Dreimal anders derselbe

Zur Grammatik christlicher Gotteserkenntnis
Mitte: Fenster „Dreifaltigkeit“ von Andreas Skorupa aus dem Zyklus „Unbegreiflichkeit Gottes“ in der Marienkirche Rüdesheim-Aulhausen. Foto: epd
Mitte: Fenster „Dreifaltigkeit“ von Andreas Skorupa aus dem Zyklus „Unbegreiflichkeit Gottes“ in der Marienkirche Rüdesheim-Aulhausen. Foto: epd
Die Lehre von der Dreieinigkeit Gottes gehört zum Kern der christlichen Dogmatik, aber ihr Sinn liegt für viele im Dunkeln. Michael Weinrich, emeritierter Professor für Systematische Theologie in Bochum und Herausgeber von zeitzeichen, zeigt, warum die Trinitätslehre für das christliche Gottesverständnis wichtig ist.

So annonciert es das Kirchenjahr: Am Karfreitag stirbt der Sohn am Kreuz, Ostersonntag wird der Sohn vom Vater auferweckt und geht in die Herrlichkeit des Vaters ein, und zu Pfingsten wird der verzagten Gemeinde der verheißene Heilige Geist zuteil. Eine Woche später – in diesem Jahr am 22. Mai – kommt es dann – jedenfalls in reformatorischer Tradition – gleichsam zu einem gemeinsamen Auftritt aller drei zusammen am Sonntag Trinitatis, dem Dreieinigkeitsfest. Doch das ist kein vergleichbarer Höhepunkt, wohl auch weil es für dieses Fest keine zu vergegenwärtigende biblische Erzählung gibt.

Einen vergleichbaren Spanungsabfall kann man auch in theologischen Examina erleben, wenn die Frage nach der Bedeutung und Notwendigkeit des trinitarischen Gottesverständnisses aufgeworfen wird. Es ist dann schon eher ein Glücksfall, wenn ein paar altkirchliche Fundamentalentscheidungen rezitiert werden. Vertiefende Neugier auf die aktuelle Bedeutung der Trinität führt das Gespräch schnell in eine Verlegenheit, aus der häufig nur noch ein Themenwechsel herausführt. Obwohl wir jeden Gottesdienst im „Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ beginnen, findet sich offenkundig selbst unter Theologinnen und Theologen kein solides Verstehen des ebenso charakteristischen wie merkwürdigen Begriffs der Dreieinigkeit. Angesichts des Umstandes allerdings, dass sich unsere monotheistischen Geschwister insbesondere an der Trinität reiben und sie mit so fundamentalen Verdächtigungen wie die der Vielgötterei, des Tritheismus oder der Vergottung eines Menschen entschieden von sich weisen, kann es in einer Situation, in der die Religionen näher zusammenrücken, nur befremdlich sein, wenn in einem so zentralen Punkt des Selbstverständnisses der Kirche nicht verlässlich mit einer kompetenten Auskunftsfähigkeit gerechnet werden kann.

Die elementare Grundfrage lautet: Wer war Jesus? Steht er in der Reihe der Propheten und ist unter ihnen der Bedeutendste, wie es vonseiten des Islam bis heute zu vernehmen ist? War er ein meisterhafter Ausleger der jüdischen Tradition, der dann nach seinem Tod von seinen Jüngern in anstößiger Weise vergottet wurde? War er ein unvergleichlich treuer und konsequenter Zeuge Gottes, oder zeigt sich in ihm auch Gott selbst? Ist er nur ein besonderer Botschafter oder auch selbst die Botschaft? Weniger von außen als vielmehr im Horizont des christlichen Bekenntnisses gefragt: Wie lässt sich angemessen verstehen, dass in der Geburt, dem Leben und Sterben und schließlich in seiner Auferweckung Gott in definitiver Weise am Werke gesehen wird? Nach einigem Hin und Her hat die Kirche auf diese Frage im vierten Jahrhundert in einer ausdifferenzierten Trinitätslehre eine Antwort gegeben, deren Fundamentalentscheidungen für den Mainstream der christlichen Lehrtradition bis heute zentral geblieben sind.

Im Blick auf die ersten Christusbekenner und dann wohl auch für sämtliche Verfasser des Neuen Testaments wird kaum zu bestreiten sein, dass sie die Begegnung mit Jesus als eine Begegnung mit Gott selbst verstanden haben. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich.“ (2. Korinther 5,19) Viele Aussagen über ihn und die ganze Erzählung seines Lebens in den Evangelien könnten nur als maßlose Hybris verstanden werden, wenn Jesus nur als ein besonders hingebungsvoller Bote Gottes verstanden worden wäre. Die Evangelien verschweigen keineswegs die nachvollziehbare Empörung über Jesus, der sich mit seinem Reden und Tun immer wieder in eine intime Verwandtschaft zu Gott gestellt hat. Es ist nichts weniger als Gotteslästerung, wenn ein Mensch meint, sich eigenmächtig auf die Seite Gottes stellen zu können. Die Titulierungen wie die, dass Jesus mit der alttestamentlichen Gottesbezeichnung HERR versehen wird, machen es durchaus plausibel, warum das Christusbekenntnis der Jesus-Anhänger zu Spannungen im Judentum und wenig später auch zur Ausgrenzung der Christen aus der Synagoge führte. Ohne das Bekenntnis, dass Jesus selbst das offenbare Wort Gottes sei, wären die Anhänger des Rabbi Jesus möglicherweise immer noch eine spezifische Bewegung innerhalb des Judentums. Wo er aber zu einem Gegenstand des Glaubens und der Hoffnung wird, kommt unversehens auch Gott selbst ins Spiel.

Zugleich gilt es eine zweite Scheidelinie zu beachten: Es war ja gerade nicht so wie es Marcion in der Mitte des zweiten Jahrhunderts propagierte, dass sich in Jesus ein neuer Gott der bedingungslosen Liebe gezeigt habe, der mit dem als rachsüchtig ausgegebenen Gott des Alten Testaments im Grunde nichts zu tun habe, auch wenn diese marcionitische Lehre bis heute in der Kirche nicht ganz verstummt ist. Vielmehr ging es im Christusbekenntnis entschieden um keinen anderen als den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der nun auch in Christus gehandelt habe. Nur aus dem Blickwinkel des Alten Testament kann das in Jesus sichtbar werdende Handeln Gottes angemessen in den Blick kommen. Die Verwandtschaft zum Judentum bleibt für das Christentum essenziell, auch wenn die Kirche dies zum schrecklichen Leidwesen der Juden und zu ihrer eigenen Entstellung immer wieder vergessen hat. Das gilt unberührt davon, dass der Zugang der Christen zum Gott Israels nicht von seinem besonderen Handeln in diesem Jesus von Nazareth absehen kann.

Damit kommt nun die Fundamentalproblematik in den Blick, zu der sich das trinitarische Gottesverständnis als eine Lösung präsentiert. Einerseits darf kein Zweifel daran Platz greifen, dass an der Einzigartigkeit des einen Gottes, wie sie von dem Glaubensbekenntnis Israels, dem so genannten Schemá in Deuteronomium 6,4, hervorgehoben wird, festzuhalten ist, und andererseits gilt es, die Selbstoffenbarung dieses Gottes Israels in Jesus Christus mit dieser Einzigkeit Gottes zusammen zu bringen. Es geht wohl gemerkt nicht darum, dass Gott die Gestalt eines Menschen angenommen habe und sich so gleichsam zu einem Menschen transformiert hätte, sondern darum, dass sich der Gott, dessen Treue in seinen Bund mit Israel gepriesen wird, in diesem Menschen konkret gezeigt habe. Gott wahrt konsequent seine Transzendenz und offenbart zugleich in diesem Menschen die ganze Reichweite seines an die Menschen gerichteten Wortes. Nach dem Prolog des Johannesevangeliums wird das Wort, das von Anfang an bei Gott war und eines Wesens mit ihm ist, Mensch und greift dabei eine aus dem Alten Testament geläufige innergöttliche Selbstunterscheidung Gottes zwischen sich und seinem Wort auf, nach welcher Gott sein Wort hier und da ergehen beziehungsweise geschehen lässt, so wie er auch diesen und jenen Menschen zur rechten Erkenntnis mit seinem Geist erfüllt.

Hier kommt die schon für das Alte Testament geltende Erkenntnisregel ins Spiel, nach der Gott nicht durch menschliches Suchen gefunden wird. Die Ursprungssituation des Gottesglaubens wird nicht als Resultat der menschlichen Gottesfrage verstanden, sondern sie stellt sich auf Initiative Gottes eher unverhofft als erwartet ein, so wie bei Mose am brennenden Dornbusch. Dass Petrus Jesus als Messias und Sohn Gottes erkennt, wird ausdrücklich nicht seiner menschlichen Hellsichtigkeit zugeschrieben, sondern auf die Initiative Gottes selbst zurückgeführt (Matthäus 16,17). Dahinter steht die Weisheit, dass ein Gott, der als ein Erfolg unserer Erkenntnisbemühungen gleichsam auf die Bühne gehoben würde, niemals mehr als ein Produkt unserer diesseitigen Phantasie sein könnte, so sehr sie auch vorgeben mag, erfolgreich in der Transzendenz fischen zu können. Gott ist weder etwas Vorfindliches, nach dem man suchen könnte, noch etwas logisch Zwingendes, das sich spekulativ erschließen ließe.

Diese biblische Regel für die Gottes-erkenntnis galt dann auch für die Alte Kirche, welche die Transzendenz Gottes mit dem Grundsatz schützte, dass Gott nur durch Gott erkannt werden könne. Gott lässt sich nicht finden, es sei denn, er offenbart sich selbst. Von ihrem Ursprung her kann wirkliche Gottesbegegnung immer nur das Resultat göttlicher Initiative sein. Das gilt im Übrigen für alle drei monotheistischen Religionen, dass sie sich von unverfügbarer Offenbarung orientiert wissen. Es geht nicht um einen in den Tiefen des Menschen zu suchenden, dann auch zu findenden Gott, sondern um die Begegnung mit einem den Menschen gegenüberstehenden Gott, der sich von sich aus den Menschen offenbart, ohne dabei seine Transzendenz aufzugeben.

Brücke zum Alten Testament

Auf diesem Hintergrund, dass nicht der Mensch das Subjekt der Gotteserkenntnis ist, bedenkt die Trinitätslehre im Horizont jüdischer Gotteserfahrung im Grunde schlicht den Satz: Gott offenbart sich in Jesus Christus. Die Trinitätslehre kann insofern als die Grammatik dieses fundamentalen christlichen Bekenntnissatzes verstanden werden, als sie sein Subjekt, sein Prädikat und sein Objekt so zueinander in Beziehung denkt, dass er zu einer stimmigen Aussage wird. Die hier fragliche Erkenntnis hat im Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ihr Subjekt, sie hat in Jesus Christus ihr Objekt, welches durch das Prädikat des Offenbarens – und dafür steht der Geist Gottes – Gott als einen in sich differenzierten Zusammenhang in Erscheinung treten lässt, in dem der eine Gott dreimal anders derselbe ist. Wenn wir für Jesus Christus das Wort Gottes setzen würden, was ja sachlich auch gemeint ist, könnte der Satz auch lauten: Gott offenbart sich in seinem Wort. Es ist Gott, der sich offenbart, indem er sein Wort offenbart und sich durch seinen Geist den Menschen verstehbar macht. Es zeigt sich, dass diese veränderte Formulierung auch eine Brücke zum Alten Testament schlägt, dessen Gotteserkenntnis durchaus in vergleichbarer Weise verstanden werden kann.

So wie sich die trinitarisch strukturierten Glaubensbekenntnisse der Alten Kirche auch als Leseanleitung für das biblische Zeugnis verstanden, kann die Trinitätslehre als eine Art Grammatik der Theologie gesehen werden. Als Grammatik der Theologie ist sie ebenso sekundär wie die Grammatik einer lebendigen Sprache. Aber ihre Kenntnis hilft, Klarheit in die Bezüge von komplexen Aussagen zu bringen. Sie erinnert daran, dass von Gott und seiner Selbsterschließung in der Offenbarung erst dann angemessen die Rede ist, wenn diese drei Dimensionen von Ursprung, Inhalt und Gegenwärtigkeit zusammengehalten werden. Für die Selbstvergegenständlichung des einen Gottes bleiben diese drei Aspekte zu unterscheiden, damit Gott einerseits nicht seiner Transzendenz beraubt wird, ebenso wenig wie die Klarheit seiner Selbstmitteilung noch die Lebendigkeit seiner Präsenz getrübt werden dürfen. Die Trinitätslehre ist als solche kein Glaubensinhalt, sie ist vielmehr ein durchaus begrenztes, aber eben auch bewährtes Plausibilisierungsmodell für das christliche Gottesverständnis, dass in Jesus Christus die universale Gestalt der Selbsterschließung des Gottes Israels bezeugt. Sie kann auch wie jede charaktervolle Einsicht der Theologie über Gott als Lobpreis verstanden werden, denn sie preist den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs darin, dass er sich auch in besonderer Weise in Jesus Christus gezeigt habe und sich als solcher bis heute in seinem Geist vergegenwärtige. Ihrer Intention nach trennt die Trinitätslehre nicht von Israel, sondern schützt ausdrücklich die essenzielle Verbundenheit mit dem Gotts Israels.

Maske im Theater

Die Alte Kirche hat von drei Personen und einer Substanz gesprochen. Um die Trinität aber vor der immer wieder auftauchenden sozialromantischen Vorstellung einer vollkommenen und einträchtigen himmlischen Familie zu schützen, bleibt wahrzunehmen, dass in der Antike die Person nicht für ein eigenständiges Individuum, sondern für eine Rolle beziehungsweise Maske im Theater steht. Um die vom Begriff der Person heute ausgehenden Verwirrungen zu vermeiden, die beinahe unausweichlich in einem Tritheismus enden, hat beispielsweise Karl Barth vorgeschlagen, anstatt von Personen von drei Seinsweisen Gottes zu sprechen: der Seinsweise des Offenbarers, der Seinsweise der Offenbarung und der des Offenbarseins. Erst alle drei Seinsweisen zusammen sorgen dafür, dass die Prämisse, Gott könne nur durch Gott erkannt werden, konsequent und ihrer ganze Reichweite ernst genommen bleibt. Das sind die drei Dimensionen, durch welche konsequent Gott tatsächlich die Zuständigkeit für seine Selbstmitteilung eingeräumt bleibt, ohne dass er in eine Abhängigkeit von dem Wollen unserer Erkenntnis oder von der Vermittlungspotenz der Kirche gerät. Offenbarung bleibt einschließlich ihres Verstehens tatsächlich eine Angelegenheit Gottes. Das eine Geschehen enthält die drei genannten zu unterscheidenden und zugleich zusammenzuhaltenden Dimensionen, für die in der Tradition der Vater als der Offenbarer, der Sohn als die Offenbarung und der Geist für das aktuelle Offenbarsein stehen.

Es ist diese spezifische Souveränität, in der sich Gott durch seinen Geist in seinem Mensch gewordenem Wort immer wieder lebendig erweist, die am Sonntag Trinitatis gepriesen wird.

Michael Weinrich

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