Mosaik

Über kulturelle Ursprünge
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Wenn man sich auf den intellektuell anregenden Spaziergang durch die „Ideenlandschaft“ einlässt, eröffnet das Buch interessante Perspektiven

Eine Rettung des Abendlandes verspricht das neue Buch der Hannoverschen Landessuperintendentin Petra Bahr. Wogegen sich dieser Rettungsversuch richtet, wird schnell deutlich: Es ist die Vereinnahmung des Abendlandes als „Kampfbegriff, der in den politischen Umbruchzeiten durch die Jahrhunderte erstaunliche Resonanz erzeugte, weil er Unsicherheit und Veränderungsdynamiken mit Feindbildern besetzte“. Demgegenüber tritt Bahr für ein Abendland-Konzept ein, das sich auf eine „Ideenlandschaft und ein Versprechen“ beläuft, „ein geistiges Kraftzentrum, in dessen Mitte der Gedanke einer Humanität für alle steht“.

Diese einleitend entfaltete Dichotomie zieht sich als roter Faden durch. Dabei tritt für den Leser klar hervor, was das Abendland für die Verfasserin nicht ist. Leider erhebt Bahr nicht den Anspruch, ihren Gegenentwurf mit gleicher definitorischer Klarheit zu füllen. Daher bleibt das Bild des Abendlandes als „Ideenlandschaft“ und „Versprechen“ vage, da es auf einem Mosaik eigenständiger Reflexionen beruht. Diese nehmen philosophische, religiöse und kulturelle Konstanten Europas in den Blick.

Wenn man jedoch an das Buch nicht die Erwartung einer geschlossenen systematischen Abhandlung über den Abendland-Begriff heranträgt, sondern sich vielmehr auf einen intellektuell anregenden Spaziergang durch die „Ideenlandschaft“ einlässt, eröffnet es einem interessante Perspektiven, die sich zwischen einer Suche nach religiösen und kulturellen Wurzeln des Abendlandes auf der einen Seite und Versuchen zur Deutung seiner Gegenwart auf der anderen Seite bewegen.

So lose der Zusammenhang der einzelnen Kapitel - und bisweilen zudem deren Anbindung an die Gesamtthematik - ist, gibt es doch bestimmte Fragen, die Bahr wiederholt aufgreift. Dies gilt etwa für ihre Forderung nach Aufklärung als „bleibende Aufgabe, der sich weder die Religionen, noch andere Bereiche des Lebens entziehen sollen“. Hiermit verbindet sich Bahrs Ringen um einen angemessenen Umgang mit dem Islam: Während sie auf der einen Seite dezidiert gegen eine islamophobe Ausklammerung des Islam aus der abendländischen Geschichte und Gegenwart eintritt, findet sie auf der anderen Seite bemerkenswert kritische Worte für allzu sehr konsensorientierte Religionsdialoge und benennt kritische Fragen an den islamischen Glauben und seine kulturellen Konsequenzen.

In einzelne Sequenzen droht das Buch sich in Allgemeinplätzen zu verlieren. Dennoch bleibt die Prägnanz von Bahrs Abstößen unbeschadet, die die Besinnung darauf herausfordern, was das Abendland ausmachen könnte. An diesen Stellen vermag sie, zu einer kritischen Auseinandersetzung mit der geistig-kulturellen Gegenwartslage anzuregen - und traut sich bisweilen aus dem Glasturm philosophischer Reflexionen hinaus aufs Schlachtfeld, um für ‚ihr’ Abendland zu streiten, etwa gegen die Gebrechen der Postfaktizität: „Wenn einmal ganz nüchtern vom Untergang einer abendländischen Idee geredet werden kann, dann ist es die Vertreibung der Wahrheitsfrage aus der politischen und gesellschaftlichen Debatte.“

An diesen Stellen bedauert man als Leser, dass viele der Überlegungen nur in Ansätzen vertieft und nicht systematisch zu einem kohärenten Ganzen zusammengefügt wurden. Dadurch bleiben vor allem die Kriterien unscharf, anhand derer die Verfasserin ausgewählt hat, was „ihr Abendland“ ausmacht. So inspirierend das von ihr entworfene Bild ist, erscheint es daher doch zwangsläufig eklektisch, was seine Schlagkraft in der Auseinandersetzung mit dem Abendland als einem reaktionären Kampfbegriff mindert.

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