Vetokraft

Soziologische Außenperspektive
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In der Moderne scheint die Religion gerade dort überraschend kräftig, wo sie eben nicht allein bei ‚ihrer Sache’ bleibt, sondern sich mit allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen verbindet.

Dieses Opus magnum der Münsteraner Religionssoziologen Detlef Pollack und Gergely Rosta krönt die vielen Studien zur religiösen Lage in Deutschland, Europa und anderen Weltgegenden, die Pollack in den vergangenen 25 Jahren vorgelegt hat; und es dokumentiert die Produktivität des seit 2007 in Münster arbeitenden Exzellenzclusters „Religion und Politik“. Seine Energie bezieht dieses ungeheuer detailreiche, gleichwohl gut zu lesende Buch jedoch aus zwei polemischen Impulsen.

Zum einen stemmen Pollack und Rosta sich gegen die „Kritik am Säkularisierungstheorem“: Ihnen erscheint der Kern dieser Theorie, nämlich das Spannungsverhältnis von Modernisierung und Religion, nach wie vor plausibler als die verbreitete Vorstellung einer ‚Wiederkehr der Religion’, einer post-säkularen Epoche. Die Autoren sehen hier nur „eine Art armchair sociology, die zwar in der Lage ist, interessante (...) Thesen aufzustellen, aber wenig Bedarf dafür sieht, diese auch empirisch zu testen“. Der zweite Impuls des Buches besteht daher darin, die neuzeitliche Situation der Religion - so umfassend wie möglich - empirisch zu erhellen. Dabei rekurrieren die Autoren vor allem auf quantitative Erhebungen, denn den Statistiken und repräsentativen Befragungen trauen sie am ehesten die „Vetokraft empirischer Daten“ zu, „an denen plausible Vermutungen auch scheitern können“.

Den Hauptteil des Buches bilden darum acht Länderstudien, die geschickt nach dem Prinzip des maximalen Kontrasts ausgewählt sind. In Westeuropa werden - neben Westdeutschland - die „Hochburg des Katholizismus: Italien“ und die Situation der „Religion im freien Fall: die Niederlande“ untersucht; in Osteuropa werden die „Wiederkehr der Religion“ in Russland, das entkirchlichte Ostdeutschland und die „unerwartete Vitalität“ in Polen betrachtet. Der europäischen Situation stehen schließlich drei weitere Fallbeispiele mit je eigener religiöser Dynamik gegenüber, nämlich die USA, Südkorea und - besonders instruktiv - ein Vergleich der charismatischen, pfingstlerischen und evangelikalen Bewegungen in mehreren Ländern.

Jede dieser Fallstudien verbindet eine genaue empirische Beschreibung der religiösen Lage mit dem Versuch ihrer kulturellen, rechtlichen und institutionellen Erklärung. So eröffnen die einzelnen Kapitel nicht nur religionssoziologische, sondern auch gesellschaftshistorische und religionstheoretische Perspektiven von erheblichem Neuigkeitswert.

Gerahmt wird dieses Material durch ebenso konzentrierte wie anspruchsvolle theoretische Kapitel. Sie skizzieren eine „Theorie der Moderne“, die vor allem auf funktionaler Differenzierung und der Verselbständigung von Individuen und Organisationen beruhe, sowie einen Religionsbegriff, der funktionale und substanzielle Aspekte kombiniert und - zur vergleichenden Analyse - eine Erfahrungs-, eine Praxis- und eine Zugehörigkeitsdimension umfasst.

Den Schluss des Buches bildet - neben der Vorstellung eines komplexen „Mehrebenenmodells“, das diverse Faktoren und nationale Kontexte zueinander in Beziehung setzt - der Versuch, die verschiedenen „Muster und Bestimmungsgründe des religiösen Wandels in der Moderne“ zu skizzieren. Dabei halten die Autoren im Ergebnis zwar daran fest, dass „die Wahrscheinlichkeit negativer Konsequenzen der Modernisierung auf Religion relativ hoch“ ist; aber sie konzedieren doch auch zahlreiche Ausnahmen und Gegentrends, und zwar vor allem dort, wo Religion mit anderen, vor allem mit politischen Funktionen „verkoppelt“ ist; oder wo sich mit religiösem Engagement ökonomische oder kulturelle Vorteile der Einzelnen verbinden.

Angesichts der Vetokraft des Empirischen müssen die Autoren ihr soziologisches Ideal einer funktional klar bestimmten Religion mit hoher individueller Bedeutung und sozialer Eigendynamik also offenbar vorsichtig relativieren: In der Moderne scheint die Religion gerade dort überraschend kräftig, wo sie eben nicht allein bei ‚ihrer Sache’ bleibt, sondern sich mit allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen verbindet. Spätestens hier wird diese groß angelegte religionssoziologische Außenperspektive auch für eine theologische Innensicht bedeutsam. Denn jene funktionale Diffusität, jener Hang zur Verbindung der Religion mit ihren sozialen Kontexten ist ja, so scheint es, besonders für die christliche Religion charakteristisch: Es ist dieser Glauben, der - kritisch wie konstruktiv - mit Politik wie mit Ökonomie und Wissenschaft korrespondiert und der die Einzelnen eben nicht allein für ihr transzendentes Heil, sondern auch in ihrer vielfältig-irdischen Lebensführung orientieren will. Für das Christentum in der Moderne enthält die revidierte Säkularisierungstheorie, die hier entfaltet wird, durchaus Ermutigendes. Auch darum lohnt sich die Lektüre.

Detlef Pollack / Gergely Rosta

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