Bitte Beifall

Reise in die Lutherzeit
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Preisendörfer lässt teilhaben an den alltäglichen Sorgen und den revolutionären Veränderungen der Reformationszeit. Und er ordnet ein, macht Zusammenhänge deutlich und die Gedankenwelt der Lutherzeit verständlich.

Deutsche Sprache und Martin Luther, das gehört zusammen, und wenn auch Luther keineswegs der erste war, der eine deutsche Bibelübersetzung schuf, so war er es doch, der mit seiner Sprachgewalt, seinem Sinn für zart Poetisches wie drastisch Derbes unter den anderen Übersetzern herausragte und stilbildend wirkte. Er hat die deutsche Sprache mit seinen Wortschöpfungen und Bildern geprägt. Erfunden hat er sie freilich nicht. „Nur auf sich gestellt macht niemand Epoche“, stellt Bruno Preisendörfer in der Einleitung zu seinem Buch fest und holt sie aus Luthers Schatten, die anderen Theologen, die Forscher, Techniker, Künstler, die auf ihre Weise zum Epochenumbruch vom Mittelalter zur Neuzeit beigetragen haben.

Adam Ries, Peter Henlein und Nikolaus Kopernikus, Johannes Gutenberg, Lucas Cranach und Albrecht Dürer, Philipp Melanchthon und Thomas Müntzer, sie und viele andere begegnen der Leserin auf dieser Reise in die Lutherzeit, so der Untertitel von Preisendörfers prallem, detailliertem, etwas anderem Lutherbuch. Es beleuchtet nicht nur die epochemachenden Entwicklungen und die politische wie theologische Großwetterlage jener Zeit, sondern auch die vielen Facetten des alltäglichen Lebens, von der Wiege bis zur Bahre. Wie Katharina Luther ihren Haushalt managte, Schweinezucht inklusive, dass es beim deutschen Reinheitsgebot für Bier weniger um Reinheit als darum ging, genügend Getreide für Brot und Brei, die tägliche Nahrung, zu gewährleisten, hat Preisendörfer ebenso akribisch recherchiert wie Heeresordnungen und das Finanzwesen, auch damals schon bestimmt von Rohstoffpreisen und „Global Playern“ wie den Fuggern.

Kleidung war schon im 16. Jahrhundert soziales Unterscheidungsmerkmal. Modefragen „waren Machtfragen“, und Kleiderordnungen schrieben vor, welcher Stand was tragen durfte. Bündlein, Sturz, Haube waren damals die Faszinatoren der höheren Damen, bunte Federn trug der feine Herr am Hut; Bruch und Schamkapsel kamen weiter unten zum Tragen. Strenge Regeln bestimmten auch sonst das Leben; Gewalt war allgegenwärtig, nicht nur in den kriegerischen Auseinandersetzungen, sondern auch in der Erziehung, in Schule wie Elternhaus, in der Justiz mit ihren drakonischen Strafen wie dem Rädern oder den verschiedenen Foltermaßnahmen.

Alltäglicher Teil des Lebens war auch der Tod. Die Pest oder der „Englische Schweiß“ rissen mit Epidemien halbe Städte aus dem Leben, Syphilis, die „Franzosenkrankheit“, machte die Sexualität zu einer gefährlichen Sache. Preisendörfer beschreibt das wie ein teilnehmender Beobachter, kommentiert hier und da mit milder Ironie und freundlicher Distanz, mal mitfühlend, mal erschrocken.

Er lässt die Leserin teilhaben an den alltäglichen Sorgen wie den revolutionären Veränderungen, macht beides anschaulich und plastisch. Und er ordnet ein, macht Zusammenhänge deutlich und die Gedankenwelt der Lutherzeit verständlich. So gewinnt auch Luther Konturen. Preisendörfer zeichnet ihn als Menschen in seinen Widersprüchen, wie in seiner Sprache zwischen einfühlend, empfindsam einerseits und aggressiv und grob andererseits. In Manchem seiner Zeit voraus, in Vielem fest in ihr verhaftet. So verstand er Himmel und Hölle nicht symbolisch, sie waren für ihn real, der Teufel eine feste Größe. Das ist unterhaltsam zu lesen und am besten in kleinen Dosen, abschnittweise zu den verschiedenen Themen zu genießen, um nicht von der Fülle der Details überwältigt zu werden. Zum Schluss zitiert er Erasmus von Rotterdam: „Schluß der Vorstellung, nun, bitte, Beifall!“ Preisendörfer hat ihn verdient.

Jutta Schreur

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