durch selbstreflexive Strategien steuerbar sind: Gottesdienste wurden deutlich besser besucht, seelsorgerliche Kompetenzen viel öfter abgefragt. Die Zahl der Ehe- und Familienberatungen stieg rasant. Ein Gemeindebeirat, besetzt mit den politischen Ortsvorstehern aller Dörfer, entlastete das Presbyterium. Alte Fronten brachen auf, die Kommunikation wurde transparent, das Vertrauen wuchs. Sogar die Finanzen der Kirchengemeinde konsolidierten sich: Bestand der Haushalt im Jahr 1997 noch aus 20 Prozent eigenen Einnahmen, so hatte sich dieser Anteil bis zum Jahr 2013 auf 80 Prozent vervierfacht - bei einem versechsfachten Haushaltsvolumen. Aus einer negativen Rücklage entwickelte sich ein Kapital von 1,5 Millionen Euro. Bewegungsspielräume auf allen Ebenen, eine neue Lust am Landleben breitet sich aus, die sich in der euphorischen Zeitungsannonce der Konfirmandeneltern spiegelt.

Diese überwältigenden Erfahrungen aus zwanzig Jahren „Experiment Lukas“ werden inzwischen durch andere Aufbrüche bestätigt. Seit einigen Jahren machen sich viele Landgemeinden auf den Weg, verabschieden sich von einer binnenorientierten Vereinskirche und wenden sich dem Gemeinwesen zu. Die Quelle dieser Transformation ist der neue Habitus, die Grundhaltung der Kirche: Sie kreist nicht mehr defizitorientiert um den eigenen Kirchturm, sondern investiert ressourcenorientiert in das Quartier. Sie rekrutiert keinen Nachwuchs um der eigenen Existenz willen, sondern ermöglicht die Teilhabe vieler über alle Grenzen und Vorbehalte hinweg. Es ist wie eine Welle, ein regelrechter Ruck geht durch das Land. Die Krise verwandelt sich zur Chance, das innerste Wesen der Kirche neu zu entdecken. Das Land steht nicht mehr wie gewöhnlich auf der Seite des rückständigen Verlierers, es wird zum Vorreiter einer gesamtgesellschaftlichen Transformation, in der Partizipation und Integration groß geschrieben werden.

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Ralf Kötter

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