Inspiriertes Handeln

Der Weltgebetstag der Frauen hat die Kirchen verändert
Slum in Manila. Die Liturgie für den diesjährigen Weltgebetstag haben Frauen auf den Philippinen entwickelt. Foto: dpa/ Girlie Linao
Slum in Manila. Die Liturgie für den diesjährigen Weltgebetstag haben Frauen auf den Philippinen entwickelt. Foto: dpa/ Girlie Linao
Am 3. März feiern Frauen den Weltgebetstag. In diesem Jahr hat er ein Doppeljubiläum. Die Theologin Helga Hiller zeigt, wie sich das, was vor zweihundert Jahren in Neuengland begann, zu einer weltweiten Bewegung entwickelt hat.

Vor siebzig Jahren spricht im kriegszerstörten Berlin die Methodistin Luise Scholz die mit ihr befreundete US-Methodistin Stella Dueringer-Wells auf den Weltgebetstag der Frauen an. Scholz hatte ihn seit 1927 unter methodistischen Frauen verbreitet, die ihn mit Hilfe kurzer Anleitungen teilweise bis 1943 feierten. Für Scholz war der Weltgebetstag zur unentbehrlichen Verbindung mit den christlichen Frauen der Welt geworden.

Sie und Dueringer-Wells beschließen am 22. Februar 1947, im besetzten Berlin kurzfristig einen ökumenischen Weltgebetstagsgottesdienst zu feiern. Die Amerikanerin kann aus ihrer Heimat eine Gottesdienstordnung besorgen. Ein Quäker übersetzt sie. Und mit Hilfe von Dueringer-Wells' Mann, der für die amerikanische Zivilverwaltung arbeitet, kann Papier beschafft und eine Druckgenehmigung für die Liturgie besorgt werden. Nach sorgfältiger inhaltlicher Vorbereitung feiern dann über 600 deutsche Frauen zusammen mit 20 bis 30 Amerikanerinnen und Engländerinnen in der evangelischen Ernst-Moritz-Arndt-Kirche trotz des Fraternisierungsverbot einen zweisprachigen Gottesdienst nach einer Liturgie, die eine Inderin ausgearbeitet hat. Das Thema lautet inmitten von Hunger und Zerstörung: „Ebnet in der Wüste eine Straße für unseren Gott“. Die Frau des amerikanischen Militärkommandanten Lucius D. Clay feiert den Gottesdienst mit, bricht also ebenfalls das Fraternisierungsverbot und zeigt, welch weitreichende Wirkung die Zivilcourage der beiden Frauen hat.

Stella Wells schließt ihren Bericht mit dem Satz: Der Weltgebetstag brachte uns allen „tiefe Freude, da wir als Teil einer großen christlichen Gemeinschaft an einem weltweiten Ereignis mit anderen christlichen Frauen beteiligt waren“. Von den Frauen der Welt nach der Nazizeit wieder als Schwestern aufgenommen zu werden, ist das Grundgefühl, das in den Folgejahren immer mehr deutsche Frauen beim Weltgebetstag erleben.

Luise Scholz verschickt die Gottesdienstordnung ab 1948 an die methodistischen Frauen. In Berlin folgen weitere zentrale ökumenische Gottesdienste, 1950 einer in der Marienkirche im Sowjetsektor. Ab 1949 verschickt Antonie Nopitsch nach einem USA-Besuch aus Stein bei Nürnberg Liturgien an alle Mitgliedsorganisationen der Evangelischen Frauenarbeit in Deutschland. 1954 werden in ganz Deutschland, West und Ost, bereits 210.000 Liturgien gedruckt. Viele Frauen begeistert, dass sich die Fenster in die Welt öffnen, Zusammenarbeit über Konfessionsgrenzen möglich wird und sie einen Gottesdienst leiten dürfen.

Blick für das Gemeinsame

Liselotte Nold (1912-1978), eine wichtige Vertreterin der evangelischen Frauenarbeit, schrieb: „Es ist fast so, dass man mitten in der Nacht davon wach wird, daß die Frauen im fernen Osten schon am Beten sind.“ Und der Weltgebetstag (WGT) zeige auch, „wie sehr die Nöte fremder Frauen den eigenen gleichen und wie sie zugleich dazu herausfordern, sie zu verstehen und im Gebet mitzutragen, aber auch eigene Schuld …zu erkennen… Frieden schaffen ist eine ermüdende und gefährliche Arbeit Aber der WGT öffnet auch den Blick für das Gemeinsame, für das Verbindende.“

Hier wird ausgedrückt, was 1978, bei der 3. Internationalen Weltgebetstagskonferenz in Sambia in einer ersten Grundsatzerklärung so formuliert wird: „Durch den Weltgebetstag teilen Frauen in aller Welt miteinander ihre Hoffnungen und Ängste, ihre Freuden und Sorgen, ihre Möglichkeiten und Bedürfnisse; werden Frauen ermutigt, die ganze Welt wahrzunehmen und nicht länger isoliert zu leben, die Belastungen anderer Menschen auf sich zu nehmen und mit ihnen und für sie zu beten.“

Der Weltgebetstag, der vor 70 Jahren in Deutschland wieder auflebte, geht auf die Frauenmissionsbewegung des 19. Jahrhunderts in den USA und Kanada zurück. 1812 rief die Baptistin Mary Webb in Boston die Frauen Neuenglands zu eigenständigen monatlichen Gebetsversammlungen für die Mission auf. Und sie fand ein großes Echo. Damit war der Schritt zum öffentlichen gemeinsamen Gebet von Frauen getan. Ihre Partnerinnen in Übersee waren die Missionarsfrauen. Gebete und Briefe überbrückten die räumliche Distanz, vermittelten Informationen und motivierten zu finanzieller Unterstützung.

Gegen den Widerstand der Männer werden in den USA ab 1837 Frauencolleges gegründet, deren Absolventinnen vielfach als Lehrerinnen und später als Ärztinnen in die Mission gehen. Zugleich verändern diese alleinstehenden berufstätigen Frauen das Frauenbild im eigenen Land. Frauen bilden außerdem ab 1833 in England und ab 1861 in den USA eigene Frauenmissionsgesellschaften, die unverheiratete Missionarinnen aussenden. Und neben die Gesellschaften für Äußere Mission treten solche für Innere Mission. Evangelisation und Bildungs-, Sozial- und Gesundheitsarbeit durch Frauen gehen eine enge Verbindung ein. Das persönliche und gemeinschaftliche Gebet spielt dabei eine tragende Rolle.

Ab 1887 pflegen verschiedenen Denominationen die in den USA und in Kanada jährliche Gebetstage. Dabei bemühen sich die Frauen bald, die Grenzen der eigenen Kirche zu überschreiten. Zukunftsweisend ist die Entstehung eines interkonfessionellen Gebetstags für die Inlandsmission im Jahr 1897, bei dem Frauen aus sechs Denominationen zusammenarbeiten. Gemeinsam geben alle Frauenwerke von 1901 bis 1938 jährlich eine Serie von Frauenstudienbüchern zu Themen und Ländern der Mission heraus, die zehntausende Frauen in Studiengruppen und bei großen Sommerkonferenzen studieren. Das „Informierte Beten“ der späteren Weltgebetstagsbewegung hat hier seine Wurzel.

Durch ihre Basis- und Breitenarbeit spielen Frauen auch eine viel entscheidendere Rolle bei der Entstehung der ökumenischen Bewegung, als dies bisher wahrgenommen worden ist. So nehmen Hunderte von Frauen an der Weltmissionskonferenz in Edinburgh 1910 teil, fördern die Bildung von Zusammenschlüssen wie dem Internationalen Missionsrats und dem späteren Weltkirchenrat. Das 1910/11 landesweit unter der Führung von Lucy W. Peabody und Helen Barrett Montgomery glanzvoll gefeierte 50-jährige Jubiläum der Frauenmissionsgesellschaften in den USA motiviert Tausende zur Zusammenarbeit in örtlichen ökumenischen Frauengruppen, die ab 1913 auch einen Vereinigten Gebetstag für die Äußere Mission feiern.

Der Erste Weltkrieg führte viele US-Frauen dazu, sich mit aller Kraft für die Überwindung von Grenzen, für Einheit, Frieden und „Weltfreundschaft“ einzusetzen. In diesem Geist werden die beiden ökumenischen Gebetstage zusammengelegt. Am 20. Februar 1920 wird erstmals ein Vereinigter Gebetstag für die Mission gefeiert. Weltmission und Weltfrieden werden in engem Zusammenhang gesehen, ebenso das Gebet und die Tat. Der Gebetstag vereinigt Frauen aller Denominationen und Hautfarben. Bald folgen konkrete Aktionen gegen Krieg und Rassendiskriminierung. Erste unaufgefordert eingeschickte Kollekten führen schnell zu immer höheren Kollekten, für Frauencolleges in Asien, Literatur für Frauen und Kinder in Missionsländern und Projekte der Inneren Mission.

Zum eigentlichen Geburtsjahr des Weltgebetstags wird 1927. Die Vision einer Weltgemeinschaft christlicher Frauen, die Amerikanerinnen 1926 entwickelt und verschickt haben, führt am 4. März 1927 zur Feier des ersten Weltgebetstags für die Mission. Ab 1928 entfällt der Zusatz „für die Mission“. 1929 feiern den Tag bereits Frauen in 30 Ländern. Darunter sind neun europäische. 1930 wird die Koreanerin Helen Kim als erste Frau aus einem anderen Kontinent mit der Abfassung einer Gottesdienstordnung beauftragt.

In Nordamerika erlebt der Weltgebetstag sein vorerst stärkstes Wachstum während des Zweiten Weltkriegs. Seine Liturgien legen mitten im Krieg ein eindrucksvolles Zeugnis ab für den Friedenswillen von Frauen und ihren Glauben an die Gotteskindschaft aller Menschen ab. 1948 wird der Weltgebetstag in 81 Ländern gefeiert. Und in den folgenden Jahrzehnten entfaltet er immer mehr die in ihm angelegte globale und ökumenische Dimension. Der Gottesdienst, der nach einer jeweils von Frauen eines anderen Landes verfassten Liturgie gefeiert wird, wird intensiv vorbereitet. Er soll zum Handeln inspirieren, wie es nach dem 1978 das Motto ausdrückte: Informiertes Beten, betendes Handeln, Informed prayer - prayerful action. Durch den Wechsel der Länder, das Hören auf die Stimmen von Frauen in ihren so verschiedenen Lebensumständen, bleiben die Gottesdienste abwechslungsreich und ermöglichen einen einmaligen ökumenischen Lernprozess.

Helga Hiller

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