Besuch der Patriarchen

Warum die Ökumene mit den orientalischen Kirchen ein schwieriges Thema bleibt
Foto: epd/Rolf Zöllner
Foto: epd/Rolf Zöllner
Vier orientalische Patriarchen waren im Oktober offiziell zu Gast in Berlin. Dabei waren Berührungsängste und Unsicherheiten zwischen evangelischen und orientalischen Kirchen zu beobachten, meint die Journalistin Katja Dorothea Buck, die den Besuch begleitet hat.

Am 21. Oktober 2017 wurde in Deutschland Kirchengeschichte geschrieben. Doch kaum einer hat es mitbekommen. Zum ersten Mal feierten an jenem Samstagabend im Berliner Dom Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zusammen mit der koptisch-orthodoxen, der syrisch-orthodoxen, der armenisch-apostolischen und der indisch-orthodoxen Kirche einen gemeinsam vorbereiteten Fürbittgottesdienst für die Christen im Nahen Osten - und zwar in Höchstbesetzung. Im Altarraum des 112 Jahre alten prächtigen Kuppelbaus saßen mit dem EKD-Ratsvorsitzenden Heinrich Bedford-Strohm der aus Damaskus angereiste syrisch-orthodoxe Patriarch Ignatius Afrem II., der Katholikos aller Armenier Karekin II. und der Katholikos der indisch-orthodoxen Malankara Kirche Baselius Marthoma Paulose II. Von katholischer Seite war noch der Magdeburger Bischof Gerhard Feige gekommen. Und eigentlich hätte auch der koptische Papst aus Kairo, Tawadros II., mit von der Partie sein sollen. Er musste allerdings aus gesundheitlichen Gründen seine Teilnahme kurz vorher absagen.

Doch auch ohne ihn war der Grad der Ökumene im Berliner Dom so hoch wie nie zuvor. Gebete, Lesungen und Ansprachen waren auf Aramäisch, Armenisch, Koptisch, Syrisch, Englisch und Deutsch zu hören. Und in den Reihen der 800 Gottesdienstbesucher waren außerdem Repräsentanten der griechischen und russischen Orthodoxie auszumachen. Ökumenischer geht es kaum.

Erstaunlich war allerdings, dass in den deutschen Medien in den folgenden Tagen so gut wie nichts über dieses „Kirchenevent mit dem höchsten ökumenischen Stellenwert in Deutschland in diesem Jahr“ (EKD-Homepage) zu finden war. Prächtige Bilder hätte es genug gegeben. Aber kein öffentlich-rechtlicher und kein privater Sender brachten Eindrücke aus dem Dom in die Öffentlichkeit. Auch den Printmedien war es kaum eine Zeile wert. Nur auf den offiziellen Homepages der katholischen und evangelischen Kirchen war die eine oder andere Meldung zu finden. Aber wer hat deren Newsletter schon abonniert?!

Es bleibt ein Kuriosum, dass die meisten Medien zu diesem Ereignis schwiegen, zumal im Zentrum des Gottesdienstes die Fürbitte für die bedrängten Christen im Nahen Osten stand - ein Thema, das aktueller kaum sein könnte. Dagegen war dem ökumenischen Patriarchen Bartholomaios I., als er im Sommer zum theologischen Austausch und für eine Ehrendoktorwürde nach Deutschland gekommen war, medial der rote Teppich ausgerollt worden.

Nun hätte beim Besuch der Patriarchen in Berlin gleich vier Mal der rote Teppich ausgerollt werden können. Denn wann kommt es schon vor, dass vier orientalische Kirchenoberhäupter gleichzeitig offiziell für vier Tage nach Deutschland kommen? Die EKD hatte sie ursprünglich zu einer Tagung eingeladen, mit der der theologische Dialog zwischen den orientalischen Kirchen und der evangelischen Kirche verstetigt werden sollte. Als dann die Oberhäupter selbst und nicht nur die für ökumenische Gespräche Zuständigen zusagten, war klar, dass es bei einer Tagung im kleinen Kreis nicht bleiben konnte, sondern dass dies auch eine Gelegenheit war, um die aktuelle Situation der Christen im Nahen Osten in den Fokus zu rücken.

Doch das öffentliche Interesse an den orientalischen Kirchen ist hierzulande offenbar sehr gering. Ein Papst aus Kairo oder ein Patriarch aus Damaskus lockt kaum jemanden aus den Redaktionsräumen. Liegt das mediale Desinteresse daran, dass Papst Tawadros und Patriarch Afrem öffentlich die Nähe zu den Herrschern ihrer Länder suchen? Mit Bashar al-Assad in Syrien oder Abdelfattah al-Sisi in Ägypten würde sich hierzulande kaum jemand freiwillig gemeinsam fotografieren lassen. Wer nichts anderes als Frieden, Freiheit und Wohlstand kennt, kann das Schweigen der Kirchenführer zu Menschenrechtsverletzungen in den eigenen Ländern nur schwer nachvollziehen. Wie schön wäre es doch, sie würden immer mal wieder kräftig auf den Tisch hauen und mit den Herrschern ihrer Länder Tacheles reden. Sie wären unsere Helden. Doch die Erwartung, dass die Patriarchen in ihren Ländern die Rolle der politischen Opposition übernehmen, muss enttäuscht werden. Papst Tawadros und Patriarch Afrem sind keine politischen Führer. Vielmehr stehen sie Kirchen vor, die nach 2000 Jahren Geschichte um ihre Existenz bangen. Sie vertreten bedrohte und bedrängte Minderheiten. Wenn sie mit den politischen Machthabern versuchen auszukommen, heißt das noch lange nicht, dass sie diese für die allerbesten Landesherren halten.

Doch die politische Haltung der Patriarchen kann nicht der alleinige Grund sein, warum orientalische Christen auf der hiesigen Agenda so weit unten stehen. Kirchengeschichtlich trennen Orientalen und Protestanten 1500 Jahre und viele theologische Differenzen. Hier die Frauenordination, geschiedene Pfarrer und die offene Diskussion um Homosexualität, dort ein Kirchenverständnis, das in der Bewahrung der Tradition die Zukunft sieht. Während auf evangelischer Seite hinter vorgehaltener Hand die orientalischen Kirchen schnell als „verknöchert“, „altmodisch“ oder „frauenfeindlich“ bezeichnet werden, gelten Protestanten bei den Orientalen als „libertär“, bisweilen wird ihnen gleich ganz das Christsein abgesprochen.

Das erklärt vielleicht die Unsicherheit auf evangelischer Seite gegenüber orientalischen Kirchenoberhäuptern. In Berlin war dies wieder zu beobachten. Sobald die Patriarchen im vollen Ornat auftauchen - was durchaus eindrücklich ist -, wird schnell nach neuen Umgangsformen gesucht. So auch beim Treffen mit der Führung von „Brot für die Welt“. Der hohe Besuch aus dem Orient hatte viele Mitarbeitende aus ihren Büros auf die Ränge im Atrium gelockt, um beim hausinternen Fotoshooting dabei zu sein. Dass das Treffen dann mit einem gemeinsamen Vaterunser begann, sorgte nicht nur bei den Mitarbeitenden für Verwunderung. Auch in orientalischen Kirchen ist es nicht üblich, ein Arbeitsmeeting mit einem Gebet zu beginnen. Aber sei’s drum, gegen gemeinsames Beten ist grundsätzlich nichts einzuwenden.

Wunder Punkt

Amüsant ist auch immer wieder zu beobachten, wie manche evangelische Pfarrer aus Deutschland, sobald sie nahöstlichen Boden betreten, ihr Collarhemd aus dem Koffer holen, mit der Begründung, sie würden so als Geistliche besser wahr- beziehungsweise ernstgenommen. In der deutschen Öffentlichkeit hat keiner von ihnen dieses Bedürfnis. In Berlin tauchten bei einer Gesprächsrunde mit den Patriarchen evangelische Pfarrer sogar im Talar auf. Ein ordentlicher Anzug und etwas mehr Selbstvertrauen in das eigene, vom orientalischen verschiedene Amtsverständnis würde der Ökumene sicher keinen Abbruch tun.

Ökumenisch schwierig wird es allerdings, wenn sich evangelische Pfarrerinnen ohne liturgische Notwendigkeit im Talar zu den Patriarchen gesellen. Natürlich darf man stolz darauf sein, dass Frauen im Pfarramt in Deutschland mittlerweile eine Selbstverständlichkeit sind. In den orientalischen Kirchen ist dieses Thema aber ein rotes Tuch. Entsprechend wird jede demonstrative Haltung als Affront aufgefasst. Dass es bei uns ordinierte Frauen gibt, ist in den orientalischen Kirchenhierarchien aber noch lange kein Argument, um selbst über dergleichen Reformen nachzudenken. Manchmal reicht schon ein Foto von einer Pfarrerin im Talar neben einem orientalischen Patriarchen, um selbigen in größte Erklärungsnot gegenüber den konservativen Kräften in seiner Kirche zu bringen.

Es bleibt ein wunder Punkt in der Ökumene, wenn gemeinsame liturgische Handlungen mit Pfarrerinnen von orientalischer Seite ausgeschlossen werden. Die evangelische Seite sollte die Frauenordination aber auch nicht zur Bedingung für eine ökumenische Zusammenarbeit mit den Orientalen machen. Dafür sind die heutigen Herausforderungen zu groß. Ökumene, nicht nur die mit den katholischen Geschwistern, ist schließlich die Antwort auf all die Fundamentalismen, Nationalismen und sonstigen Extremismen, welche die Welt im 21. Jahrhundert so rasant verändern.

Die evangelische Seite mag ihren Blick in den letzten Monaten vor allem für die vergangenen 500 Jahre geschärft haben. Der geschichtliche Horizont sollte aber nicht beim Thesenanschlag aufhören. Auch die 1500 Jahre davor gehören zum Fundament der evangelischen Kirche. Die orientalischen Kirchen haben über zwei Jahrtausende die ursprünglichen Formen christlichen Glaubens bewahrt. Es schadet einem evangelischen Selbstverständnis nicht im Geringsten, diese Wurzeln mit Neugier, Respekt und auch ein bisschen Demut entdecken zu wollen.

Vielleicht war der EKD-Kammer für Orthodoxie schon bei der Einladung an die orientalischen Kirchen bewusst, wie schwer es werden würde, ihnen in Deutschland eine aufmerksame Öffentlichkeit zu bieten. Umso mehr ist ihr anzurechnen, dass sie ein Begleitheft zum ökumenischen Fürbittgottesdienst herausgegeben hat, in dem die Frage beantwortet wird, warum uns die Christen im Nahen Osten wichtig sein sollen.

Das Begleitheft zum Fürbittgottesdienst

Katja Dorothea Buck

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