Kurz und Gut

Über Chancen und die Herausforderungen der Kurzpredigt
Bewegende Andacht: Pfarrer Jörn de Jäger bei einer Kurzpredigt während einer Fußballeuropameisterschaft.  Foto: epd/ Stephan Wallocha
Bewegende Andacht: Pfarrer Jörn de Jäger bei einer Kurzpredigt während einer Fußballeuropameisterschaft. Foto: epd/ Stephan Wallocha
Die Andacht oder Kurzpredigt steht häufig im Schatten der großen Sonntagspredigt. Zu Unrecht, meint Angela Rinn, Pfarrerin und Privatdozentin an der Universität Heidelberg. Denn gerade die „Kurze Form“ entspricht dem Fragmentarischen menschlicher Existenz.

Jahrzehntelang fristete sie in der wissenschaftlichen Praktisch-Theologischen Debatte ein Schattendasein. Man verortete sie in Bibelkreisen und als Pflichtprogramm vor Kirchenvorstandssitzungen und nahm sie nicht weiter ernst. Die Rede ist von der Andacht, der Kurzen Form der Predigt, die ich „Kurz“ nenne, weil die auch gebräuchliche Bezeichung „kleine Form“ eine Abwertung bedeuten könnte. Die Kurze Form der Predigt galt nämlich lange als die reduzierte Form der eigentlichen Kür Sonntagspredigt. Dabei war sie in der Praxis des gemeindlichen Alltags schon längst im Zentrum des Geschehens angekommen. Nahezu analog zu den Kasualien, zu deren Boykott Rudolf Bohren die Pfarrerschaft noch 1962 polemisch aufgerufen hatte, und die im beginnenden 21. Jahrhundert längst Hauptbezugspunkte der Kirche zu ihren Mitgliedern sind, wurde die Kurze Form für die Praxis im Pfarramt immer wichtiger.

Kein Wunder, schließlich sind es gerade die Kasualien, die eine zeitliche Begrenzung der Predigt erfordern. In den städtischen Trauerhallen der Republik stehen heute den Pfarrerinnen und Pfarrern nur 20 Minuten Zeit für den Bestattungsgottesdienst zur Verfügung, jede Überschreitung kostet die Angehörigen Geld, da bleibt nur die Kurze Form, wenn in der Feier auch noch Raum für Musik und Gebete bleiben soll. Doch auch bei Trau- und Taufansprachen ist die Kurze Form zunehmend das Format der Wahl.

Der nicht vorhandene oder sogar abwertende Blick auf die Kurze Form hat sich deshalb in der Praxis verändert - und inzwischen auch in der Praktisch-Theologischen Debatte. Man kann sie nämlich nicht nur als Reduktion, sondern auch als „menschenfreundlich“ (Helmut Schwier) begreifen. Schließlich weiß die Neurowissenschaft, dass das Arbeitsgedächtnis für maximal fünf Minuten eine neue Information speichern kann. Wenn diese neue Information dann nicht mit bereits bekannten Informationen verknüpft und im Zwischengedächtnis abgelegt werden kann, schiebt jede weitere neue Information das eben Gehörte aus dem Gedächtnis heraus und es ist - wie nie gehört - vergessen.

Zugleich verschärft dieser Hinweis aus den Neurowissenschaften den Anspruch, in einem knappen Zeitfenster von fünf Minuten Menschen für das zu interessieren, was ihnen erzählt werden soll. Wer sich der Herausforderung der Kurzen Form stellt, wird zu schätzen wissen, dass die Neurowissenschaften vielfältige Hinweise dazu bieten, was die Aufmerksamkeit von Menschen wecken kann - ein schönes Beispiel ist der Humor. Ein guter Witz vermag in kurzer Zeit breite Netzwerke im Gehirn zu aktivieren und dadurch die Aufmerksamkeit von Menschen zu wecken. Literarische Vorbilder können ebenfalls das Bewusstsein für die Gestaltungsmöglichkeiten der Kurzen Form schärfen. Traktat, Aufzeichnung und Essay sind hier zu nennen - aber auch der Witz, der selbst schon eine Kurze Form ist. Ebenso zeigen die vielfältigen kurzen Formen in der Bibel - ich hebe hier vor allem die Gleichnisse Jesu hervor - dass die Kurze Form keineswegs eine kleinere Schwester der Langform, sondern eine eigene, besondere Form ist, die auch eine gesonderte Aufmerksamkeit erfordert.

Nie perfekt

Wertvolle Impulse bekommt die Auseinandersetzung mit der Kurzen Form von Henning Luther und Roland Barthes.

Der Praktische Theologe Henning Luther hat zu Recht darauf hingewiesen, dass das Fragmentarische menschlich ist und eine breite Debatte dazu angestoßen. Die Kurze Form entspricht schon in ihrer Form dem Fragmentarischen menschlicher Existenz. Menschenleben ist immer offen und unabgeschlossen, das spiegelt sich in der Kurzen Form. Kurze Formen sind stets unabgeschlossen, das gilt sogar für die aus literaturwissenschaftlicher Perspektive geschlossene Form des Traktats. Der Traktat, vor allem jedoch der Essay, der literarisch geformte Spontaneität ist, gestalten dies. Sie sind sozusagen doppelt „menschenfreundlich“: Einmal wegen ihrer hörerfreundlichen Kürze, sodann dank ihrer Absage an jegliche Perfektion. Perfekt mögen Maschinen sein, Menschen sind es nicht - Gott sei Dank.

Der französische Philosoph Roland Barthes hat vom punctum gesprochen, das besticht. In seinem letzten Werk, einer Arbeit über die Fotografie, hat er auf dessen Bedeutung hingewiesen. Das punctum unterbricht den Fluss der Ereignisse, den Lauf der Dinge, besticht, trifft, kann auch verwunden. Menschen merken auf. Unsere Sprache beschreibt dieses Ereignis: Etwas „sticht“ mir ins Auge, ein Gedanke ist „bestechend“, etwas „schärft“ meinen Blick. Das geschieht immer von außen, ist ein äußerer Reiz.

Roland Barthes schildert genau diesen Prozess der Überraschung, der nicht selbst produziert wird, sondern von außen geschieht. Diese Überlegungen verweisen wiederum auf neurowissenschaftliche Erkenntnisse im Blick auf das, was die Aufmerksamkeit von Menschen fesselt: Wenn das Gehirn einen Reiz empfängt, zu dem es einen emotionalen Bezug herstellen kann oder den Eindruck hat, es würde für die Mühe der Aufmerksamkeit belohnt, dann geschieht eine Dopaminausschüttung. Die Kurze Form der Predigt kann also durchaus zu Glücksgefühlen führen!

Wenn mich etwas besticht und trifft, meinen Alltag unterbricht und mich bewegt und ich das mit anderen Menschen teilen will, dann geht es immer auch um meine eigene Person. Wer die Kurze Form als Predigt kultivieren will, kann daher nicht von seiner Persönlichkeit distanziert predigen. Für die Kurze Form ist daher eine besondere Haltung notwendig, nämlich eine Haltung der Beobachtung und Wahrnehmung, ein Sich-Einlassen auf das Leben und seine schrecklichen und bezaubernden Momente. Der Grenzverlauf zwischen Predigt und Leben wird dadurch aufgelöst. Aus der eigenen Berührtheit, dem eigenen Wahrnehmen heraus, teilt sich die oder der Predigende mit und kann dadurch andere berühren und bewegen. Glückt das, werden andere überrascht sein und aufmerken. Predigen ist dann ein Grenzgängertum. Die Predigt bewegt sich an einer Grenze, am Übergang, wo menschliches Leben durchlässig wird für das Göttliche und das Göttliche für das Menschliche. Dabei wird auch das menschliche Leid nicht ausgespart, die Endlichkeit kommt in den Blick. An der Grenze ereignet sich nämlich auch der Tod. Menschenfreundlich sein bedeutet deshalb, das Mensch-Sein ernst zu nehmen mit seinen Unsicherheiten und Risiken, den Geschenken des Augenblicks, seiner Bedürftigkeit, auch der Krankheit und dem Tod. Alles im Wissen darum, dass das Fragment menschlicher Existenz sich einer größeren Wirklichkeit öffnen kann.

All das kann die Kurze Form der Predigt leisten, ja gerade sie kann es in besonderer Weise, weil sie durch ihre Kürze prädestiniert dazu ist, das Fragmentarische zu gestalten. Vollkommen muss die Kurze Form dabei glücklicherweise nicht sein, aber sie muss sich einlassen, mit Haut und Haar. Damit das andere Menschen dann auch bestechen und faszinieren kann, sind eine geschliffene Sprache, Prägnanz und ein genauer Blick selbstverständliche und notwendige Voraussetzungen. Und natürlich braucht es: Eine menschenfreundliche Haltung. Nicht nur beim Predigen.

Literatur

Roland Barthes: Die helle Kammer. Bemerkungen zur Photographie, Suhrkamp, Frankfurt 1989. 144 Seiten, Euro 10,-.

Henning Luther: Leben als Fragment. Der Mythos von der Ganzheit. In: Wege zum Menschen 43 (1991), Seite 262-273.

David Plüss / Maike Schult: Weniger ist mehr?! Über homiletische Kleinformate (Themenheft der Praktischen Theologie, Heft 1, 2017).

Angela Rinn: Die Kurze Form der Predigt. Interdisziplinäre Erwägungen zu einer Herausforderung für die Homiletik, Vandenhoek & Ruprecht, Göttingen 2016, 237 Seiten. Euro 39,99.

Angela Rinn

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Foto: Harald Oppitz

Angela Rinn

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.


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