Spannend

Über die Deutschen als Waldvolk
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Die Lektüre dieser „Ideengeschichte des deutschen Waldes“ ist kein heiterer Waldspaziergang, sondern eine anspruchsvolle Wanderung

Johannes Zechners Buch stellt die überarbeitete Fassung seiner Dissertation im Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin dar. Der studierte Historiker, Politologe und Philosoph begründet seinen methodischen Ansatz und die Auswahl der Quellen derart gründlich, dass von den 447 Seiten dieses Buches 218 auf den Anhang, die Anmerkungen und das Literaturverzeichnis entfallen. Wen dieser Umstand nicht abschreckt, wird erleichtert feststellen, dass dieses Buch, trotz des wissenschaftlichen Anspruchs, spannend zu lesen ist. Das facettenreiche Thema vermag nachhaltig zu faszinieren und genügend Neugier zu wecken, um sich hin und wieder auch an den Anmerkungen festzulesen.

Schwerpunkt dieser Ideengeschichte „zwischen Poesie und Ideologie“ ist der Zeitraum von 1800 bis 1945. Bereits im Prolog, bei dem es um „Römer im deutschen Wald“ sowie um „Waldschlachten unter germanischen Eichen“ geht, ist zu spüren, dass Zechners Forschungsschwerpunkte die Geschichte der NS-Weltanschauung, des Antisemitismus sowie die des Umwelt- und Naturschutzes sind. Am Anfang steht also Tacitus, aber letztendlich endet alles bei Reichsforst- und -jägermeister Göring und Konsorten. Das wirkt auch im Epilog nach, wo abschließend noch die Frage der „Nachhaltigkeit deutschen Walddenkens“ diskutiert wird. Die Argumentationslinie wird verlängert - bis hin zu den Sorgen um das Waldsterben in den Achtzigerjahren und zur heutigen Debatte um den Klimawandel.

Nach Zechner wächst etwa ab 1800 der Wald nach und nach zum Gründungsmythos des deutschen Nationalbewusstseins heran. Die Dichter und Denker besinnen sich auf den Wald als unverbildete Natur. Der deutsche Wald avanciert zum deutschen Ideal im Gegensatz zur verbildeten städtischen Zivilisation Frankreichs. Dieser konstitutive Gegensatz wird hernach im wilhelmischen Kaiserreich weiterhin sorgsam gepflegt. Nunmehr geht es zunehmend um die „Wehr und Weihe des Waldes“ und um germanisch-deutsche Eichenhaine. Während des Nationalsozialismus verkommt jedwede Waldpoesie endgültig zur Waldpolitik: Der anti-urbane, naturnahe Waldmythos bringt das vermeintlich rassisch überlegene „deutsche Waldvolk“ nicht nur gegen seine westlichen Nachbarn in Stellung, sondern auch gegen das „slawische Steppenvolk“ sowie vor allem gegen das „jüdische Wüstenvolk“.

Die Lektüre dieser „Ideengeschichte des deutschen Waldes“ ist also kein heiterer Waldspaziergang, sondern vielmehr eine anspruchsvolle Wanderung, die Interesse und Durchhaltevermögen einfordert. Die Mühen der Ebene lassen dabei nur selten Freude an bewaldeten Höhen aufkommen. Für Zechner gibt es offenbar kein beschauliches Waldidyll, keinen Ort der Zuflucht und stillen Einkehr. Das ist nur die „Chiffre eines gesellschaftlichen Eskapismus“. Sehnsüchte nach „Waldeinsamkeit“ sind weltfremde Realitätsflucht. Und die so „wortreich beschworenen romantischen Traditionen“ haben den Wald ohnehin nur als „emotionale Projektionsfläche“ verklärt. Der Wald der Romantiker hatte offenbar keinerlei Eigenwert, sondern war lediglich „sensualistischer Referenzraum für menschliche Bedürfnisse und Stimmungen“.

Selbst aus einer dezidiert historisch-politologischen Perspektive heraus kann Zechner diese ideologisch allzu sehr verengte Beschreibung der Romantik nicht begründen. Zechner nimmt der Romantik schlicht die Seele. Er übersieht, dass insbesondere die deutsche Romantik nicht zuletzt deshalb eine der künstlerisch fruchtbarsten Epochen war, weil sie eine Überschreitung der endlichen Erfahrungswelt auf deren göttlichen Grund ideengeschichtlich keineswegs ausschließen wollte.

Reinhard Lassek

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