Eine Verteidigung

Über evangelische Mystik
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Mystik ist weder religiöses Esperanto, noch der spirituelle Kern, der übrig bleibt, wenn man alle Vorstellungsgehalte einer Religion über Bord geworfen hat.

Nach seiner 2003 erschienen Evangelischen Spiritualität legt der in Leipzig lehrende Praktische Theologe Peter Zimmerling nun ein Buch über Evangelische Mystik vor. Da stellt sich unweigerlich die Frage, worin der Unterschied zwischen Spiritualität und Mystik besteht. Doch von Anfang an lässt Zimmerling – aus guten Gründen – das Seziermesser links liegen. Ihm ist nicht daran gelegen, die Mystik wie ein Pathologe feinsäuberlich aus dem Kreis der religiösen Phänomene herauszulösen. Denn Mystik ist für ihn vor allem eine Intensivform von Religion. Und ihre Intensität kann sich an ganz verschiedenen Facetten religiösen Lebens entzünden.

Auch darum wendet er sich im Hauptteil dieses Buches individuellen Lebensbildern zu. Anhand ihrer Erfahrungen und Selbstzeugnisse begibt er sich auf die Spur einer genuin evangelischen Mystik. So sind neun theologisch gedeutete Biogramme entstanden – zu Martin Luther, Philipp Nicolai, Paul Gerhardt, Johann Sebastian Bach, Nikolaus von Zinsendorf, Dag Hammarskjöld, Dietrich Bonhoeffer und Dorothee Sölle. Sie bilden das Herzstück des Buches, das am Ende in eine „kleine Theologie evangelischer Mystik“ einmündet.

Im Protestantismus galt Mystik lange als eine rein katholische Angelegenheit. Umso mehr ist Zimmerling daran gelegen, bereits bei Luther die Grundzüge einer evangelischen Mystik auszumachen. Dass der Reformator durch mystische Frömmigkeit und Theologie geprägt wurde, ist weitgehend unstrittig. Doch nach Zimmerling ist er auch zeitlebens ein Mystiker geblieben – wenngleich eigenen Typs. Aus dem Geist der Rechtfertigungslehre schuf Luther demnach eine neue, eigene Form der Mystik. In ihr muss die Seele keine Stufenleiter religiöser Werke mehr hinaufsteigen, um mit Gott in der „unio mystica“ vereint zu sein. Auch löst diese Mystik den Glauben nicht in eine Wolke seligen Nichtwissens auf. Vielmehr handelt es sich bei Luther um eine christozentrische Mystik des Wortes. Ihre Kernerfahrung ist gerade jener äußere Zuspruch der Gnade, der evangelischerseits so oft gegen die Mystik ins Feld geführt wurde.

Aus diesen beiden Motiven – Wortbezug und Christozentrik – webt Zimmerling den Leitfaden seiner Darstellung. Stets ist er bemüht, sie in den Zeugnissen seiner Protagonisten zum Vorschein zu bringen. Dahinter steht die berechtigte These, dass es keine „Mystik an sich“ gibt. Mystik gibt es nur als intensive Ausprägung einer bestimmten Religion. Mystik ist weder religiöses Esperanto, noch der spirituelle Kern, der übrig bleibt, wenn man alle Vorstellungsgehalte einer Religion über Bord geworfen hat. Eben darum führt der Weg der Mystik nach Zimmerlings Dafürhalten auch nicht vom Christentum und von der Kirche weg, sondern umgekehrt tiefer in sie hinein.

So ist dieses Buch über weite Strecken auch eine „Verteidigung der Mystik gegenüber ihren binnenevangelischen Verächtern“. Nicht umsonst mündet das Buch in einen Kriterienkatalog, der sicherstellen soll, dass die Mystik mit ihrem Hang zum Exzentrischen, den Boden des Evangelischen nicht verlässt. Die Frage ist nur, ob es neben dem bekenntnistreuen Argwohn nicht inzwischen eine weit größere – und buntere – Schar solcher gibt, die an Mystik interessiert sind. Ihnen die Vorzüge und Charakteristika einer genuin evangelischen Mystik vorzustellen, ja schmackhaft zu machen, ist dieses Buch leider weniger geeignet. Selbstverständlich wäre eine solche „Einladung zur Mystik an die Gebildeten unter ihren Interessierten“ als zweiter Band dem Verfasser ohne weiteres zuzutrauen. Im Rezensenten fände sie jedenfalls schon einmal einen ersten interessierten Leser.

Peter Zimmerling: Evangelische Mystik. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2015, 283 Seiten, Euro 30,–.

Tobias Braune-Krickau

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