Spannend

Zeitgeistverliebte Protestanten
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25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung ist es an der Zeit, das Klischee des zeitgeistverliebten Protestantismus einer historischen Tiefenprüfung zu unterziehen.

Einem landläufigen Klischee zufolge sind Protestanten Zeitgeistverliebte. Schließlich scheint es kaum einen gesellschaftlichen Trend zu geben, der nicht früher oder später auch seine religiös-theologische Untermauerung oder Anverwandlung erhält. Und Kirchentage, so hört man dann weiter, dienten vor allem als Messen für Trends in Sachen zeitgemäßer Religionskultur.

So richtig es ist, skeptisch gegenüber diesen, nicht zuletzt in gelehrten Feuilletons immer wieder zu hörenden Stimmen zu bleiben, so wenig darf übersehen werden, dass (fast) jedes Klischee irgendwo seinen Anhaltspunkt in der Wirklichkeit findet. In Sachen Protestantismus darf man, zumindest für die Tage der alten Bundesrepublik, sagen, liegt dies an seiner bisweilen ausdrucksstarken, mentalen Differenz zum kirchlich verfassten Katholizismus. Das ist in einer zutiefst bi-konfessionellen Gesellschaft auch nicht weiter verwunderlich. Demgegenüber ist es 25 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung an der Zeit, das Klischee des zeitgeistverliebten Protestantismus einer historischen Tiefenprüfung zu unterziehen. Der hier anzuzeigende Band, der von Christian Albrecht und Reiner Anselm herausgegeben wurde, bildet den Auftakt zu einer Reihe, die den Wirkungen der Religion in der Bundesrepublik in historischer und analytischer Perspektive nachgehen möchte. Im Vordergrund steht dabei Rolle, die der vielfältig verfasste und vernetzte Protestantismus in den ethischen Debatten der Frühphase der alten Bonner Republik, also in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, gespielt hat. Dabei eint die Autorinnen und Autoren – Theologen, Juristen, Historiker, Sozialwissenschaftler, Jüngere und bereits Etablierte –, dass man von „dem“ Protestantismus genauso wenig reden kann, wie es Sinn haben würde, ohne Fokus auf einzelne Akteure, auch innerhalb breiterer Bewegungen, dem konkreten Einfluss protestantischer Mentalitäten auf die Spur zu kommen.

Arbeiten sich im ersten Teil des Bandes die Beiträge daran ab, welche konzeptionellen Strategien und Angebote protestantische Denker zu den Großthemen der damaligen Zeit – Sozialstaat, Demokratieverständnis, Fragen nationaler Identität im Angesicht der Teilung – beitrugen, stehen im zweiten, umfassenderen Teil konkrete Fallbeispiele im Mittelpunkt. Es geht um die Rolle der evangelischen Akademie Hermannsburg-Loccum bei der Integration der mehrheitlich protestantischen Ostvertriebenen, um den Einfluss evangelischer Rundfunkarbeit oder auch um die Bedeutung der protestantischen Sittlichkeitsbewegung für die Ehe- und Familienarbeit, sowie bei Initiativen zur sexuellen Aufklärung und zum Jugendschutz. Dem kirchlichen, auch kirchenoffiziellen Engagement zur Etablierung der Kriegsdienstverweigerung wird ebenso nachgegangen, wie anhand von Biographien heute kaum mehr erinnerter Größen, wie Werner Simpfendörfer und Friedrich Karrenberg gezeigt wird, dass individuelle, protestantische Identitätsvergewisserung in umfängliches öffentliches Tun mündete, etwa bei der Gestaltung von Gottesdiensträumen oder im Aufbau gesellschaftspolitischer Netzwerke.

Mit alledem wird dem Leser und der Leserin auf spannende Weise die Vielgestaltigkeit des Einflusses des Protestantismus in seinen individuellen, gesellschaftspolitischen und kirchlichen Ausprägungen in den ersten beiden Nachkriegsjahrzehnten nahegebracht. Ein Aspekt, der in vielen Beiträgen des Bandes immer wieder zum Vorschein kommt, ist die zumindest für den Rezensenten einigermaßen überraschende Einsicht, wie sensibel, aber eben auch kritisch viele damalige Zeitgenossen bereits auf das reagierten, was Soziologen später unter den Begriff der Individualisierung fassten. Gesellschaftliche Individualisierungs- und Pluralisierungsschübe wurden in den eigenen Milieus nicht nur beobachtet, sondern zu gestalten versucht. Da-rin partizipierte der Protestantismus am Lernprozess einer sich erst langsam als demokratisch selbst verstehenden Gesellschaft; konservative wie bisweilen restaurative Gegenströmungen mit inbegriffen. Nicht nur in diesem Sinne lässt sich das eingangs erwähnte Vorurteil somit dahingehend korrigieren, dass es vielleicht weniger die Zeitgeistverliebtheit ist, die den Protestanten ausmacht, sondern eine stets auch mit Fehlern und Blindheit geschlagene, aber darin doch wachsame teilnehmende Zeitgenossenschaft.

Christian Albrecht/Reiner Anselm (Hg.): Teilnehmende Zeitgenossenschaft. Verlag Mohr Siebeck, Tübingen 2015, 416 Seiten, Euro 59,–.

Christian Polke

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