Abgebrochene Säulen

Kurios: Bei den Katholiken ist die Entkirchlichung stärker als bei den Protestanten
Amsterdams Lutheraner gaben die „Runde Kirche“ schon 1935 auf. Sie wurde Konzertsaal. Und heute ist sie Hotel. Foto: akg/ Bildarchiv Monheim
Amsterdams Lutheraner gaben die „Runde Kirche“ schon 1935 auf. Sie wurde Konzertsaal. Und heute ist sie Hotel. Foto: akg/ Bildarchiv Monheim
Auf den ersten Blick sieht es für das Christentum in den Niederlanden düster aus, zeigt eine jüngst erschienene Studie. Ein Kenner des Landes, der langjährige epd-Redakteur Rainer Clos, stellt sie vor und zeigt, dass es auch Lichtblicke gibt.

Die Zahl der Kirchenmitglieder geht in den Niederlanden schon seit langem zurück. Einen publizistischen Niederschlag fand diese Entwicklung 1999 in der Monografie Wie Gott verschwand aus Jorwerd, in der der renommierte Journalist Geert Mak, ein Pfarrersohn, die Säkularisierung eines Dorfes in der Provinz Friesland beschrieb.

Und vor vier Jahren spürte Eginhard Meijering, ehemaliger Lehrbeauftragter für Theologiegeschichte an der Universität Leiden, in seinem Buch Wie Gott aus der Zweiten Kammer verschwand dem Prozess der Säkularisierung und dem Niedergang der Christdemokraten im niederländischen Parlament nach. Und Emiel Hakkenes, Redakteur der überregionalen Tageszeitung Trouw, die im protestantischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung entstand, zeichnet anhand der eigenen Familiengeschichte nach, wie der Glaube abhandengekommen ist.

Neben diesen eher feuilletonistischen Betrachtungen ist die Säkularisierung der niederländischen Gesellschaft gleichwohl seit langem ein Gegenstand umfassender Studien: Eine fünfte repräsentative Erhebung zur Situation des Glaubens in den Niederlanden, die jüngst unter dem Titel „God in Nederland“ erschien, zeigt die Erosion der Volkskirchen. Die beiden größten, die römisch-katholische und die Protestantische Kirche in den Niederlanden (PKN), schrumpfen weiter. Als vital erweisen sich lediglich kleinere reformierte Kirchen.

Anders als die Mitgliedschaftsuntersuchungen der EKD, die ebenfalls im Abstand von zehn Jahren danach fragten, wie es Protestanten mit der Kirche halten, nimmt „God in Nederland“ auch die römischen Katholiken in den Blick. Für die aktuelle Erhebung, die erneut auf Initiative der katholischen Rundfunkgesellschaft KRO zustande kam, wurden mehr als 2?100 Niederländer nach Kirchenbindung, Glaubenspraxis und Spiritualität befragt. Und ergänzt wird die Längsschnittstudie durch sieben Porträts, in denen Niederländer über ihre Einstellung zu Religion und Spiritualität Auskunft geben. Außen vor bleiben nichtchristliche Religionsgemeinschaften wie die Muslime, die immerhin fünf Prozent der Bevölkerung ausmachen, und Anhänger östlicher Religionen, vor allem Buddhisten und Hindus mit zwei Prozent.

Zwei Drittel der Niederländer rechnen sich keiner Religionsgemeinschaft zu und bezeichnen sich als unkirchlich. Im Jahr 1958 waren das lediglich (immerhin) 24 Prozent. Seit der ersten Erhebung 1966 ist ihre Zahl von 33 Prozent über 53 auf jetzt mehr als 67 Prozent gestiegen. Der Anteil der Agnostiker („ich weiß nicht, ob es einen Gott oder eine höhere Macht gibt“) und Atheisten, die die Existenz von Gott verneinen, hat sich mittlerweile von 40 auf 58 Prozent erhöht.

Als Kirchenmitglieder stufen sich nur noch knapp ein Viertel der befragten Niederländer ein. Vor fünfzig Jahren waren es zwei Drittel, zehn Jahre später immerhin noch 57 Prozent. Im vergangenen Jahr zählten sich nur noch 11,7 Prozent der Befragten zur römisch-katholischen Kirche. 1966 waren es 35 Prozent gewesen, vor zehn Jahren 16 Prozent. Von den Katholiken gehört jeder zweite zur Generation 60plus. Nur 18 Prozent sind jünger als 40.

Auch die Protestantische Kirche, die vor zwölf Jahren aus dem Zusammenschluss der beiden großen reformierten Kirchen und der lutherischen Kirche hervorging, verliert Mitglieder. Ihr gehören noch 8,6 Prozent der Niederländer an. 1966 waren 25 Prozent der Niederländer evangelisch, vor zwei Jahrzehnten fast ein Fünftel.

Und die Aussichten bleiben für beide Konfessionen düster: „Wenn wir auf die Glaubenspraxis und Kirchenbindung der jungen Generation blicken, wird die Zahl der Kirchenmitglieder weiter sinken, von derzeit 25 Prozent auf vermutlich unter 20 Prozent im Jahr 2030“, folgert Ton Bernts vom Kaskiinstitut der Radbouduniversität Nimwegen. Er verantwortet die Untersuchung zusammen mit Joantine Berghuijs von der Freien Universität Amsterdam.

Etwas anders ist das Bild bei den kleineren alt- und liberalreformierten Kirchen. Deren Mitgliederzahl ist in den vergangenen zehn Jahren leicht auf 4,2 Prozent gestiegen, wobei dieser Zugewinn auf Übertritte von der Protestantischen Kirche (PKN) zurückgeführt wird. Auch sind die Mitglieder jener profilierten Kleinkirchen wesentlich jünger als die der alten Volkskirchen: 45 Prozent sind unter 40 Jahren, zur Altersgruppe über 60 gehören 23 Prozent.

Innerkirchliche Säkularisierung

Gefragt nach der Beteiligung am kirchlichen Leben bekannten 18 Prozent der Niederländer, dass sie regelmäßig, zumindest mehrmals jährlich, einen Gottesdienst besuchen. Dagegen war der regelmäßige Kirchgang bei der ersten Erhebung 1966 noch für jeden Zweiten selbstverständlich. Und hier zeigen sich heute Unterschiede zwischen den Konfessionen, die Deutsche erstaunen dürften. Denn in den Niederlanden besuchen römische Katholiken seltener den Gottesdienst als Protestanten. Knapp 40 Prozent der Katholiken gehen regelmäßig oder manchmal zur Messe, gegenüber 61 Prozent im Jahr 2006. Die Tendenz ist weiter sinkend: Von derzeit 185?000 werde die Zahl der regelmäßigen katholischen Kirchengänger auf rund 65?000 im Jahr 2030 zurückgehen, erwartet Ton Bernts vom Nimwegener Kaskiinstitut.

Hingegen ist der Anteil der Protestanten, die häufig zur Kirche gehen, leicht auf 68 Prozent angestiegen. Am höchsten ist der Gottesdienstbesuch mit 86 Prozent bei den Mitgliedern der kleineren reformierten Kirchen. Kirchlich Ungebundene tauchen dagegen kaum noch in Gottesdiensten (drei Prozent) auf. Für sie seien die Kirchen ein „terra incognita“ geworden, folgert die Studie.

Einen kleinen Silberstreif am Horizont geht von den Jugendlichen aus, die sich noch zur Kirche bekennen. Im Unterschied zu ihren Altersgenossen wird für sie eine Zunahme beim Gottesdienstbesuch, der Einhaltung kirchlicher Vorschriften und traditioneller Glaubenslehren registriert.

Die römisch-katholische und die Protestantische Kirche, lautet ein weiterer Befund der Autoren, sehen sich insgesamt mit einer „inneren Säkularisierung“ konfrontiert, da sich ihre Mitglieder immer weniger der traditionellen Lehre verpflichtet fühlen: Der Anteil der Katholiken, die an einen Gott glauben, der sich um jeden Menschen persönlich kümmert, hat sich seit 2006 von 27 auf 17 Prozent verringert. 46 Prozent stimmen der Auffassung zu, dass es einen Gott als „höhere Macht“ gibt. Bei den Protestanten teilt dagegen noch jeder zweite die Vorstellung eines persönlichen Gottes. Jeder dritte sieht in Gott eine höhere Macht. Unter den Anhängern der kleineren protestantischen Kirchen sind dagegen 83 Prozent überzeugt, dass es einen persönlichen Gott gibt.

Auch die Überzeugung, dass Jesus Christus der von Gott gesandte Sohn Gottes ist, teilen immer weniger Kirchenmitglieder. 45 Prozent der Katholiken bejahen dies. 2006 waren es 55 Prozent. Bei den Protestanten sind es 77 Prozent, 2006 waren es 85. An ein Leben nach dem Tod glauben 80 Prozent der Mitglieder der kleineren Kirchen, 53 Prozent der Protestanten und 22 Prozent der Katholiken.

Als einen weiteren Aspekt des Wandels untersucht die Studie den Stellenwert der Kirchen in der Öffentlichkeit. Die Folie dafür ist das Verschwinden der weltanschaulichen und konfessionellen „Versäulung“ der Gesellschaft. Das hieß, dass Protestanten und römische Katholiken, und später die Sozialdemokraten, einen großen Teil ihres Lebens in ihrer „Säule“, sprich: Weltanschauungsgruppe verbrachten. So besuchten Protestanten „christliche“, sprich: evangelische Schulen, lasen eine evangelische Tageszeitung wie die erwähnte Trouw, hörten ein evangelisches Radioprogramm, ein orthodoxes oder ein liberales, wählten evangelische Parteien und gehörten der „christlich-nationalen“, sprich: evangelischen Gewerkschaft an. Diese für die Niederlande typische Aufteilung der Gesellschaft in „Säulen“ ist durch die Individualisierung weitgehend aufgeweicht worden.

Wie 2006 tritt die Hälfte der Niederländer dafür ein, dass Religion auf die Privatsphäre beschränkt bleibt. „Niederländer sehen Religion zunehmend als eine Privatangelegenheit, die Respekt verdient und diesen auch in ausreichendem Maße erhält“, interpretiert Ton Bernts diesen Befund. Dafür spreche auch, dass christliche Schulen weniger gefragt und christdemokratische Parteien bei Wahlen weniger erfolgreich sind. Nur noch 14 Prozent der Wähler entschieden sich 2012 für christdemokratische Parteien, wobei die beiden kleinen evangelischen Parteien CU und SGP, die dem altreformierten Milieu verbunden sind, acht Sitze errangen.

Familiäre und nationale Feiern

Eine deutliche Mehrheit der Niederländer teilt der Studie zufolge die Meinung, Religion solle für Bildung und Politik keine bestimmende Rolle spielen. „Religion kann durchaus eine Quelle für Normen und Werte bieten, etwa im Sinne von Hilfestellung, jedoch nicht über strukturellen Einfluss auf gesellschaftliche Organisationen“, lautet das Resümee. Doch für biografische Übergänge wie Geburt, Trauung und Tod, nationale Gedenkfeiern und die Kinderziehung hat Religion für mehr als die Hälfte nach wie vor eine gesellschaftliche Bedeutung.

Von den Kirchenmitgliedern sind 55 Prozent der Auffassung, dass eine Gesellschaft ohne den Glauben an Gott zugrunde geht. Und sogar 31 Prozent der Gläubigen ohne kirchliche Bindung teilen diese Sorge, während bei ungebundenen Spirituellen und säkularen Niederländern jeweils nur fünf beziehungsweise sieben Prozent dem zustimmen. Auch das Vertrauen in die Kirchen nimmt ab, mittlerweile rangieren sie hinter Wissenschaft, Medien und Parteien.

Die Zahl der Befürworter einer strikten Trennung von Politik und Religion hat sich seit 1966 von 57 auf 69 Prozent erhöht. Und zugleich ist der Anteil der Niederländer, die sich gegen eine Trennung aussprechen, von 34 auf acht Prozent gesunken.

Die Deiche lägen den Niederländern mehr am Herzen als ihre Kirchen, notierte schon der Literaturkritiker und Journalist Conrad Busken Huet (1826-1886) in seinem zweibändigen Werk „Das Land von Rembrandt“. Von den heute rund 7?000 Kirchen und Kapellen sind in den kommenden Jahrzehnten - laut seriösen Schätzungen - bis zu 2?000 vom Abriss bedroht. Und andere Prognosen schließen nicht aus, dass schon in den nächsten zehn Jahren ein Viertel der Kirchen nicht mehr genutzt und etwa 1?100 geschlossen werden. Das entspricht zwei in jeder Woche. Der Abriss oder die Umnutzung so vieler Kirchengebäude könne als kollektive religiöse Amnesie interpretiert werden, stellte vor zwei Jahren eine Untersuchung des staatlichen „Sociaal en Cultureel Planbureau“ fest.

Auf die „kalte Dusche“, die der soziologische Befund nach den Worten des Amsterdamer Missionswissenschaftlers Stefan Paas bedeutet, haben die Kirchen aber weder larmoyant noch panisch reagiert. „Für diejenigen, die es bisher noch nicht erkannt haben: wir leben in einer postchristlichen Gesellschaft“, kommentierte der Altgeneralsekretär der Protestantischen Kirche Arjan Plaisier die jüngsten Zahlen. Christen, die sich als aktive Mitglieder ihrer Kirche sehen, gehörten eben zu einer Minderheit. Der 59-Jährige warnt vor dem Wunschdenken, aus der Schar von Sinnsuchern und Spirituellen könne man neue Mitglieder gewinnen. Auch Gerard de Korte, dem römisch-katholischen Bischof von Herzogenbusch, einem gelernten Historiker, bereitet die fortschreitende Säkularisierung keine schlaflosen Nächte: „Ja, wir befinden uns in einer Gefahrenzone, zumindest wenn es um die Volkskirche geht. Doch ich nehme noch viel christliches Leben wahr, sowohl auf katholischer wie auf protestantischer Seite.“

Und ähnlich sehen es die Autoren der Studie „God in Nederland“: „Auch in den heutigen Niederlanden sind vitale Pfarreien und Gemeinden zu finden, beseelte Gläubige und inspirierte Pastoren, bahnbrechende Initiativen, Pioniere, auf die Kirchen bauen und aufbauen können.“

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Rainer Clos

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